Immobilien

Preiswerte Wohnungen werden in Berlin knapp

Die Unternehmertafel von Morgenpost und IBB sieht dringenden Handlungsbedarf beim Wohnungsbau – auch durch den Flüchtlingsstrom.

Die Unternehmertafel im Waldorf Astoria mit Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD, vorn 2.v.l.)

Die Unternehmertafel im Waldorf Astoria mit Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD, vorn 2.v.l.)

Foto: Amin Akhtar

In den vergangenen vier Jahren verzeichnete Berlin einen Zuwachs von 160.000 Einwohnern. Bis 2030 werden, so lauteten zumindest die bisherigen Prognosen, weitere 400.000 Menschen dazukommen. Nicht eingerechnet in diese Statistik sind die bis zu 70.000 Flüchtlinge, die nach offiziellen Schätzungen allein in diesem Jahr in Berlin Zuflucht suchen werden.

Wie viele es 2016 werden könnten, ist nicht absehbar. Damit die ohnehin angespannte Situation auf dem Berliner Wohnungsmarkt nicht aus den Fugen gerät, forderten die Gäste der Unternehmertafel, die die Berliner Morgenpost in Kooperation mit der Berlin Investitionsbank (IBB) veranstaltet, deutliche Erleichterungen bei den Bauvorschriften.

15.000 neue Wohnungen pro Jahr

IBB-Chef Jürgen Allerkamp schätzte, dass Berlin „einen jährlichen Neubaubedarf von mindestens 15.000 Wohnungen hat“. 2014 wurde in Berlin der Bau von 19.200 Wohnungen genehmigt – so viele wie seit Mitte der 90er-Jahre nicht. „Die Dynamik nimmt zu“, sagte Allerkamp. Allerdings seien Baugenehmigungen noch keine Wohnungen, erfahrungsgemäß würden lediglich 70 Prozent der genehmigten Wohnungen tatsächlich gebaut.

„2014 wurden 8800 neue Wohneinheiten gebaut, knapp ein Drittel mehr als noch im Vorjahr“, sagte Allerkamp. Das sei zwar ein erfreulicher Trend, allerdings handelte es sich dabei oft um Ein- und Zweifamilienhäuser. Nur 5200 der neuen Wohnungen entstanden in Mehrfamilienhäusern. „Es geht aber nicht nur darum, Wohnraum fertigzustellen, er muss auch bezahlbar sein“, sagte Allerkamp.

Der Bauunternehmer Thomas Groth bezeichnete es angesichts des gestiegenen Wohnungsbedarfs als „Wahnsinn, dass es mindestens drei Jahre dauert, bis auf Grundstücken, die mit einem Bebauungsplan behaftet sind, tatsächlich gebaut werden kann“. Zudem würde der Senat selbst mit seinen Forderungen an die Investoren, die zusätzlich zu den Wohnungen auch noch Schulen und Kitas mitbauen müssten, dafür sorgen, dass die Mietpreise so hoch seien.

Planverfahren beschleunigen

„Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass Flüchtlinge gegen Wohnungssuchende ausgespielt werden“, betonte Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) vor der Runde aus Entscheidern Berliner Unternehmen, Firmen und Institutionen der Berliner Immobilienbranche. Allerdings sei sowohl die Aufnahme und Verteilung der Flüchtlinge als auch die Baugesetzgebung überwiegend ein Bundes- und kein Länderthema. „Berlin setzt sich auf Länderebene dafür ein, dass die Bundesbaugesetzgebung so geändert wird, dass Bebauungsplanverfahren nicht mehr drei bis vier Jahre dauern“, sagte Geisel. Diese Aufgabe stelle sich in den Metropolen mit starkem Zuwachs ohnehin. „Das Problem muss gelöst werden und zwar unabhängig davon, wie viele Flüchtlinge letztendlich anerkannt werden und Asyl erhalten“, sagte der Senator.

René Richter, Kaufmännischer Direktor bei der Kondor Wessels Holding, stellte den Sinn von zahlreichen staatlichen Auflagen, die das Bauen verteuern, infrage: „Energetische Maximalanforderungen, Verschattungs- und Lärmschutzrichtlinien sind zwar gut gemeint, aber enorm teuer“, so der Kaufmann. Andreas Segal, Finanzvorstand der Deutsche Wohnen AG sagte, Berlin könne mehr dazu beitragen, dass tatsächlich preiswerte Mietwohnungen errichtet werden. „Berlin hat so viele ungenutzte Grundstücke, die sollte es dafür zur Verfügung stellen“, so sein Vorschlag. Geisel entgegnete, dass nur 15 Prozent der Flächen Berlin gehörten, mehr als 80 Prozent seien in privater Hand.

Mehr qualifiziertes Personal

Das räumte auch Dirk Lönnecker, Vorstand der Berliner Wohnungsbaugenossenschaft 1892, ein. „Wir haben noch sehr viele geeignete Flächen“, sagte der Genossenschaftler. Allerdings seien in den alten Bebauungsplänen dort häufig noch Gebäude wie etwa Parkgaragen vorgesehen. „Da muss dringend nachgebessert werden“.

Sophia Eltorp, Chefin der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Howoge, wünschte sich mehr qualifiziertes Personal in den Bezirken. „Das würde ebenfalls zu einer Beschleunigung beitragen“, sagte sie. Außerdem regte sie an, wieder Großsiedlungen zu bauen. „Alleine mit teuren Lückeschließungen in der Innenstadt werden wir gerade den Mangel an erschwinglichen Wohnungen nicht beheben können“.

Die Frage der Finanzierbarkeit von Neubauwohnungen sieht auch der Chef des Berliner Mietervereins, Reiner Wild, als zentrales Problem. „Gerade hinsichtlich der Personenkreise, die jetzt kommen, muss sich der Senat für mehr preis- und belegungsgebundene Wohnungen stark machen“, sagte er.

Eigentum fördern

Aus Sicht von Nikolaus Ziegert, Geschäftsführer von Ziegert Immobilien, sollte Berlin mehr unternehmen, um jungen Familien die Eigentumsbildung zu erleichtern. „Wer heute schon acht Euro Miete pro Quadratmeter zahlt, fährt häufig besser, wenn er Eigentum erwirbt“, sagte er.

Maren Kern, Chefin des Verbandes Berlin Brandenburgischer Wohnungsunternehmen, hält das Verkaufsverbot von städtischen Wohnungen auch aus einem anderen Grund für fragwürdig: „Wenn die städtischen Unternehmen ihre unwirtschaftlichen Bestände verkaufen dürften, könnten sie den Erlös für eine vernünftige Finanzierung ihrer Neubauten verwenden.“