Landespolitik im Bezirk

Wie Michael Müller Berlins Südosten erkundet

Senatssitzung im Köpenicker Rathaus: Michael Müller nutzt die Gelegenheit, um sich über den Bezirk zu informieren.

Bei ihrem Rundgang durch die Altstadt schauten Michael Müller (l.) und Bezirksbürgermeister Oliver Igel (beide SPD) auch in einer Chocolaterie vorbei

Bei ihrem Rundgang durch die Altstadt schauten Michael Müller (l.) und Bezirksbürgermeister Oliver Igel (beide SPD) auch in einer Chocolaterie vorbei

Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Wenn es für den Regierenden Bürgermeister nach der wöchentlichen Senatssitzung eine Currywurst auf dem Wochenmarkt gibt, dann ist die Landesregierung wieder einmal auf Bezirksbesuch. Einmal im Monat macht sich der Senat auf einen solchen Weg, tagt nicht im Roten Rathaus, sondern in einem Bezirksrathaus, tauscht sich mit Bezirksbürgermeister und Stadträten aus und informiert sich über Projekte und Probleme im Kiez. Am gestrigen Dienstag war Treptow-Köpenick an der Reihe.

Der Weg vom berühmten Backsteinrathaus zum kleinen Altstadt-Wochenmarkt, dauert keine fünf Minuten. Zielstrebig steuerte Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD), offenkundig ein Kenner der örtlichen Gastroszene, den Stand von „Currykult Cöpenick“ an. Da war es aber auch schon halb eins, die Senatssitzungen dauern derzeit angesichts der vielen Herausforderungen an die Stadtregierung doch länger. Zeit für einen Imbiss, Michael Müller ließ sich dann auch nicht lange bitten.

Gespräche am Stehtisch einer Currywurstbude

Was folgte, war eine typische Situation für den Sozialdemokraten, der bei solchen öffentlichen Auftritten auch gut zehn Monate nach seinem Amtsantritt noch gern mit seinem Vorgänger Klaus Wowereit verglichen wird. Müller machte keinerlei Aufhebens um seine Person, grüßte nicht laut und vernehmlich in die Runde, sondern stellte sich, höflich fragend, ob hier noch frei sei, zurückhaltend an einen Stehtisch zu zwei Damen gesetzteren Alters. Mehrere Minuten war nicht erkennbar, ob die beiden eigentlich wissen, wer da an ihrer Seite steht, sie ließen keinerlei Interesse an den beiden Politikern erkennen. Dann schaffte es Müller aber doch, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Und siehe da, er wurde erkannt. Eine der beiden bekannte, sie sei zunächst sehr skeptisch gewesen, ob er dieses hohe Amt bewältigen würde, finde aber inzwischen, dass er einen guten Job mache. Müller freute sich sichtlich, aber eben auf diese stille Art, die ihn von Wowereit unterscheidet.

Trüffel und Probleme der Geschäftsleute

Nächste Station sollte nach der Programmregie ein Geschäft sein. Der Regierende durfte auswählen: Wassersportbedarf oder Süßwaren. Müller macht kein Hehl daraus, dass er durchaus eine Schwäche für Kuchen und Pralinen hat, also war die Entscheidung schnell getroffen. Kathrin Weimar betreibt seit fünf Jahren eine kleine Chocolaterie an der Grünstraße, startete damals mit 47 Jahren beruflich noch einmal völlig neu durch. Der hohe Besuch interessierte sich für ihre hausgemachten Trüffel ebenso wie für ihren mutigen Weg in die Selbstständigkeit und fand auch noch die Muße, mit Weimar über Probleme von Geschäftsleuten in der Köpenicker Altstadt zu sprechen und die Frage zu erörtern, ob genug dafür getan werde, Touristen in die kleinen Gassen zu ziehen. Sich auch um das vermeintlich Kleine kümmern, die Alltagsärgernisse der Berliner ernst nehmen. Das hatte Müller nach seiner Wahl versprochen.

Kein Bezirksbesuch des Senats ohne Besichtigung eines besonderen Unternehmens. In Treptow-Köpenick war es Iris. In einem schlichten Fabrikgebäude in Oberschöneweide entwickelt und produziert die Firma Sensoren für die automatische Fahrgastzählung in öffentlichen Verkehrsmitteln. Zuvor saß dort Samsung. Was Iris tut, beeindruckte Müller. Mit rund 90 Mitarbeitern entwickelten die Geschäftsführer Andreas Thun und Rainer Bönick nicht nur die intelligenten Sensoren, sondern auch die komplette Hard- und Software für die dazugehörige Prüftechnik. Sie erzielten im vergangenen Jahr einen Umsatz von 13,5 Millionen Euro, 70 Prozent der Produkte gehen in den Export.

Aus Berlin in alle Welt

Die Sensoren aus Oberschöneweide sind nicht nur bei den Berliner Verkehrsbetrieben im Einsatz, sondern auch in Abu Dhabi, Shanghai, Montreal, Los Angeles, Genf und bei weiteren 250 Verkehrsunternehmen weltweit. Die Sensoren scannen nicht die real existierende Person, aber sie erkennen, ob es sich um einen Erwachsenen, ein Kind oder einen Hund handelt. Bislang werden die Sensoren zur Fahrgastzählung dazu genutzt, die Fahrzeugflotte eines Verkehrsunternehmens gezielter einzusetzen und damit Kosten zu minimieren sowie Einnahmen innerhalb von Verkehrsverbünden gerecht aufzuteilen. In Zukunft könnten sie auch dazu dienen, Fahrgästen auf einem Zugbahnsteig zu sagen, in welchem Waggon noch Platz ist oder einem Smartphonenutzer mitzuteilen, dass sein Bus oder seine Straßenbahn Verspätung hat und er nicht hetzen muss.

„Das hier ist Smart City in der Anwendung“, sagte Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU), die Müller beim Rundgang begleitete. Und auch der Regierende Bürgermeister stellte erneut fest, dass es in Berlin viele Unternehmen gäbe, die, weitgehend unbeachtet von der breiten Öffentlichkeit, weltweit Überzeugendes herstellen würden. Es sind vor allem solche Begegnungen, die diesen Bezirkstagen einen Sinn geben. Vielleicht muss ein Regierender Bürgermeister nicht unbedingt wissen, was ein Unternehmen wie Iris tut. Aber es ist sicherlich hilfreich, wenn er es weiß.

Besuch bei Flüchtlingen

Zum guten Schluss, das kann in diesen Wochen gar nicht ausbleiben, holte Michael Müller dann aber doch wieder das große Thema Flüchtlinge ein. Gemeinsam mit Sozialsenator Mario Czaja (CDU) schaute er sich das Containerdorf für Asylbewerber an der Alfred-Randt-Straße an. Es war die erste der sechs Containerunterkünfte, die der Senat in eigener Regie baute. 400 Menschen leben heute in dem vom Internationalen Bund (IB) betriebenen Heim. Müller ließ sich von Heimleiter Peter Hermanns genau erklären, ob es für die 85 Kinder genügend Schul- beziehungsweise Kitaplätze gebe.

Er suchte aber auch das Gespräch mit den Flüchtlingen selbst, fragte sie zum Beispiel, auf welchem Weg sie nach Deutschland gekommen sind. Locker plauderte Müller mit dem elfjährigen Akram Al-Azawi, der seit einem Jahr in Berlin lebt, schon gut Deutsch spricht, begeisterter Schlagzeuger ist und an seiner Schule eine Band gegründet hat. Doch dann wurde es auf einmal sehr still und ernst, als der Junge erzählte, warum seine Mutter mit ihm aus dem Irak flüchtete. Sein Vater wurde von einem Islamisten erschossen, als er die Mutter verteidigte. Die wurde angepöbelt, weil sie sich nicht komplett verschleiert in der Öffentlichkeit zeigte. Kurz danach musste Müller aufbrechen, der Flüchtlingsgipfel mit den Ministerpräsidenten und der Kanzlerin wartete. Unversehens verband sich der Bezirkstag mit der großen Weltpolitik.