Nachnutzung

Technologiepark Adlershof soll Vorbild für Tegel sein

Hightech-Teile aus Adlershof umrunden in vielen Satelliten die Erde. Die Politik, die das ermöglichte, soll in Tegel wiederholt werden.

Juniorchef Sebastian Scheiding

Juniorchef Sebastian Scheiding

Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Der Mikrosatellit TET wird im Reinraum zusammengebaut. Wer die Präzisionsteile einpasst, darf möglichst kein Staubkörnchen verlieren. Bei der Firma Astro- und Feinwerktechnik GmbH im Adlershofer Technologiepark ist Berlins neue Industrie zu besichtigen. 70 Mitarbeiter, darunter 22 gewerbliche und drei Auszubildende, stellen hier komplette Minisatelliten oder Einzelteile für solche Weltraumkörper her. Im Untergeschoss simuliert ein spezieller Prüfstand die Vibrationen eines Raketenstarts. Nebenan fräsen Facharbeiter aus Aluminium mit Spezialmaschinen Präzisionsteile.

In etwa 60 Satelliten und in der europäischen Raumstation ISS fliege die Technik aus Adlershof im Orbit, sagte der Juniorchef der Firma, Sebastian Scheiding. Sein Vater Michael gründete nach der Wiedervereinigung die Firma zusammen mit anderen Ex-Mitarbeitern des Instituts für Kosmosforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR. Gemeinsam mit anderen Forschern, die zu Unternehmern wurden, bildeten sie auf dem Adlershofer Gelände den Grundstock für den inzwischen zweitgrößten Technologiepark in Europa.

Die Humboldt-Universität stärkte diese Basis mit ihren naturwissenschaftlichen Fakultäten. Auf und um den Campus im Berliner Südosten arbeiten inzwischen 16.000 Menschen. Von den 1000 Unternehmen fallen nach den Worten von Peter Strunk, Sprecher der Betreibergesellschaft Wista, 40 in die Kategorie der Hochtechnologie-Schmieden wie die der Scheidings. Sie könnten Dinge, die auf der Welt kaum jemand beherrsche.

Senat will später investieren

Im Lichte dieser Erfolgsgeschichte ist ein Besuch zu sehen, den Eric Schweitzer, Präsident der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK), und Raed Saleh, Chef der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, am Montag den Satellitenbauern abstatteten. Beide hatten schon früher gemeinsame Termine genutzt, um politische Botschaften auszusenden.

Natürlich ging es um die Industrie, die bei all dem Reden über Internet-Start-ups nicht vergessen werden dürfe, wie IHK-Chef Schweitzer mahnte. Auch in der Industrie habe sich die Zahl der Gründungen seit 2008 verdoppelt. Vor allem aber wollten Saleh und Schweitzer ein Signal Richtung Senat aussenden, die Entwicklung von Tegel nicht zu verzögern.

Auf dem Gelände und im Terminalgebäude des Noch-Flughafens ist für die Zeit nach der Schließung und dem Umzug des Flugbetriebs zum BER seit Jahren ein neues Adlershof geplant, mit Instituten der Beuth-Hochschule für Technik und Hochtechnologiefirmen, die sich den Problemen der Städte im 21. Jahrhundert widmen. Der Senat hat in seiner Finanzplanung aber angedeutet, dass es mit den Investitionen auch länger dauern könnte. Denn zunächst müsste der Landeshaushalt den Umbau des Internationalen Congress Centrums (ICC) verkraften. Inzwischen ist die Rede davon, dass die großen Investitionen in Tegel erst 2020 oder 2022 erfolgen könnten.

IHK-Präsident fordert schnellen Umbau

Schweitzer und Saleh wollen eine solche Verzögerung verhindern. „Sofort nach der Schließung von Tegel muss der Umbau zum Hochschulstandort beginnen“, forderte der IHK-Präsident. „Es wäre viel zu teuer für uns, nicht in Tegel zu investieren“, sagte Saleh und mahnte, sich nicht auf der derzeit günstigen wirtschaftlichen Situation der Stadt auszuruhen. Wista-Sprecher Strunk sagte, die Besonderheit in Tegel werde sein, dass man direkt auf dem Gelände auch ausprobieren könne, was erdacht, entwickelt und hergestellt worden sei.

Im Gespräch mit den Firmenchefs ließen sich die Besucher ihre Argumente für einen schnellen Ausbau Tegels bestätigen. Eine Studie der IHK habe ergeben, dass sich an Gewerbestandorten mit wissenschaftlicher Anbindung viel mehr Firmen ansiedelten als an solchen ohne Hochschüler, Forscher und Absolventen in unmittelbarer Nähe. Wenn es Adlershof nicht schon gäbe, müsste man es erfinden, sagte Saleh und dachte dabei wohl an Tegel.

Firmenchef Michael Scheiding bestätigte, dass die Lage in Adlershof ein „erheblicher Standortvorteil“ sei, nicht nur wegen der Nähe zur Deutschen Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DLR). Mit seinen Präzisionsmaschinen baue seine Firma auch Geräte für andere Technologieunternehmen in der Nachbarschaft und gleiche so Schwankungen im Raumfahrtgeschäft aus. 20 Prozent der sieben Millionen Euro Jahresumsatz erwirtschaftet die Astro- und Feinwerktechnik in Berlin. Nachwuchssorgen habe man nicht, sagte der Gründer. Die Hochschulen entließen genügend Ingenieure, Facharbeiter bilde man selber aus.

Wärmebilder von der Erde

Die Scheidings haben auch große Pläne. Mit ihrem Berater Dieter Oertel haben sie ein System entwickelt, mit dem die ganze Erde alle fünf Tage mit Infrarotkameras auf ihren Kleinsatelliten aufgenommen werden kann. Anhand der Wärmebilder lasse sich feststellen, welche landwirtschaftliche Fläche Wasser benötige und welche noch nicht, erklärte der Professor. Landwirte könnten die Bewässerung genau einstellen und so enorme Mengen knappen Wassers sparen. Die Berliner suchen für ihr System einen Abnehmer, am liebsten eine multinationale Organisation wie die UN, Interessenten aus China gebe es bereits.

Aber den ganz großen Sprung zu mehr Größe haben die Scheidings nicht auf dem Plan. Man wolle kein Fremdkapital hereinnehmen, sagte Sebastian Scheiding. Wenn aber Google die Welt in Echtzeit aufnehmen wolle, dafür 800 Kleinsatelliten benötigt und für 500 Millionen Euro die Firma kaufen wollte, würde man vielleicht mal überlegen.