„Moabit hilft“

Lageso - „Bis was passiert, muss erst einer sterben“

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Lorenz Vossen
Viele Freiwillige wollen am Lageso helfen. Doch nicht alle Helfer sind erwünscht

Viele Freiwillige wollen am Lageso helfen. Doch nicht alle Helfer sind erwünscht

Foto: FABRIZIO BENSCH / REUTERS

Die freiwilligen Helfer am Lageso protestieren: zu viel Gewalt, keine Organisation. Ein erstes Opfer haben sie bereits zu beklagen.

Berlin.  Jeden Abend kommen sie vorbei, die Gutmenschen, die „besorgten Bürger“, manchmal auch Salafisten. Und machen so viel Ärger, dass es den freiwilligen Helfern jetzt reicht. Die Initiative Moabit hilft will ihre Hilfe am Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) in Moabit deutlich reduzieren. Ab sofort werde man nicht mehr bei der abendlichen Verteilung der Flüchtlinge auf die Busse helfen und auch keine Dolmetscher mehr einsetzen, teilte die Organisation am Donnerstag mit.

Der Hintergrund: Am Mittwochabend hatte ein unbekannter Mann auf einen Dolmetscher eingeschlagen. Der Vorfall ereignete sich bei der Verteilung der Flüchtlinge auf die Busse, die sie weiter zu ihren Unterkünften bringen sollen. Es kam zum Gerangel, am Ende musste der Dolmetscher mit einer Kopfwunde ins Krankenhaus. „Ich bin extrem sauer“, sagte er der Berliner Morgenpost. Er habe Anzeige erstattet..

Der Angreifer ist laut "Moabit hilft" ein etwa 40-jähriger Palästinenser, der die Flüchtlinge abends regelmäßig dazu auffordert, in einer Moschee zu schlafen. Von derlei „selbst ernannten Helfern“, wie sie bei Moabit hilft genannt werden, gibt es am Lageso offenbar viele: Menschen, die einfach nur helfen wollen, sich aber nicht an die Organisationsstruktur anpassen wollen. Auch mit den Security-Männern gebe es immer wieder Ärger. Oder es kommen solche Helfer, die zuschlagen. „Das ist jetzt die Eskalation“, sagte eine Helferin, die aus Sicherheitsgründen namentlich nicht genannt werden will. „Wir haben manchmal das Gefühl, es muss erst jemand sterben, damit etwas passiert.“

Es herrscht Chaos am Lageso: Die Zahl der Flüchtlinge nimmt stetig zu, viele sind körperlich und nervlich am Ende. Am Mittwoch versuchten zwei Männer, sich aus dem zehnten Stock des Gebäudes zu stürzen – sie blieben unverletzt. Und dennoch: Die Flüchtlinge seien das „geringste Problem“, so die Helferin von Moabit hilft. Die Forderung an die Sozialverwaltung des Senats lautet: Schafft eine Situation, in der sich Flüchtlinge und Helfer sicher fühlen können. Sechs Security-Männer seien nicht genug, auch müsse eine bessere Kommunikation und Verlässlichkeit herrschen. So sind die Busse abends oft zu spät. Und für Menschen, die abends oder an Wochenenden nach Berlin kommen, gibt es keine Ansprechpartner am Lageso, sie müssen dann draußen schlafen.

Verfassungsschutz gibt Entwarnung wegen Salafisten

Immerhin sieht der Berliner Verfassungsschutz keine Terrorismusgefahr durch die Flüchtlinge. Es gebe keine konkreten Anzeichen, aber es bestehe ein Restrisiko, sagte eine Sprecherin der Morgenpost. Vereinzelt seien Salafisten in Flüchtlingsunterkünften beobachtet worden. Bekannt wurde etwa ein Vorgang, bei dem ein Mann, der ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Berliner Muslime“ trug, in einer Flüchtlingsunterkunft aufgefallen war. Der Mann hatte Kontakt zu Flüchtlingen gesucht und muslimische Asylbewerber angesprochen.

Die Sozialverwaltung räumt ein, dass am Lageso vieles verbessert werden müsse. Moabit hilft sei unersetzlich, doch es seien in den letzten Tagen nun mal auch 6000 Flüchtlinge nach Berlin gekommen. „Eine solche Situation war noch nie da“, sagt eine Sprecherin. Um Druck vom Lageso zu nehmen, wurde am Dienstag eine weitere Registrierungsstelle an der Kruppstraße in Moabit eröffnet. Dorthin kommen alle Flüchtlinge, die in diesen Tagen aus Bayern nach Berlin reisen. Zudem laufen die Arbeiten im ehemaligen Gebäude der Landesbank Berlin in Wilmersdorf, das das Lageso als Erstanlaufstelle laut Sozialverwaltung „hoffentlich noch in diesem Monat“ ablösen soll.

( mit pol / Emb )