Leben im Denkmal

Gartenstadt Staaken: „Wer hier wohnt, bleibt ein Leben lang“

Die Gartenstadt Staaken ist begehrt. Viele Bewerber lassen sich auf die Warteliste setzen. Auch, wenn es 20 Jahre dauern kann.

Die Gartenstadt Staaken, wo Tanja und Manuel Radloff mit den Kinder Lilli und Felix wohnen, ist gleich mehrfach unter Schutz gestellt

Die Gartenstadt Staaken, wo Tanja und Manuel Radloff mit den Kinder Lilli und Felix wohnen, ist gleich mehrfach unter Schutz gestellt

Foto: Amin Akhtar

Beim ersten Besuch in der Gartenstadt Staaken stand für Manuel Radloff fest: Hier könnte er nie leben. Wenn der heute 37-Jährige von diesem spontanen Eindruck als ganz junger Mann erzählt, klingt das noch drastischer. Jetzt schmunzelt Radloff darüber: Er ist längst angekommen in der historischen Genossenschaftssiedlung ganz am Westrand Spandaus. Gut 500 Meter weiter beginnt das Land Brandenburg.

Aufgewachsen ist Radloff in Kreuzberg. Dass er 2006 doch in ein Reihenhaus der „alten Gartenstadt“ aus der ersten Bauphase zwischen 1914 und 1916 zog, lag an seiner Frau: Tanja Radloff ist hier geboren, wo schon ihre Mutter groß geworden war, beide Elternteile leben bis heute in Genossenschaftswohnungen.

„Mit Anfang 20 kam es mir aber spießig vor“, erzählt die 39-Jährige. Sie zog nach Charlottenburg und, nachdem sie ihren heutigen Mann kennengelernt hatte, zum Kottbusser Tor. Als die Familiengründung anstand, erschien die Idee, das Elternhaus zu übernehmen, in anderem Licht: „Tanjas Vater hatte das immer wieder vorgeschlagen. Der Gedanke war längst in den Kopf gepflanzt“, erinnert sich Manuel Radloff.

Eigene Grünanlagen für die Selbstversorgung

Bereut hat das Paar seine Entscheidung nie. „Schon ohne Kinder habe ich mich hier wohlgefühlt“, sagt Manuel Radloff. „Wer bei uns wohnt, bleibt oft ein Leben lang“, wirbt die Genossenschaft für das Lebensgefühl in der Siedlung, die Anfang des 20. Jahrhunderts mit „Volkswohnungen“ die Wohnungsnot lindern und Arbeitern in Spandaus Königlichen Rüstungswerkstätten ein Zuhause bieten sollte.

Fünf Haustypen gaben dem Ensemble trotz seiner 350.000 Quadratmeter Fläche Vielfalt. Den Berliner Mietskasernen setzte die Gartenstadtbewegung, der auch der in Staaken wirkende Architekt Paul Schmitthenner anhing, das Ideal des Wohnens im Grünen mit Grund für die Selbstversorgung entgegen. Praktisch zu jeder der insgesamt 1163 Wohneinheiten in Ein-, Zwei- und Mehrfamilienhäusern gehört ein kleiner Garten.

Die Kleinteiligkeit und teils auch Enge der Anlagen gefällt nicht jedem. Gemeinschaft ist hier unvermeidlich. Die „nicht vorhandene Anonymität“, wie Manuel Radloff es formuliert, sei „zu 90 Prozent schön“. Man weiß, wer verreist ist, unterhält sich über den Zaun, und falls die dreijährige Lilli mal auf Entdeckungstour geht – „ich bin sicher, die bringt jemand zurück“, sagt Tanja Radloff.

Nur wenige Schritte zur Kita

Vom rund vier Meter breiten Garten der Familie schaut man auf die kleine Kirche. Das tägliche Glockenläuten um 18 Uhr ist für Felix, 7, das Signal, dass er nach Hause muss. „Wie schon bei mir als Kind“, sagt die Mutter. Kita wie Grundschule sind ebenfalls nur Schritte entfernt. Ein Dorf, dem das Reißbrett nicht geschadet hat.

Eine Kehrseite aber gibt es auch. „Ruhe hier“, schreit unsichtbar eine alte Frau, als ein Junge frühabends auf dem offenen Schulhof juchzt. Die roten Backsteingebäude rundherum, die mit den weiß verputzten Giebelhäusern im Holländerstil am Kleinen Platz, wo Radloffs wohnen, nur die grünen Fensterrahmen gemein haben, stehen fast zum Greifen nahe um den Spielplatz. Da Gärten und Häuser oft über schmale Fußwege von allen einsehbar sind, bleibt wenig verborgen. Zum Beispiel, wenn die Mieter an der Immobilie Hand anlegen.

Und das unterliegt strengen Auflagen: Seit 1986 steht die Gartenstadt unter Denkmal-, seit Mitte der 90er-Jahre auch unter Gartendenkmalschutz. 8103 Objekte finden sich auf der Berliner Liste der Baudenkmale, wobei ganze Siedlungen wie die Staakener oder auch die Hufeisensiedlung in Britz als eine Position gezählt werden. Unter den ersten Eintragungen in West-Berlin waren 1958 die AEG Turbinenhalle, die Schlösser Bellevue und Charlottenburg und die Siegessäule. 2014 kamen 18 Denkmale neu dazu.

Fassaden sind geschützt

Anträge können Hauseigentümer, Bezirksverordnete oder Interessierte stellen. Voraussetzung ist laut Denkmalschutzgesetz, dass die Erhaltung „wegen der geschichtlichen, künstlerischen, wissenschaftlichen oder städtebaulichen Bedeutung im Interesse der Allgemeinheit liegt.“ Seitdem dies der Gartenstadt bescheinigt ist, „ist es leichter zu sagen, was wir dürfen, als was wir nicht dürfen“, sagt Jürgen Göhler, hier geboren und seit 36 Jahren Mitarbeiter der Hausverwaltung.

Nicht nur die Fassade ist geschützt. Auch innen gibt es Tabus, so beim Grundriss, bei den Holztüren oder den Holzkasten-Doppelfenstern. Als Entgegenkommen des Denkmalamtes galt bereits, dass in den 70er-Jahren eingebaute defekte Kunststofffenster wenigstens zum Garten hin gegen Isolierglasfenster getauscht werden durfte. An der hergebrachten Sprossenteilung und dem Material Holz wurde nicht gerüttelt.

Wo die Genossenschaft für Neumieter saniert, werden Eingriffe rückgängig gemacht. Bekannte von Radloffs mussten Umbauten selbst teuer rückbauen. Sie haben Glück: Weil die Eltern manches schon vor Jahrzehnten an moderne Standards anpassten, besteht für sie noch Bestandsschutz. So ist in den Holländerhäusern nur ein Bad im Obergeschoss erlaubt. Winzig ist es noch dazu. Hätten ihre Eltern nicht unten ein zweites installiert, „wäre das jetzt nicht mehr möglich“, sagt Tanja Radloff.

Auflagen für die Hobbygärtner

Natürlich sorgen solche Einschränkungen für Unmut. Auch Radloffs wären ohne die ererbten Umbauten angesichts niedriger Mieten „wohl trotzdem gekommen, aber mit Bauchschmerzen“. Weil auch die Außenanlagen geschützt sind, haben selbst die Hobbygärtner der Gartenstadt nicht freie Hand. So gibt es Auflagen für die Höhe von Zäunen oder Hecken und die Größe des Gerätehauses. Eingelassene Pools sind untersagt, ebenso Überdachungen der Terrasse oder ein Sichtschutz zu Nachbarn oder öffentlichem Weg. Nadelbäume sind nicht erlaubt und werden bei Mieterwechsel durch Obstbäume ersetzt.

Auch Manuel Radloff sieht im Einzelfall Diskussionspotenzial, für die große Linie aber hat er Verständnis: „Man muss in manchen sauren Apfel beißen, sonst geht die Einheit verloren.“ Jürgen Göhler hat auch Zeiten erlebt, wo die Verwaltung alles lockerer sah. „Aber heute ist es unstrittig, dass das Ensemble erhalten bleiben muss.“ Besichtigungstouren von Architekturseminaren in die Gartenstadt, aber auch die Bewerberzahlen für Wohnraum hier stützen diese Haltung: Ohne jahrelange Mitgliedschaft ist ein Zuzug fast unmöglich. Die Wartezeit für das Haus der Radloffs läge heute bei 15 bis 20 Jahren.