Flughafen BER

"Chaos schon Monate vor der BER-Absage bekannt"

Im BER-Untersuchungsausschuss sagten weitere Zeugen aus. Die Abgeordneten halten die Bauherren für überfordert.

Das Terminal des Hauptstadtflughafens Willy Brandt in Schönefeld

Das Terminal des Hauptstadtflughafens Willy Brandt in Schönefeld

Foto: Bernd Settnik / dpa

Berlin/Schönefeld.  Die Hoffnungen, die sich am künftigen Hauptstadtflughafen mit der Person Jochen Großmann verbanden, waren groß. Im Auftrag des damaligen Flughafenchefs Hartmut Mehdorn sollte der Professor von der TU Dresden endlich die fragile Brandschutzanlage im Terminalgebäude des BER bändigen. Deren unzureichendes Funktionieren hatte im Frühjahr 2012 nicht nur für die peinliche Kurzfrist-Absage der Eröffnung geführt, sie verhindert bis heute die Inbetriebnahme des größten Infrastrukturprojekts Ostdeutschlands. Innerhalb weniger Monate stieg Großmann gar zum BER-Technikchef auf, verantwortlich für die Fertigstellung des gesamten Flughafens. Bis im Juni 2014 Korruptionsvorwürfe laut wurden. Nach gerade einmal vier Monaten Amtszeit wurde Großmann von der Flughafengesellschaft fristlos entlassen, noch im Oktober verurteilte ihn ein Gericht wegen Betrugs und Bestechlichkeit zu einem Jahr Haft auf Bewährung und zur Zahlung von 200.000 Euro.

Ausgerechnet von Großmann erhofften sich am Freitag die Mitglieder des BER-Untersuchungsausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus zum Flughafen-Desaster weitere Aufklärung. Der 57-Jährige sollte indes nicht zu den Korruptionsfällen Stellung beziehen, er war vielmehr als Zeuge geladen. Trotz seines unrühmlichen Abgangs strotzte Großmann bei seinem Auftritt vor Selbstbewusstsein. Er habe bereits mehr als 20 Jahre erfolgreich im Bereich „Sicherheit und Brandschutz“ gearbeitet und bereits mehrere Projekte im Milliardenbereich gemanagt. Dieser Erfahrungsschatz habe dafür gesorgt, dass ihn der damalige Technikchef Horst Amann Mitte 2013 nach Schönefeld holte, um am BER die Leitung der Arbeitsgruppe Entrauchung zu übernehmen.

Details wollte der Zeuge nur im nicht öffentlichen Teil der Beratung preisgeben

Die Entrauchung ist am BER wesentlicher Teil des Brandschutzsystems. Ein System von Anlagen zur Frischluftzufuhr und zum Absaugen giftiger Gase soll dafür sorgen, dass nach einem Feueralarm die Menschen das Gebäude unbeschadet verlassen können. Großmann bestätigte - wenig überraschend - die bereits von ihm als BER-Technikchef vertretene These, dass die Entrauchung, so wie sie geplant war, nicht funktionieren konnte. Nachfragen der Abgeordneten etwa zu den Entscheidungsstrukturen und der Arbeitsweise in der Flughafengesellschaft wollte Großmann jedoch nur im nicht öffentlichen Teil des Beratung preisgeben.

Größer dürfte der Erkenntnisgewinn der Abgeordneten bei der vorherigen Befragung von Ralf Langenickel gewesen sein. Der 59 Jahre alte Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik ist seit mehr als zehn Jahren bei der Flughafengesellschaft und war auf der BER-Baustelle auch für das Datennetz der Telekom und die Sicherheitstechnik von Bosch und Siemens verantwortlich. Die beiden Technikfirmen trifft nach Einschätzung des Projektleiters im Fall der fehlerhaften Brandschutzanlage keine Schuld. „Die Ursache ist nicht bei einer Werksmontageplanung bei Siemens oder Bosch anzusetzen“, sagte Langenickel. Die Schnittstelle, an der die Systeme der beiden Firmen nicht richtig zusammenarbeiteten, hätte vorher besser geplant werden müssen.

„Schon Monate vor der Absage war klar, dass Chaos herrschte“

Für den Leiter des Untersuchungsausschuss, Martin Delius (Piraten), ergab die Vernehmung des Zeugen Langenickel wiederum ein bekanntes Bild. „Als offensichtlich Mitverantwortlicher für die sehr späte Absage der Flughafeneröffnung im Jahr 2012 schob er die Schuld auf die Planung des Flughafens. Dabei war der Flughafengesellschaft als Bauherrin schon Monate vor der Absage klar, dass auf der Baustelle Chaos und Verzögerungen herrschten.“ Die Geschäftsführung, die über diese Zustände informiert war, hätte hier frühzeitig eingreifen und gegensteuern müssen.

Für die Grünen-Vertreter Andreas Otto und Harald Moritz bestätigte die Zeugen-Aussagen den Eindruck, dass die Flughafengesellschaft ihrer Bauherrenfunktion am BER nicht gewachsen war. Der Versuch, durch Vergabe von einzelnen Gewerken das Terminal zu errichten, hätte eine schlagkräftige Organisation erfordert. „Die Aussage machte abermals die Achillesferse des öffentlich getragenen Bauvorhabens deutlich. Niemand ist verantwortlich, Termine sind egal und keine der handelnden Personen trägt ein materielles Risiko“, sagte Otto.