Weniger Spender

Immer mehr Berliner warten auf eine Organspende

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Isabell Metzger
Weniger Organspender: Herz und Niere verzweifelt gesucht

Weniger Organspender: Herz und Niere verzweifelt gesucht

Foto: dpa Picture-Alliance / Soeren Stache / picture alliance / dpa

Die Zahl der Berliner Patienten, die auf Spenderorgane angewiesen sind, steigt. Gleichzeitig sinkt die Bereitschaft zur Organspende.

Die Zahl der Organspenden in Berlin ist in den ersten sieben Monaten des Jahres weiterhin gesunken. Das geht aus Zahlen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) hervor. 21 Spendern konnten die Ärzte von Januar bis Ende Juli Organe in Berlin entnehmen. Das sind sechs weniger als noch im Vorjahr. Dabei steigt die Zahl der Berliner Patienten an, die auf Spenderorgane warten. Mit Stand Juli 2015 warteten 535 Menschen auf ein lebensrettendes Organ. Der Großteil mit etwa 448 benötigte eine gesunde Niere, 23 warteten derzeit auf ein Herz.

„Organspende war als ein Thema in der Bevölkerung schon immer wenig präsent“, so Detlef Bösebeck, geschäftsführender Arzt bei der Deutschen Stiftung für Organtransplantation (DSO). Die Zustimmung sei im Vorjahresvergleich in Berlin von 72 Prozent auf 60 Prozent zurückgegangen. Anfang Juli hatte die DSO deshalb zu einer Veranstaltung im Herzzentrum geladen.

Die Transplantationsbeauftragten der Berliner Krankenhäuser sollten dort ihre Kenntnisse über ihre gesetzlichen und medizinischen Aufgaben vertiefen. Mit den medizinischen Kriterien für eine Organspende seien viele Verantwortliche noch zu wenig vertraut, so Bösebeck. „Dazu gehört beispielsweise, dass man auch Organe älterer Verstorbener mit Begleiterkrankungen transplantieren kann.“ Bösebeck forderte, die Schulungen der Beauftragten zu intensivieren. Für den Versorgungsauftrag sollten die Mitarbeiter eigentlich freigestellt werden.

Werbung per Post

Die Techniker Krankenkasse hat auf die mangelnde Spendenbereitschaft reagiert: In Berlin erhalten 616.000 Versicherte per Post einen Organspendeausweis sowie Informationen zur Organspende. Bundesweit werden acht Millionen Briefe verschickt. „Wichtig ist, dass jeder beim Thema Organspende in der Lage ist, eine bewusste Entscheidung zu fällen“, sagt Susanne Hertzer, Chefin der Techniker Krankenkasse in Berlin. Auch auf Plakaten wird für den Organspendeausweis geworben.

Das einfache Papierdokument sollte möglichst jeder Berliner mit sich tragen. „Ein Organspendeausweis, der die eigene Einstellung zur Organ- und Gewebespende dokumentiert, schafft Klarheit“, wirbt auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Fehle ein Organspendeausweis, müssen in der akuten Situation, das heißt bei der Feststellung des Vorliegen des Hirntodes, die Angehörigen entscheiden, ob eine Organ- und Gewebeentnahme erfolgen soll oder nicht. „Der Organspendeausweis ermöglicht also der oder dem Einzelnen, sein Persönlichkeitsrecht wahrzunehmen“, heißt es in der Informationsbroschüre der BZgA.

In den Krankenhäusern der Stadt kommt es häufig zu Engpässen. „Wir bekommen zu wenig Spenderorgane“, sagte Thomas Krabatsch, Oberarzt am Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB). In der Herzchirurgie hätten sie jede Menge schwer kranke Patienten. „Die liegen zum Teil stationär am Tropf. Da versuchen wir, das Letzte aus dem Herzen zu holen.“

Kunstherz als Notlösung

Wenn es die Verfassung des Patienten zulässt, dann setzten die Ärzte notfalls Kunstherzen ein. „Das soll man nicht verteufeln. Immerhin würden ohne die Geräte 80 Prozent unserer Patienten sterben“, sagte Krabatsch. Allerdings funktionierten Kunstherzen nur mit medikamentöser Unterstützung. Zudem hielten Spenderherzen 20 Jahre und länger. Tatsächlich würden einige Patienten bereits wesentlich länger mit einem Spenderherz leben, nach Auskunft des DHZB gebe es sogar einen Patienten, der seit fast 30 Jahren mit dem Organ lebe. „Bei Kunstherzen sind es zehn Jahre, aber das ist die absolute Ausnahme“, so Krabatsch. 17 Herzen konnten die Ärzte am Herzzentrum in diesem Jahr transplantieren, davon acht bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren.

Benötigt ein Patient eine Niere, dann meldet ihn der Arzt auf einer Warteliste beim Transplantationszentrum an. Die Ärztekammer prüft, lässt die Anfragen dann an den internationalen Vermittlungsdienst von Eurotransplant weiterleiten. Der Dienst entscheidet darüber, welcher Patient das Organ eines Spenders erhält. Dabei zählen Kriterien wie Dringlichkeit oder Entfernung zum Patienten.

Thomas Krabatsch glaubt, dass die Zukunft nicht in den Spendeorganen liegt, sondern der Weiterentwicklung der Kunstherzen. „Wenn man einen Menschen retten muss, ist das immer ein Dilemma“, sagt er. „Denn dann lebt immer einer davon, dass der andere stirbt.“ Krabatsch wünscht sich deshalb, dass die Kunstherzen in Zukunft noch besser entwickelt sind. „Dann lassen sie sich vielleicht einsetzen wie ein Herzschrittmacher“, so Krabatsch.