Strafprozess

Ist Mario K. wirklich der Maskenmann?

Der „Maskenmann“-Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Zu viele Fragen blieben offen. Nun muss der Bundesgerichtshof entscheiden.

Mario K. vor den Richtern

Mario K. vor den Richtern

Foto: dpa Picture-Alliance / Patrick Pleul / picture alliance / dpa

Frankfurt (Oder).  Diese Geschichte ist noch nicht beendet. Auch wenn das Schwurgericht Frankfurt (Oder) den 47-jährigen Mario K. eindeutig für den „Maskenmann“ hält und ihn zur Höchststrafe verurteilte: lebenslänglich. Zu vieles ist ungeklärt, zu vieles umstritten. Es ist ein Präzedenzfall, wie groß die Kluft sein kann zwischen der tatsächlichen Beweislage und der Meinungsbildung eines Schwurgerichts. Selten zuvor wurde wohl derart gespannt auf eine Entscheidung des Bundesgerichtshof über das Revisionsbegehren der Verteidigung gewartet.

Es war von Anfang an eine merkwürdige Kette von Straftaten, für die es bis heute kein schlüssiges Motiv gibt: Am 22. August 2011 wird Petra P., Ehefrau eines Berliner Immobilienunternehmers, gegen 22 Uhr vor ihrer Villa in Bad Saarow von einem maskierten Mann niedergeknüppelt. Die 61-Jährige wird schwer verletzt. Als die Haushälterin dazukommt, flieht der Täter. Am 2. Oktober 2011 gibt es einen zweiten Vorfall, wieder in Bad Saarow, wieder betrifft es auch ein Mitglied der Familie P.: Die 23-jährige Tochter Louisa kommt von der Pferdekoppel, begleitet von einem Bodyguard. Plötzlich stellt sich ihnen ein Mann in den Weg. Er trägt eine Art Militärhelm, das Gesicht ist verdeckt von einem Imkernetz. „Geh’ auf den Boden, Mädchen“, befiehlt er. Sicherheitsmann Torsten H. hält dagegen, schreit: „Lauf Louisa!“ Worauf der Maskenmann blitzschnell eine Pistole durchlädt und auf H. schießt. Der 31-Jährige wird am 12. Brustwirbel verletzt, ist seitdem querschnittsgelähmt.

Das Gesicht des Täters war mit einem Imkernetz verhüllt

Fast genau ein Jahr später folgt die dritte Tat: Am Abend des 5. Oktober 2012 wird die Familie des 51-jährigen Stefan T., Vorstandsmitglied einer Berliner Kapitalbeteiligungsgesellschaft, in ihrem Wochenendhaus am Storkower See überfallen. Wieder ist das Gesicht von einem an einer Kopfbedeckung befestigten Imkernetz verdeckt. Als sich Stefan T. widersetzen will, schießt der Täter drohend in die Decke. Kriminaltechniker werden später feststellen, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um jene Waffe handelt, mit der ein Jahr zuvor Torsten H. niedergeschossen wurde. Stefan T. wird von dem „Maskenmann“ als Geisel mitgenommen. Die Familie soll für die Freilassung eine Million Euro zahlen. Doch dazu kommt es nicht. Stefan T., den der Entführer gefesselt und geknebelt auf einer Insel zurückgelassen hat, kann sich 33 Stunden später befreien.

Der Ermittlungsdruck war nach dieser Entführung noch größer geworden. Durch einen Hinweis aus Berlin gerät in den Fokus der Soko „Imker“ auch der mehrfach vorbestrafte Mario K. Bei einer seiner Verurteilungen hatte eine Pistole der Marke Česká eine Rolle gespielt. Auch hat der arbeitslose Dachdecker offenkundig eine große Affinität zu Wäldern und Seen. Und er ist sportlich. Kurzum: Er passt ins Täterbild.

Erstmal vernommen wird Mario K. am 22. Oktober 2012. Ein Beamter protokolliert, K. könne sich an seine Aufenthaltsorte zu den jeweiligen Tatzeiten nicht mehr erinnern. Seit März 2013 wird Mario K. observiert. Um an eine Stimmprobe zu gelangen, wird K. unter einem Vorwand in das Jobcenter Lichtenberg geladen. Fahnder der Soko „Imker“ nehmen heimlich ein Gespräch mit einem Arbeitsvermittler auf. Anschließend wird Mario K. noch monatelang verfolgt. Es gibt jedoch keinen Hinweis auf die Planung neuer Straftaten.

Keine klassischen Beweise, aber Indizienkette

Am 17. September 2013 wird Mario K. gegen 18 Uhr in Köpenick festgenommen. Es gebe zwar keine klassischen Beweise, aber eine schlüssige Indizienkette, heißt es in Potsdam bei einer Pressekonferenz. Acht Monate später, am 5. Mai 2014, beginnt vor dem Schwurgericht in Frankfurt (Oder) der Prozess. Die Anklage lautet versuchter Mord, schwere Körperverletzung und erpresserischer Menschenraub. Mario K. lässt über seinen Verteidiger Axel Weimann erklären: „Ich bin der Falsche. Ich habe mit dem, was mir in der Anklage vorgeworfen wird, nichts zu tun.“ Selber sagen wird er nichts. Das ist sein Recht.

Am 12. Juni 2015 wird das Urteil gesprochen. Das Schwurgericht verurteilt Mario K. zu „lebenslänglich“. Es ist ein überraschendes Urteil. In 53 Verhandlungstagen gab es keinen Zeugen, der Mario K. in der Nähe der Tatorte sah. Es gab auch keine sogenannten Sachbeweismittel wie DNA-Spuren, Fingerabdrücke, Faserspuren; es gab auch keine verräterischen Telefongespräche, die abgehört wurden, keinen Zeugen, dem er von den Taten erzählt haben soll.

Freie, aus dem Inbegriff der Verhandlung geschöpften Überzeugung

All das ist für eine Verurteilung letztlich auch nicht nötig. In der Strafprozessordnung steht: „Über das Ergebnis der Beweisaufnahme entscheidet das Gericht nach seiner freien, aus dem Inbegriff der Verhandlung geschöpften Überzeugung.“ Ein Kommentar ergänzt: Es genüge „ein nach der Lebenserfahrung ausreichendes Maß an Sicherheit, demgegenüber vernünftige Zweifel nicht mehr aufkommen.“ Fehlerfrei sei die Beweisführung aber nur, „wenn sie auf einer tragfähigen, verstandesmäßig einsichtigen Tatsachengrundlage beruht, und die vom Gericht gezogene Schlussfolgerung sich nicht nur als bloße Vermutung zu begründen vermag“.

Wie ernst das Richter nehmen, zeigt sich an einem Beispiel am 25. August 2015 im Amtsgericht Tiergarten. Angeklagt wegen schweren Hausfriedensbruches ist ein einschlägig vorbestrafter Hooligan des 1. FC Union Berlin. Der 29-Jährige soll in Stockholm bei einem Freundschaftsspiel gegen den schwedischen Verein Djurgardens IF zu Randale aufgefordert und daran auch selber aktiv mitgewirkt haben. Ein Beamter des Landeskriminalamtes gibt an, den 29-Jährigen dabei „100-prozentig erkannt“ zu haben. Der Polizist ist seit 14 Jahren beim 1. FC Union als „szenekundiger Beamter“ tätig. Den Angeklagten kennt er seit etwa zehn Jahren. Die Richterin will wissen, woran genau er den vermummten Täter erkannt habe. „An seinem Gang“, erklärt der Polizist, „an seiner Gestik, seinen Augen.“ Die Richterin möchte es genauer. Genauer sagen kann es der Beamte nicht. Er ist sich aber absolut sicher – die Richterin nicht, sie stellt das Verfahren ein.

Fragwürdige Parallelen zu Vorstrafen des Angeklagten

Der Vorsitzende des Schwurgerichtes in Frankfurt (Oder) spricht bei der Urteilsbegründung von 14 Indizien. „All diese Indizien addieren sich zur Gesamtschau und führen uns zur Überzeugung, dass der Angeklagte der Täter dieser drei Taten war“, sagt Richter Matthias Fuchs. Als „wichtigstes Indiz“ nennt er die Vorbelastungen des Angeklagten. Und schon hier gibt es das erste Fragezeichen: Tatsächlich ist Mario K. vorbestraft, jedoch nicht wegen Überfällen auf Menschen, Geiselnahmen oder Erpressungen. Und er trug bei den verurteilten Straftaten zwar Tarnkleidung, ähnlich wie der „Maskenmann“, agierte aber nie maskiert. Richtig ist auch, dass er im Jahr 2003 am Seddiner See Jachten plünderte und anzündete. Dafür wurde er vom Landgericht Berlin zu fünf Jahren und drei Monaten verurteilt. Richtig ist jedoch nicht, wie von Richter Fuchs vorgetragen, dass er die abmontierten schweren Bootsmotoren auf einer Luftmatratze zu seinem Quartier auf einer Insel bugsierte. Das wurde bei dem Prozess in Berlin nicht festgestellt. Dennoch war es für die Frankfurter Richter eine belastende Parallele zur Geiselnahme des Stefan T., den der „Maskenmann“ zwang, sich auf eine Luftmatratze zu legen, um ihn mit einem Kajak hinter sich her zu ziehen.

Auch ein weiteres angeblich wichtiges Indiz, die bei den Überfällen verwendete Pistole der Marke Česká, ist wenig überzeugend. Mario K. hatte zwar nachweislich mit einer Česká in einem Schützenverein trainiert. Und er trug eine Česká bei sich, als er im November 1997 vor einem Einkaufszentrum in Hellersdorf mit einer Gruppe Skinheads aneinander geriet. Er zog damals die Waffe, schoss zwar auf den Boden, verletzte aber mit den Querschlägern fünf seiner Widersacher. Einer konnte ihm die Waffe entreißen und schoss ihm ins Knie. Mario K. wurde damals zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Aber ist das tatsächlich ein Indiz? Pistolen dieser tschechischen Marke sind auf dem illegalen Markt vergleichsweise leicht zu bekommen und spielen bei Strafprozessen immer wieder eine Rolle. So war, um zwei aktuelle Beispiele zu nennen, bei den Morden durch den NSU eine Česká die Tatwaffe; ebenso bei dem Mord an einem Notar aus Westend, der von seinem Sohn erschossen wurde.

Noch problematischer wird es bei den von Richter Fuchs aufgezählten Indizien, in denen das Gericht Wertungen vornimmt, die sich so während der Beweisaufnahme gar nicht bestätigt haben. Ein Beispiel ist der sogenannte Stimmentest. Ein Ermittler der Soko „Imker“ sagte Mario K. bereits unmittelbar nach dessen Festnahme, er sei überführt, weil ihn eines seiner Opfer an der Stimme erkannt habe. Gemeint war Stefan T., der sich später bei der Polizei und vor Gericht geradezu verblüffend genau an kleinste Details seiner Entführung erinnern konnte. Auch an die Stimme des „Maskenmannes“: „Eher tief, akzentuiert, wenig variantenreich, monoton, gepresst, eine Stimme aus der Region mit der typischen Mundart.“ Er konnte seinen Entführer sogar nachahmen. Es klang, als spreche ein Roboter in einem Trickfilm. Und T. kündigte noch ein weiteres Erkennungsmerkmal an: „Sobald ich den Täter wieder höre, bekomme ich eine Gänsehaut.“ Er bekam dann aber keine Gänsehaut, als ihm ein Polizei-Gutachter die Stimmen von sechs Personen vorspielte. Bei Aufnahme Nummer vier wurde er unsicher: „Die Klangfarbe geht in diese Richtung.“ Allerdings habe der Entführer nicht so einen starken Dialekt gesprochen. Bei Aufnahme Nummer fünf – es war die Stimme des Angeklagten – nickte Stefan T. Das sei „ein noch heißerer Kandidat als der Vorgänger, der kommt dem Thema sehr nah, die Stimmlage, der Klang, alles sehr ähnlich“. Aber dann folgte sein ernüchterndes Fazit: „Es ist aber keine echte Wiedererkennung.“ Das Schwurgericht wertete es anders. Richter Fuchs sagt, Stefan T. habe den Angeklagten an der Stimme erkannt.

Ein merkwürdig spät erkanntes abstehendes linkes Ohr

Erkannt worden sei Mario K. nach Meinung der Kammer jedoch nicht nur an der Stimme, sondern auch an seinem abstehenden linken Ohr. Tatsächlich ist das bei Mario K. der Fall. Dieses Merkmal erkannt haben will die am 22. August 2011 vom „Maskenmann“ überfallene Petra P. Über dieses abstehende Ohr gibt es jedoch keinen Vermerk in den Protokollen der umfangreichen Vernehmungen, die mit der zierlichen Frau geführt wurden. Sie hat das Ohr auch nicht erwähnt, als sie einem Phantombildzeichner den Täter beschrieb. Erwähnt wird das abstehende linke Ohr von Petra P. erstmals bei ihrer Aussage vor dem Schwurgericht – just, als ihr Mario K. genau gegenüber sitzt.

Vor Gericht kommen dann auch weitere Merkmale des Täters zur Sprache, die sie bei der Polizei zu Protokoll gegeben hat: „basedowartige (hervorquellende) Augen“. Das ist bei Mario K. nachweislich nicht der Fall. „Sehr dichte, stark geschwungene, rotblonde Wimpern; dichte, rotblonde Augenbrauen, Sommersprossen und rötliche Bartstoppeln.“ Mario K. ist dunkelhaarig. Erwähnenswert auch ihre Größenangabe: 1,70 bis 1,75 Meter. K. ist 1,85 Meter groß. Dass der „Maskenmann“ höchstens 1,75 Meter maß, hatten übrigens auch Stefan T. und dessen Frau angegeben.

Es wird interessant sein, wie das Schwurgericht das Urteil schriftlich begründet. Anfang Oktober muss die Urteilsbegründung vorliegen. Der Bundesgerichtshof wird dann vermutlich Anfang des Jahres 2016 über Mario K.s Antrag auf Revision entscheiden. Sein Mandant sitze weiterhin in Cottbus-Dissenchen in Untersuchungshaft, sagt Anwalt Axel Weimann. Nein, verzweifelt sei Mario K. im Moment nicht, er vertraue auf das Revisionsgericht.