Berlin

Eine U-Bahn mit Geschichte

Die BVG reaktiviert ihre Museumsflotte. Die Wagen fahren bislang nur noch in Nordkorea

Gerade der Sommer hat es wieder gezeigt. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) kommen bei der U-Bahn immer öfter an ihre Grenzen. Selbst in den späten Abendstunden sind Züge überfüllt. Betroffen sind vor allem die derzeit zur U12 verknüpften Linien U1 und U2 sowie die U5, U6 und die U8.

Besserung ist kaum in Sicht. Zwar hat die BVG zu Jahresbeginn zwei Prototypen für eine neue Baureihe vorgestellt, doch die Serienfertigung beginnt frühestens 2016. Die ersten der 24 von Stadler in Pankow gebauten Züge der Serie IK wird die BVG voraussichtlich erst Ende 2017 erhalten. Angesichts der Lage stellte der Senat im Frühjahr zusätzlich 58 Millionen Euro für neue U-Bahn-Wagen bereit. Dennoch gilt die Nachlieferung auch BVG-intern lediglich als „Tropfen auf den heißen Stein“.

Der Fahrgastverband Igeb fordert den Senat auf, angesichts steigender Beförderungszahlen mehr Geld für Investitionen freizugeben. „Die BVG benötigt dringend mehr Fahrzeuge, vor allem bei der Straßenbahn und der U-Bahn“, so Sprecher Jens Wieseke. Angesichts der Schuldenbremse müsste jetzt schnell gehandelt werden. Die zwischen dem Bund und den Ländern vereinbarte Regelung verringert ab 2020 die Möglichkeit für die öffentliche Hand, mehr Geld auszugeben als eingenommen wird.

Angesichts des Fahrzeugmangels will die BVG nun drei Züge reaktivieren, die bereits seit mehr als zehn Jahren außer Dienst sind. „Für uns ist es ein Glück, dass wir sie aufgehoben haben“, sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz. Laut einer im Europäischen Amtsblatt veröffentlichten Bekanntmachung geht der Auftrag für die „Hauptuntersuchung und Modernisierung von drei historischen Fahrzeugen der U-Bahn-Baureihe D und DL“ an die Fahrzeugwerke Miraustraße in Hennigsdorf. Wegen der „zwingenden Dringlichkeit im Zusammenhang mit Ereignissen, die der Auftraggeber nicht vorhersehen konnte“, erfolgt die Vergabe „freihändig“ – also ohne die übliche europaweite Ausschreibung. Die Fahrzeuge würden schnellstmöglich benötigt, für die Wiederinbetriebnahme stehe nur ein Zeitraum von acht Monaten zur Verfügung, heißt es.

Die Baureihe D ist in Berlin legendär, ist sie doch die erste Fahrzeuggeneration, die die Verkehrsbetriebe nach dem Zweiten Weltkrieg entwickeln ließen. Mehr als 200 Doppeltriebwagen wurden von 1956 bis 1971 für das sogenannte Großprofilnetz, die heutigen Linien U5 bis U9, gebaut, bis 1965 in robuster Stahl-Bauweise, danach als Baureihe DL in Leichtbauweise – mit einem Wagenkasten aus Aluminium. Nach ihrer Ausmusterung im Jahr 1999 wurde ein Großteil der „Stahl-Doras“ nach Nordkorea verkauft. Dort fahren die Züge bis heute in der Hauptstadt Pjöngjang. Bilder des Diktators Kim Jong-un zieren die Wände im Wageninneren, wie Besucher aus dem Westen in ihren Reiseschilderungen vermerken.

Doch es gibt noch eine weitere historische Besonderheit. Weil Ende der 80er-Jahre der U-Bahn im Osten der noch geteilten Stadt Wagen fehlten, bat sie die BVG-West um Hilfe. Da zur gleichen Zeit im Westteil die D57-Züge durch moderne F87 (die Zahl hinter dem Baureihen-Buchstaben bezeichnet das Herstellungsjahr), kam es zu einem der kuriosesten Geschäfte zwischen Ost und West: Die BVG-West überließ der damaligen BVB-Ost 50 Doppelwagen. Als Gegenleistung sicherte die BVB die Sanierung der im Osten gelegenen Abschnitte der West-Linien U6 und U8 zu. Die Züge der jüngeren DL-Baureihe fuhren im dann vereinten Berlin noch bis Ende 2004 im regulären Linienbetrieb, dann war auch für sie Schluss. Seither wurde die Baureihe D nur noch zu besonderen Anlässen eingesetzt.