Asyl

„Hier gibt es Deutschunterricht“ für Flüchtlinge

Die meisten jungen Asylbewerber im Schulalter wollen in Berlin nicht untätig bleiben. Das Angebot, Deutsch zu lernen, nehmen sie an.

Stephan Porombka  und Anne Baillot geben den Flüchtlingen Ahmed und Mika (r.) Deutsch-Kurse

Stephan Porombka und Anne Baillot geben den Flüchtlingen Ahmed und Mika (r.) Deutsch-Kurse

Foto: Reto Klar

Als Bundespräsident Joachim Gauck Ende August die Notunterkunft im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf besuchte, dankte er den dort arbeitenden Freiwilligen, die bewiesen: „Es gibt ein helles Deutschland, das sich hier leuchtend darstellt gegenüber dem Dunkeldeutschland“. Uni-Professor Stephan Porombka und Anne Baillot, die an der Humboldt-Universität Doktoranden betreut, sind zwei dieser Freiwilligen. Sie sorgen dafür, dass Flüchtlingskinder im Amtsbau nahe dem Fehrbelliner Platz nicht tatenlos in ihren Unterkünften herumsitzen, sondern die Zukunft in die eigenen Hände nehmen. Indem sie Deutsch lernen.

Die Freiwilligen haben an diesem Morgen mit handgeschriebenen Aushängen im Treppenhaus und über die allgegenwärtige Mundpropaganda in ein leer geräumtes Dienstzimmer im vierten Stock geladen. Jugendliche, die hier in der Fremde etwas für ihre Bildung tun wollen, mögen sich auf ein Vorgespräch melden. Die 39-jährige Anne Baillot hat Teekannen auf den Tisch gestellt. Daneben stehen gespendete Becher. Auf einer Schultafel stehen Lehrsätze, die andere Schüler am Vortag geübt haben: „Ich denke an meine Mutter“, „Ihr denkt an die Heimat“, „Nein, wir haben keine Angst“.

Scheu blicken drei junge Menschen in den Raum. Ahmed, 22, und Silva, 16, aus Syrien und Mika, 14, aus Turkmenistan. Anne Baillot, eine gebürtige Französin, die mit Ehemann und ihren zwei kleinen Kindern gleich um die Ecke in Wilmersdorf lebt, erspart allen Beteiligten den höflichen Smalltalk: „Es gibt mehrere Möglichkeiten für euch, zu lernen.“ Auf Englisch erzählt sie vom Lehrangebot im Haus, von der Volkshochschule und dem Französischen Gymnasium nahe dem Nollendorfplatz, das Räume stellt, damit Lehrer aus ganz Berlin dort unterrichten können. „Fahrten durch Berlin zu den Schulen: Traut ihr euch das zu?“, will Baillot wissen. „Mit dem U-Bahnplan ist das kein Problem“, sagt Ahmed.

Die jungen Leute erzählen von ihrem schulischen Werdegang: Silva, die nur mit ihrem Vater und Cousins in Berlin ist, sagt, sie habe daheim ein Jahr vor dem Abitur gestanden. Anne Baillot beugt sich nah zu ihr und lächelt aufmunternd: „Was wolltest du studieren?“ „Pharmazie“, sagt das Mädchen. Ahmed hat in Syrien Informationstechnik studiert. Mika, der mit tiefer Stimme schon sehr passables Deutsch spricht, sagt, er würde neben dem Sprachkursus gern noch Mathematik lernen. Anne Baillot schreibt es auf.

Ahmed gibt sie ein gelbes Wörterbuch, Silva zeigt sie das Lehrbuch „Deutschkurs für Asylbewerber“. Es erklärt Wörter und Sätze mit Bildern. Ein Foto zeigt Angela Merkel. Von ihrem Gesicht gehen Hinweispfeile ab, die die deutschen Begriff nennen: „Nase“, „Ohren“, „Haare“.

Zu ihrem ehrenamtlichen Job kam Anne Baillot, nachdem sie sich im Netzwerk „Wilmersdorf hilft“ gemeldet hatte. Was sie in ihrem eigentlichen Beruf tagsüber nicht schafft, macht sie jetzt nachts. Am Wochenende etwa ist Sitzung in der Notunterkunft. „In der Zeit geht mein Mann dann eben mit den Kindern schwimmen“, sagt sie.

Stephan Porombka, 47, der an der Universität der Künste lehrt, erfuhr, dass er helfen kann, als er seiner zehn Jahre alten Tochter das Heim zeigte. Am Infostand fragte er einfach, ob er gebraucht wird. Wenn sein Semester beginnt, will er Flüchtlingskinder in die Kurse mitnehmen.

„Kommt am besten in alle drei tägliche Unterrichtskurse“, sagt Anne Baillot zum Abschluss. „Und sagt es allen Freunden und Verwandten weiter: Hier gibt es Deutschunterricht.“

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