Konjunktur

Mehr Jobs – aber kein Grund zur Euphorie in Berlin

Berlin kann den Flüchtlingsansturm bisher nur meistern, weil der Arbeitsmarkt brummt und die Steuern sprudeln.

  Allein in der Gastronomie wurden in den vergangenen zwölf Monaten 6700 zusätzliche Kräfte angeheuert

Allein in der Gastronomie wurden in den vergangenen zwölf Monaten 6700 zusätzliche Kräfte angeheuert

Foto: system / Amin Akhtar

Berlin.  Die Volkswirte der Investitionsbank Berlin (IBB) sehen die Zukunft rosig. Die Zahl der Arbeitslosen in Berlin werde im September unter 190.000 liegen, schreiben sie in ihrem Ausblick auf das zweite Halbjahr der Berliner Wirtschaft. Das wären noch einmal 5000 weniger als im August. Die Marke von 200.000 soll in absehbarer Zeit nicht mehr überschritten werden.

Womöglich ist diese Prognose der landeseigenen Förderbank IBB ein wenig zu optimistisch. Aber der Trend ist eindeutig. Berlins Wirtschaft wächst. Es entstehen zahlreiche neue Jobs und die Steuereinnahmen übertreffen bisher stets die Schätzungen.

Nur vor diesem Hintergrund ist es möglich, den Landesetat mit zusätzlichen Millionen für die Flüchtlinge aufzustocken. Berlin hat laut IBB in den ersten sieben Monaten des Jahres fast neun Prozent mehr Steuern eingenommen als im Vorjahreszeitraum, das Wachstum war doppelt so stark wie 2014. Die hohe Nachfrage nach Arbeitskräften weckt Hoffnungen, viele Asylsuchende rasch aus den Sozialsystemen entlassen zu können und in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Weil Berlins Unternehmen so viele Menschen einstellen und inzwischen 100.000 mehr Arbeitsplätze bereitstellen als vor drei Jahren, sind nach einer Umfrage der Info GmbH nur fünf Prozent der Berliner der Ansicht, die vielen Ausländer seien an der hohen Arbeitslosigkeit schuld. Vor vier Jahren, als die Demoskopen schon einmal diese Frage stellten, sagten das noch 17 Prozent. Damals lag die Arbeitslosenquote bei 13 Prozent, heute bei 10,5 Prozent. „Berlin hat inzwischen eine Wachstumsstory, die auch außerhalb der Stadt wahrgenommen wird“, kommentiert der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB), Christian Amsinck, die Entwicklung.

Prozentual stärkstes Wachstum aller Bundesländer

In keinem Bundesland ist die Beschäftigung zuletzt so stark gewachsen wie in der Hauptstadt mit 3,1 Prozent allein in den vergangenen zwölf Monaten. Die neuen Jobs entstehen vor allem im Dienstleistungssektor, bei Immobilienunternehmen sowie wissenschaftlichen oder technischen Servicefirmen. Im Laufe eines Jahres bis Juni 2015 kamen 14.000 sozialversicherungspflichtige Stellen allein im Dienstleistungssektor hinzu. Die Gastronomen heuerten 6700 zusätzliche Kräfte an, die Einzelhändler stellten 5300 weitere Arbeitskräfte in ihre Läden. Der anhaltende Touristenboom und die nach Jahren der Stagnation deutlich steigenden Einkommen der Berliner sorgen für starke Nachfrage. Überproportional oft besetzen Ausländer die neuen Stellen. Die Zahl der Beschäftigten ohne deutschen Pass steigt seit Jahren erheblich schneller als die mit, zuletzt waren es zwölf Prozent, bei Deutschen knapp zwei Prozent. Dennoch liegt die Arbeitslosenquote unter Ausländern doppelt so hoch wie im Durchschnitt.

Vor allem die Syrer als größte Einwanderergruppe im Zuge der jüngsten Flüchtlingswelle haben Nachholbedarf am Arbeitsmarkt. Nur jeder sechste Syrer in Deutschland ist berufstätig. Unter Vietnamesen arbeitet fast jeder Zweite. Die Ausländer drängen vor allem in einige Branchen. Männer arbeiten überproportional oft in der Gastronomie, auf dem Bau und als Kraftfahrer, Frauen in der Reinigung, aber auch in Büros und Sekretariaten. Auch wenn unter den nun ankommenden Bürgerkriegsflüchtlingen mehr qualifizierte Fachkräfte und Akademiker sein sollten, dürfte die Konkurrenz in den Niedriglohnsektoren durch die anerkannten Asylbewerber zunehmen.

Überall mehr Gehalt als in Berlin

Denn mit der Bezahlung sieht es trotz des seit 2005 anhaltenden Wirtschaftsaufschwungs in der Stadt noch schlecht aus. In allen Bundesländern außer Schleswig-Holstein haben Arbeitnehmer seit 2000 mehr zusätzliches Gehalt bekommen als in Berlin. In der Hauptstadt haben die Entgelte um 18 Prozent in 15 Jahren zugelegt, Länder wie Thüringen kommen auf über 30, Hamburg auf 25 Prozent. Die Bruttowertschöpfung, also die Wirtschaftsleistung pro Erwerbstätigem, liegt in Berlin immer noch auf dem Niveau von 2000. Das Wachstum ist vor allem ein Mengenphänomen, es leben mehr Menschen in der Stadt, aber sie sind nicht unbedingt produktiver geworden. „Wir sind in einem Aufholprozess“, sagte UVB-Hauptgeschäftsführer Amsinck. Zur Euphorie bestehe kein Anlass.

Aus Sicht der Industrie- und Handelskammer sind internationale Fachkräfte eine große Chance für die Berliner Unternehmen. Allein im Jahr 2014 beriet die IHK mehr als 1200 Ausländer, die ihre meist elektrotechnischen oder kaufmännischen Berufsabschlüsse in Deutschland anerkennen lassen wollten. Bei fast zwei Drittel der Antragsteller wurden die Zeugnisse als voll gleichwertig dem deutschen Abschluss anerkannt. „Wir erwarten, dass sich diese positive Tendenz weiter fortsetzen wird“, sagte der Bildungsgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Thilo Pahl.

Sektor Erziehung und Unterricht legt besonders zu

Auch weil es mehr Weiterbildung, Deutschkurse, Kitagruppen und Willkommensklassen gibt, hat auf dem Berliner Arbeitsmarkt der Sektor Erziehung und Unterricht besonders zugelegt. Das Heer der Lehrer, Dozenten und Erzieher wuchs um mehr als zehn Prozent, mit Erziehung und Unterricht verdienen inzwischen mit knapp 90.000 fast ebenso viele Berliner ihr Brot wie in der Industrie.

Aus den Fabriken dringen die ersten Anzeichen, dass der Boom vielleicht doch einmal sein Ende erreichen könnte. Die Unternehmen erhielten zuletzt deutlich weniger Aufträge als im allerdings sehr starken Vorjahr. Nur Hersteller von optischen, elektronischen oder Datenverarbeitungsgeräten konnten im In- und Ausland mehr Interesse für ihre Produkte wecken.

Auch das Baugewerbe klagt über spärlich eingehende Aufträge, beim Hochbau beträgt das Minus 14 Prozent. Aber wenn die Politik ihre Versprechen einhält, muss es bald wieder aufwärtsgehen. Denn die vielen neuen Menschen brauchen schnell Wohnungen.