Tag des offenen Denkmals

Wohnen wie im Museum mitten in Neukölln

Feldsteine auf der Terrasse, ein Baumstamm in der Wand: Brigitta Polinna lebt in einem Haus aus dem 18. Jahrhundert. Mitten in Neukölln.

Brigitta Polima in ihrem Neukollner Haus aus dem 18. Jahrhundert

Brigitta Polima in ihrem Neukollner Haus aus dem 18. Jahrhundert

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Brigitta Polinna mag alte Sachen. Ihren Kaffee trinkt sie aus den mindestens 85 Jahre alten Porzellantassen der thüringischen Manufaktur Swaine. Im Wohnzimmer sitzt sie auf Sesseln aus dem Salon ihrer Urgroßmutter. Und natürlich wohnt sie auch nicht in einem neuen Haus. Sondern in einem, in dem in der Küche nicht genügend Platz für eine Spülmaschine ist. Und in dem man nie so genau weiß, was man bei Bauarbeiten in den Wänden findet.

1975 ist sie hier eingezogen. Ein Zuhause aber war das Haus aus dem Jahr 1750 da schon längst: Ihre Tante Lotte wohnte dort. Brigitta Polinna lebte mit ihren Eltern in einer Wohnung gleich um die Ecke, mit den Cousinen und Cousins war sie fast täglich dort, um zu schaukeln oder Kirschen zu pflücken.

Familienfeste wurden ohnehin immer hier im Böhmischen Dorf in Neukölln gefeiert. Sie kannte also jeden Baum im Garten, jede Ecke im Haus, als sie nach Tante Lottes Tod die anderen Erben auszahlte und das Haus übernahm. Dass die Bombenschäden aus dem Zweiten Weltkrieg nur notdürftig beseitigt waren, wusste sie.

Ausmaß der Sanierung unterschätzt

Aber das tatsächliche Ausmaß der Sanierungsarbeiten hatte sie vielleicht doch ein bisschen unterschätzt. „Eigentlich war das Haus gar nicht mehr bewohnbar“, sagt Brigitta Polinna heute. Trotzdem war es für sie nie eine Frage, ob sie überhaupt dort wohnen will. Seit mehr als 200 Jahren war das Haus von einer Generation zur nächsten weiter vererbt worden. Die ersten Häuser im Böhmischen Dorf waren 1737 entstanden, als sich wegen ihres evangelischen Glaubens vertriebene böhmische Flüchtlinge hier ansiedelten.

Die Geschichte der Familie lässt sich nicht lückenlos nachvollziehen. Brigitta Polinna hat zwar viele Unterlagen gefunden, als sie den Haushalt übernahm. Aber die Dokumentation ist nicht komplett, die Recherche nicht leicht, auch weil sich der Name der Familie durch die Jahrhunderte immer wieder änderte.

Auch die Häuser sehen nicht mehr so aus, wie die Siedler sie im 18. Jahrhundert erbauten. Ein Großbrand zerstörte 1849 vieles, die Familien bauten neu. Erst 1982 wurde das Haus der Polinnas als Baudenkmal in die Landesdenkmalliste eingetragen.

Grundrisse kaum verändert

Dennoch wurde es bei der Sanierung in den 70er-Jahren in seinen Grundzügen kaum verändert, teils weil es gar nicht anders ging: Der Versuch, die Wand zwischen Küche und Esszimmer zu öffnen, scheiterte an „einem halben Baumstamm in der Mauer“, sagt Brigitta Polinna. Aber auch weil die Polinnas das Haus liebten, wie es war: mit dem Fachwerk im Obergeschoss, den kleinen Mansardenzimmern und den Steinen, die die Vorfahren einst im Hof verlegt hatten.

So viel Begeisterung für die Vergangenheit war nicht selbstverständlich in den 70er-Jahren, in denen Häuser aus Beton gebaut und mit Schrankwänden eingerichtet wurden. Viele Nachbarn sortierten damals ihre alten Möbel aus.

Manches davon ist heute in dem Museum im Böhmischen Dorf zu sehen, das die Siedlungsgeschichte und die Traditionen der Herrnhuther Brüdergemeinde zeigt. Brigitta Polinna hat die meisten Möbel ihrer Groß- und Urgroßeltern behalten: Auf dem Stuhl zum Beispiel, der heute am Tisch mit Blick in den Garten steht, saß schon ihr Vater als kleiner Junge, erzählt sie. Zwischen Sonnenallee und Karl-Marx-Straße wohnen sie mitten in Neukölln in einem Dorf aus der Vergangenheit, aber mit U-Bahnanschluss.

Verkaufen würde sie niemals

Es sei ja zu verstehen, findet Polinna, dass so viele Menschen gern hierher ziehen würden. Die Flyer der Immobilienfirmen im Briefkasten wirft sie trotzdem gleich weg, noch schlimmer seien die Anrufe. Verkaufen würde sie das Haus doch sowieso niemals, sagt sie. Tante Lottes Haus und Garten bleiben auch in der nächsten Generation in der Familie.