Beisetzung

Egon Bahr - Berlin verneigt sich vor einem Großen

In der Marienkirche nahmen Berlin und die SPD Abschied von Egon Bahr, dem Vordenker der Ostpolitik.

Auch der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger kam zu der Trauerfeier von Egon Bahr

Auch der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger kam zu der Trauerfeier von Egon Bahr

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Es kommt nicht oft vor, dass ein Mensch mit 93 Jahren tatsächlich aus dem vollen Leben gerissen wird. Bei Egon Bahr war das so, als er am 19. August in diesem hohen Alter starb. „Er hatte sich gerade mit mir für eine Dialogveranstaltung im November im Roten Rathaus verabredet“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller am Donnerstagmorgen in der Marienkirche in Mitte.

Berlin und die komplette Führungsriege der deutschen Sozialdemokratie verneigten sich in einer Gedenkfeier vor einem ganz Großen der Politik. Bis zuletzt war Bahr präsent, mischte sich ein, korrespondierte und arbeitete in seinem Büro in der SPD-Parteizentrale, wo er in der Tiefgarage stets durch den rasanten Fahrstil eines Jugendlichen auffiel. Auf dem großen Foto neben dem Altar sah Bahr aus wie immer, den Kopf leicht schräg gelegt, die Augen wach, den Hemdkragen geöffnet. Egon Bahr war immer mehr als nur ein Zeuge der Vergangenheit, Friedenspolitik und Abrüstung blieben Lebensthemen.

Ohne Bahrs Konzept des „Wandels durch Annäherung“ wären die Menschen in der geteilten Stadt Berlin nicht zusammen gekommen und die Wiedervereinigung hätte womöglich nicht stattgefunden. Nach dem Schock des Mauerbaus 1961 hatte Bahr völlig neue Wege aufgezeigt, wie die Konfrontation der Blöcke aufgeweicht werden könne. Müller dankte im Namen vieler Berliner Familien unter anderem dafür, dass es nach zweijähriger Trennung zu Weihnachten 1963 errstmals wieder Passierscheine gegeben habe, damit West-Berliner ihre Ost-Verwandten besuchen konnten.

Berlins Ex-Bischof Wolfgang Huber leitete die Andacht würdigte das Konzept des Weggefährten Willy Brandts. „Man muss den Status Quo akzeptieren, damit man ihn ändern kann“, beschrieb Huber ein Prinzip des Realpolitikers, den Brandt als Regierender Bürgermeister 1960 zu seinem Sprecher gemacht hatte. Gemeinsam haben die beiden dann gegen viele Schmähungen die neue deutsche Ostpolitik umgesetzt. Diese sei die Grundlage dafür gewesen, dass die osteuropäischen Nachbarn 1990 die deutsche Wiedervereinigung akzeptiert hätten, sagte der SPD-Vorsitzende und Vizekanzler Sigmar Gabriel: „Eine politische Legende ist gegangen“.

Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger, der seinem alten Freund die letzte Ehre erwies, erinnerte daran, wie Bahr Anfang der 70-er Jahre die „Hinterzimmerdiplomatie“ zwischen dem Westen und der Sowjetunion aufgebaut habe. Deren Ergebnis sei unter anderem das Berlin-Abkommen von 1972 gewesen, dass den Bewohnern der Mauerstadt viele Erleichterungen brachte. Bahr habe „Visionen für die Zukunft gehabt“ und die „Zähigkeit, einen langen und schwierigen Weg zu gehen“, sagte der Amerikaner und erhob die persönliche Freundschaft der beiden Diplomaten zu einem Symbol für das enge Verhältnis zwischen Deutschland und Amerika.

Alt-Kanzler und Alt-Bundespräsident bei Trauerfeier

Neben Bahrs Witwe Adelheid trauerten um den Ratgeber und Weggefährten neben anderen Altkanzler Gerhard Schröder, Alt-Bundespräsident Horst Köhler, Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der frühere Regierende Bürgermeister Walter Momper. Aus der Union war Finanzminister Wolfgang Schäuble der prominenteste Gast.

In „Berlins Bürgerkirche“ (Huber) waren an diesem Morgen viele Plätze leer geblieben. Geladene Gäste waren zwar dabei, einfache Bürger trauten sich aber offenbar kaum durch die Absperrung.