Spandau

Erschossener Islamist – Wer war Rafik Y.?

Nach dem Tod des Islamisten bleiben viele Fragen offen. Wer war dieser Mann? Eine Spurensuche.

Rafik Y. im Jahr 2008

Rafik Y. im Jahr 2008

Foto: REUTERS / ALEX GRIMM / REUTERS

Unauffällig und unscheinbar: Der in Spandau von einem Polizisten erschossene Islamist Rafik Y. hatte ruhig im westlichen Teil des Bezirks gelebt, in der Zeppelinstraße in einer kleinen Eineinhalb-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss. Die Nachbarn des aus dem Irak stammenden Mannes beschreiben den 41-Jährigen als jemanden, der immer gepflegt gekleidet gewesen sei, meist mit einem weißen Hemd und einer schwarzen Hose. Hin und wieder sei er mit dem Fahrrad unterwegs gewesen.

Freunde hatte der Mann offenbar wenige, er habe kaum einmal Besuch gehabt, sagte ein Mitbewohner des dreigeschossigen, sechs Mietparteien umfassenden Hauses, in denen zwei Wohnungen von der Stadtmission angemietet sind. Die kleine Fußfessel, die der unter Führungsaufsicht stehende Mann tragen musste, hatten die Anwohner nicht bemerkt. Allerdings wussten sie, dass ihr Nachbar Rafik Y. ein entlassener Strafgefangener war.

Durchschuss verletzte mehrere innere Organe

Weiterhin nur spekulieren können die Ermittler darüber, was den Mann am Donnerstag zu seinen Angriffen trieb, die mit seinem Tod endeten. Doch zunehmend werden neue Details bekannt. Am Freitag stellte sich durch die Obduktion heraus, dass Rafik Y. während der blutigen Ereignisse völlig nüchtern war. „Er hatte weder Drogen genommen, noch Alkohol getrunken“, sagte der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner. Rafik Y. sei demnach von zwei Kugeln getroffen worden. Er erlitt einen Durchschuss, der mehrere innere Organe verletzte und zum Verbluten führte.

Keine weiteren Angaben machte die Staatsanwaltschaft darüber, ob die Messerattacken von Rafik Y. terroristische Motive hatten. Die Auswertung der sichergestellten Unterlagen aus der Wohnung des Mannes dauere noch an, sagte Martin Steltner. Bis zum späten Nachmittag hatte die Polizei nach dem tödlichen Zwischenfall Y.s Wohnung durchsucht. Zu klären sei laut Polizei, ob es Anzeichen für eine geplante Tat gibt, etwa einen Abschiedsbrief.

Etwa eine Stunde vor dem Angriff auf die Polizistin in Spandau hatte der Iraker seine Fußfessel gelöst und damit einen Alarm ausgelöst, der in der zentralen Überwachungsstelle in Hessen auflief . Er sei zu dieser Zeit noch in seiner Wohnung gewesen, teilte das hessische Justizministerium am Freitag mit. Die Mitarbeiter riefen den Angaben zufolge innerhalb von zwei Minuten nach Alarmauslösung bei Rafik Y. an. Sein Verhalten am Telefon sei so gewesen, dass die Berliner Polizei umgehend informiert worden sei. Aus Sicherheitskreisen hieß es, bei dem Telefonat habe Y. einen „verwirrten“ Eindruck gemacht. Um 9.14 Uhr sei der zuständige Polizeiabschnitt in Spandau alarmiert worden, der Funkwagen traf um 9.40 Uhr an Rafik Y.s Adresse ein, so Polizeisprecher Stefan Redlich.

Acht Minuten später kam der Notruf, an der Heerstraße bedrohe ein geistig Verwirrter Passanten mit einem Messer. Dass es sich um einen Gewalttäter mit islamistischem Hintergrund handelt, wussten die alarmierten Beamten nicht.

Elektronische Fußfessel hätte Tat nicht verhindert

Staatsanwaltssprecher Martin Steltner betonte, das Entfernen der Fußfessel stehe aber nicht in einem Zusammenhang mit den Messerattacken. „Dort, wo sich die Taten ereigneten, durfte sich der 41-Jährige bewegen. Die Tat hätte auch mit elektronischer Fußfessel geschehen können“, sagte der Sprecher.

Der Islamist Rafik Y. sollte demnächst wieder vor Gericht. Er war wegen Beleidigung einer Richterin angeklagt. Wie Martin Steltner weiter mitteilte, soll der Mann auch eine Mitarbeiterin der Ausländerbehörde mit den Worten „Wir werden euch alle köpfen“ bedroht haben. Ende Juni war die Anklage erhoben worden. Der 41-Jährige galt prinzipiell als freier Mann, der aber mit Auflagen leben musste. Er durfte Berlin nicht verlassen und musste sich von Orten fernhalten, die als Treffpunkte der Islamistenszene gelten, darunter die Al-Nur-Moschee. Der Mann hatte schon vor etwa einem Jahr einmal seine Fußfesseln abgelegt, bestätigte die Polizei am Freitag. Auf Befragen habe er seinerzeit angegeben, er wollte ausprobieren, was dann passiert und wie schnell die Polizei auftaucht, so ein Polizeisprecher. Zu seinem erlaubten Aufenthaltsradius hieß es auf Anfrage: „Der Mann durfte sich nur in Teilen des Bezirks Spandau bewegen.“

Einen Tag nach der Tat geht es der verletzten Polizistin bereits besser. Sie sei außer Lebensgefahr und ansprechbar. Wenn nichts Außergewöhnliches passiere, könne sie die Klinik in den nächsten Tagen verlassen, so Polizeisprecher Redlich. Innensenator Frank Henkel (CDU) telefonierte am Freitag mit der Beamtin, der Inhalt des Gesprächs blieb vertraulich. Henkel: „Ich bin erleichtert, dass ich mit der Kollegin sprechen konnte. Das ist ein gutes Zeichen für die Stabilität ihres Gesundheitszustands, aber sie braucht noch Ruhe.“ Der Innensenator informierte sich eingehend über die Betreuung der Polizistin, wünschte ihr gute Genesung, Gottes Segen und schickte ihr einen Blumenstrauß.