Konzert

Barenboim bestätigt Gastauftritt der Staatskapelle im Iran

Daniel Barenboim bestätigt, mit der Staatskapelle in Teheran ein Konzert zu spielen. Der Zeitpunkt ist heikel - die Reaktionen geteilt.

Stardirigent Daniel Barenboim: Die Staatskapelle Berlin und ihr Generalmusikdirektor verhandeln derzeit mit dem Iran über ein mögliches Konzert in Teheran

Stardirigent Daniel Barenboim: Die Staatskapelle Berlin und ihr Generalmusikdirektor verhandeln derzeit mit dem Iran über ein mögliches Konzert in Teheran

Foto: dpa Picture-Alliance / / picture alliance / Photoshot

Die Wellen sind schnell hoch geschlagen, als international Vermutungen geäußert wurden, dass der Berliner Stardirigent Daniel Barenboim, 72, ein Konzert im Iran plant. Die Reaktionen darauf sind gerade in Israel ungewöhnlich aggressiv.

Am Donnerstag folgte in Berlin dann die offizielle Bestätigung. „Die Staatskapelle Berlin mit ihrem Generalmusikdirektor Daniel Barenboim spricht derzeit mit Iran über ein mögliches Konzert der Staatskapelle Berlin in Teheran“, heißt es.

„Außenminister Steinmeier hat die Schirmherrschaft über dieses Konzert übernommen und unterstützt das Engagement von Daniel Barenboim, Musik jenseits aller nationalen, religiösen oder ethnischen Grenzen Menschen zugänglich zu machen. Sobald die Gespräche zu einem Abschluss gekommen sind, können nähere Informationen bekannt gegeben werden.“

Israel kündigt Protest an

Allein, dass die knappe Mitteilung von einem Orchester herausgegeben wurde, lässt darauf schließen, dass man den ganzen Vorgang politisch möglichst kleinhalten möchte. Dabei ist es kaum vorstellbar, dass Orchestermusiker mit irgendwem im Iran verhandeln. Gerade die Schirmherrschaft von Frank-Walter Steinmeier (SPD) lässt auf ein deutlich größeres Engagement der Bundesregierung in dieser Angelegenheit schließen. Nach dem Atomkompromiss mit dem Iran will Steinmeier Mitte Oktober nach Teheran reisen. Ob ihn dabei auch die Staatskapelle mit Barenboim begleiten wird, wurde jetzt nicht bestätigt.

Bereits vor Bestätigung der Gespräche mit dem Iran hatte Israel am Mittwoch Protest gegen die Konzertpläne angekündigt. Kulturministerin Miri Regev erklärte, dass sie deswegen einen Protestbrief an die Bundesregierung schreiben wolle. Barenboim verfolge eine antiisraelische Linie und schwärze Israel bei jeder Gelegenheit an.

Er missbrauche dabei die Kultur zur Durchsetzung seiner politischen Ansichten, hatte sie auf Facebook erklärt. Regev, die der rechtsorientierten Regierungspartei Likud angehört, war in der Vergangenheit immer wieder angeeckt. So hatte sie etwa mit Kürzungen der Budgets von Kultureinrichtungen gedroht, die Israel negativ darstellen.

Heikler Zeitpunkt

Barenboim hat seinerseits immer wieder die israelische Siedlungspolitik und die Haltung der verschiedenen Regierungen gegenüber den Palästinensern kritisiert. Die Besetzung sei moralisch falsch und stelle auf lange Sicht auch die Existenzgrundlagen Israels infrage. Deshalb versucht der Starkünstler immer wieder, Musik und Kulturdiplomatie zusammenzubringen. In seinem West-Eastern Divan Orchestra spielen junge Musiker aus Israel und den arabischen Staaten friedlich an den Pulten zusammen. Es ist ein hoffnungsvolles Friedensprojekt, das vor allem in Mitteleuropa geschätzt wird. Im Nahen Osten leider weniger.

Barenboim nutzt konsequent jede Chance, seine Vision umzusetzen. Er habe auch mit dem für einen Tag gegründeten Gaza-Orchester in Palästina auf der Bühne gestanden, sagte er vor drei Jahren in einem Interview: „So etwas würde ich immer machen, egal wo. Auch in Teheran.“

Aber dieses Konzert zu diesem Zeitpunkt ist heikel, weil sich die politischen Lager beim Thema Iran spalten. Es steckt auch viel Psychologie in der scharfen Kritik an Barenboim drin. Israels Regierung ist gegen den Atomkompromiss mit dem Iran, weil es einen zweiten Holocaust, die immer wieder vom Iran angekündigte Zerstörung Israels, befürchtet.

In der jüdischen Diaspora hingegen ist noch keine klare Position erkennbar. Gerade unter den fünf Millionen amerikanischen Juden scheint es noch keine klare Mehrheit dafür zu geben, ob sie in dem Atomkompromiss eine längerfristige Friedenschance oder ein Untergangsszenario sehen.

Kein Statement vom Zentralrat

So lange aber fällt niemand dem US-Präsidenten Barack Obama in den Arm. Was Israel verärgert. In diese Diskussionen hinein wird das Barenboim-Konzert in Teheran angekündigt. Der Zentralrat der Juden in Deutschland wollte das Ganze am Donnerstag nicht kommentieren: „Bedauerlicherweise ist Herr Dr. Schuster aufgrund der aktuellen Terminlage nicht für ein Statement zu erreichen.“ Auch in der Israelischen Botschaft war am Donnerstagnachmittag niemand für eine Stellungnahme zu erreichen.

Der in Deutschland ansässige Pianist und Dirigent Daniel Barenboim, der neben dem israelischen auch einen palästinensischen Pass hat, genießt in der Klassikwelt einen ungeheuren Ruf. Der „New Yorker“ bezeichnete ihn einmal als den größten lebenden Klassikmusiker. Möglicherweise ist das sogar noch tief gestapelt. Barenboim ist der politisch einflussreichste Interpret, den es je in der Musikgeschichte gab. Die diplomatische Verantwortung ist groß. Insofern ist es auch verständlich, dass sich Barenboim am Donnerstag auf Anfrage nicht weiter zu dem Projekt im Iran äußern wollte. Auf seiner Facebook-Seite postete er ein Zitat des Mitbegründers des West-Eastern Divan Orchestra Edward Said: „Wir sind es, die von den Musikern mehr lernen werden als sie von uns“.

Im kommenden Jahr wird der Stardirigent in Berlin, auf der Rückseite der Staatsoper und schräg gegenüber vom Auswärtigen Amt, die Barenboim-Said Akademie eröffnen. Dort sollen junge Musiker aus dem Nahen Osten gemeinsam studieren. Die Musikakademie wird vom Bund und vom Auswärtigen Amt maßgeblich finanziell unterstützt. Barenboim wächst über das Opernamt des Generalmusikdirektors in Berlin in eine neue Rolle hinein. Die ersten Konflikte sind jetzt bereits zu erleben.

Der Iran versucht im Moment, gerade auch im exklusiven Klassikbereich Aushängeschilder für sich zu gewinnen. So teilte das iranische Kultusministerium Anfang der Woche mit, es verhandele mit den Berliner und ­Wiener Philharmonikern über Konzerte in Teheran. Konzerte, die zugleich an Besuche von Spitzenpolitikern gebunden sind. Solche Verhandlungen wurden jedoch von beiden Orchestern dementiert.