Tag des offenen Denkmals

Das Corbusierhaus: Leben in der vertikalen Stadt

Stefan Beetz wohnt in einem Denkmal, in dem kein Platz für Überflüssiges ist. Im Corbusierhaus in Westend regieren klare Linien.

Beton und große Fenster: Vom Balkon auf der Ostseite blickt Stefan Beetz auf ganz Berlin, auf der Westseite auf das Olympiastadion

Beton und große Fenster: Vom Balkon auf der Ostseite blickt Stefan Beetz auf ganz Berlin, auf der Westseite auf das Olympiastadion

Foto: Reto Klar

Stefan Beetz kennt das schon. Wenn er die Wohnungstür öffnet, gucken seine Besucher erst einmal an ihm vorbei. Vier Meter breit ist das gegenüberliegende Fenster, dahinter: Olympiastadion, Glockenturm, Grunewald. Die Wohnung des 41-Jährigen liegt im 14. Stock des Corbusierhauses in Westend.

Das allerdings würden Corbusierhaus-Bewohner niemals so sagen. Sie sprechen von „Straßen“, so wie Architekt Le Corbusier es vorgesehen hatte. Eine vertikale Stadt sollte seine „Wohnmaschine“ sein, mit Geschäften, Wohnungen und Praxen, alles über Straßen innerhalb des Hauses erreichbar. Beetz wohnt in der achten Straße.

Die Straßen sind eine ziemlich wichtige Angelegenheit im Corbusierhaus. Eine ständige Erinnerung daran, dass das Haus trotz seiner Größe eben kein normales Hochhaus ist. Und zugleich müssen sie als Argument für all diejenigen herhalten, die das Corbusierhaus nicht so mögen. „Wie im Knast“ sehe der Flur aus, das höre er immer wieder, sagt Stefan Beetz. Er selbst gehört auch nicht unbedingt zu den Anhängern der 130 Meter langen, fensterlosen Gänge mit den niedrigen Decken.

Brötchenklappe zur Küche

Aber hinter der Wohnungstür ist dafür um so mehr Licht. Und durchdacht seien die Straßen ja: Sogar eine Brötchenklappe zur Küche gibt es neben jeder Wohnungstür. Frühstücksbrötchen werden allerdings schon lange nicht mehr geliefert. Die Geschäfte im Haus sind bis auf einen Kiosk in der Eingangshalle geschlossen, die Arztpraxen ebenfalls.

Die Vorstellung der vertikalen Stadt und die steigenden Mieten passten schon seit den 80er-Jahren immer weniger zusammen. Auch vom sozialen Wohnungsbau, für den der Entwurf Le Corbusiers zwischen 1956 und 1958 gebaut wurde, ist nicht viel zu spüren. Laut Wohnungseigentümergemeinschaft waren die Wohnungen nur von der oberen Mittelschicht zu finanzieren, weil sie deutlich größer waren als sonst im sozialen Wohnungsbau vorgesehen. Ab 1979 wurden sie verkauft.

Seit 1996 steht das Haus unter Denkmalschutz, ein 2007 veröffentlichter Denkmalpflegeplan regelt, welche Veränderungen erlaubt sind. „Keine Satellitenschüsseln, nur kleine Markisen, die Farben auf dem Balkon müssen so bleiben, wie sie sind“, zählt Beetz auf. Mit den schwarz-grünen Seitenwänden seiner Loggia könne er gut leben, sagt er.

24 Zentimeter mehr eingeplant

Größere Probleme hätte er damit, wenn sein Handy zwischen den Betonwänden nicht zuverlässig funktioniere. Und wenn die Deckenhöhe wirklich, wie von Le Corbusier vorgesehen, nur 2,26 Meter gewesen wäre, „das wäre schwierig geworden“. Die Richtlinien für den sozialen Wohnungsbau sorgten dafür, dass der Architekt 24 Zentimeter mehr einplanen musste.

Einen Keller dagegen schrieben sie offenbar nicht vor. Le Corbusiers Pläne ebenfalls nicht, was die Bewohner mitbringen, müssen sie in ihren Zimmern unterbringen. „So ein Keller ist schon eine praktische Angelegenheit“, das stellte Stefan Beetz nach seinem Einzug schnell fest. Einiges hat er aussortiert, der Rest fand auf den 106 Quadratmetern Platz.

In einer Musterwohnung ist zu sehen, wie Küche, Wohn- und Schlafräume beim Erstbezug aussahen. Auch andere Bewohner haben sich bei der Einrichtung an Corbusiers Vorstellungen orientiert, ihre Wände in den Originalfarben gestrichen, den Linoleumfußboden aus den 50er-Jahren aufgearbeitet. Beetz hat im Sommer 2013 seine eigenen Möbel mitgebracht.

Regal greift die klaren Linien auf

Dass er noch einen Röhrenfernseher hat, dass das weiße Regal vor dem Fenster die klaren Linien des Raumes aufgreift: „Eher Zufall.“ Der Fotograf hatte nicht einmal gezielt nach einer Wohnung im Corbusierhaus gesucht, sondern nach einer in der richtigen Größe und mit öffentlichen Verkehrsmitteln vor der Tür. Le Corbusier als Person sehe er wegen der Sympathie des gebürtigen Schweizers für den Nationalsozialismus eher kritisch. Die Musterwohnung hat er auch noch nie besichtigt.

Und dennoch ist Beetz im Corbusierkosmos angekommen. Das wird spätestens dann klar, wenn er von den Kindern erzählt, die mit ihren Rollern auf der Straße spielen. Gemeint ist nicht die vor dem Haus. Sondern die vor seiner Wohnungstür.