Bevölkerung

Baby-Boom - 37.368 Babys kamen in Berlin zur Welt

So viele Geburten wie 2014 haben die Statistiker lange nicht mehr gezählt. Eine der deutschen Baby-Boom-Regionen ist Berlin.

Foto: Waltraud Grubitzsch

Wiesbaden. Mehr Ehen, mehr Kinder, weniger Todesfälle: Das Statistische Bundesamt hat am Freitag die vorläufigen Zahlen zum Thema Familie vorgelegt.

Die gute Nachricht: Ging die Zahl der Geburten in den vergangenen Jahren zurück, nimmt sie nun zu. 2014 wurden in Deutschland 715.000 Kinder geboren, wie die Statistikbehörde am Freitag in Wiesbaden mitteilte. Das waren 4,8 Prozent (oder 33.000 Neugeborene) mehr als im Jahr davor. Mehr noch, so viele Geburten gab es seit zehn Jahren nicht mehr. Über 700.000 Kinder in einem Jahr wurden zuletzt 2004 geboren.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) sagte laut einer Mitteilung, „das ist ein schönes Signal, dass in Deutschland wieder mehr Kinder geboren werden. Wir müssen uns weiterhin anstrengen, Familien in Deutschland gut zu unterstützen.“

Berlin gehört zu den Baby-Boom-Regionen

Dabei gehört Berlin weiter zu den deutschen Baby-Boom-Regionen. In der Stadt sind im vergangenen Jahr so viele Kinder geboren worden wie seit Jahren nicht mehr. 37.368 Mädchen und Jungen kamen in der Bundeshauptstadt im Jahr 2014 auf die Welt. Das sind 2330 Neugeborene (6,6 Prozent) mehr als ein Jahr zuvor.

Die Zahl der Geburten in Berlin hat damit annähernd wieder das Niveau zur deutschen Einheit erreicht. Im Jahr 1990 waren in der Stadt 37.596 Babys zur Welt gekommen. Auch im Land Brandenburg steigt die Zahl der Geburten wieder deutlich. Dort kamen im vergangenen Jahr 19.339 Kinder auf die Welt, 5,3 Prozent als ein Jahr zuvor.

Berliner Landespolitiker reagierten am Freitag erfreut auf die Entwicklung. „Mehr und mehr junge Menschen ziehen nach Berlin und gründen hier eine Familie. Ein schöneres Kompliment kann ich mir für eine Stadt nicht vorstellen“, sagte Berlins Familiensenatorin Sandra Scheeres (SPD).

Geburtenanstieg in Berlin als Herausforderung

Der Anstieg der Geburten bedeute zugleich einen Anlass zur Freude, aber auch eine Herausforderung, so die Senatorin. Berlin müsse die Infrastruktur für Familien, beispielsweise das Kitaangebot, weiter ausbauen.

„Die Geburtenentwicklung bestätigt mich darin, den eingeschlagenen Weg des bedarfsgerechten Kitaausbaus entschieden weiterzugehen“, sagte Scheeres. Seit Beginn der Legislaturperiode habe die Stadt 18.000 neue Kitaplätze geschaffen. „Im Doppelhaushalt 2016/17 wollen wir die Mittel für unser Landesprogramm auf 40 Millionen Euro aufstocken und damit gegenüber dem laufenden Haushalt mehr als verdoppeln. Insgesamt wollen wir 10.000 zusätzliche Kitaplätze schaffen“, kündigte die Familiensenatorin an.

Höhere Investitionen in Kitas

Die Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus hält das für unzureichend. Die Tagesbetreuung für Kinder müsse deutlicher vorangetrieben werden. So forderte die Familienexpertin der Linken im Abgeordnetenhaus, Katrin Möller, verstärkte Ausgaben für Kindertagesstätten. Die Möglichkeiten für den Ausbau vorhandener Einrichtungen seien nahezu ausgeschöpft. Freie und öffentliche Träger seien sich einig, dass neue Kitas gebaut werden müssten, sagte Katrin Möller. Doch gerade im Zentrum seien Grundstücke rar und teuer. „Da muss sehr bald mehr Geld in die Hand genommen werden“, sagte die Abgeordnete. Auch bezahlbare Wohnungen, gute Arbeitsplätze, wohnortnahe Familienzentren müssten entstehen, um mehr Eltern und Kinder anzuziehen.

Der Berliner Familienbeirat hatte vor den Sommerferien in seinem Bericht 2015 mehr Anstrengungen für eine familienfreundliche Stadt gefordert. Das Thema müsse ressortübergreifend auf die Agenda der Landesregierung.

Auch in den Regierungsfraktionen von SPD und CDU wird angesichts der gestiegenen Geburtenzahlen in Berlin über weitere Möglichkeiten nachgedacht, um die Situation von Eltern und Kindern zu verbessern. „Wir müssen schon bei den Beratungen zum kommenden Doppelhaushalt über Maßnahmen für ein noch verlässlicheres Betreuungsangebot sprechen“, kündigte Björn Eggert, familienpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, an.

Eggert will auch eine Diskussion über ein verändertes Baurecht anstoßen. „Wo gebaut wird, sollte auch verpflichtend die nötige Infrastruktur für Familien entstehen“, sagte er der Berliner Morgenpost am Freitag. Wenn Bauherren gezwungen seien, für ihre Wohnungsbauprojekte Parkplätze nachzuweisen, müsse Ähnliches auch für Kitas oder Familienzentren gelten, so Eggert. Grundsätzlich müsse Müttern und Vätern geholfen werden, Beruf und Familie vereinbaren zu können. Das Anrecht auf einen Betreuungsplatz für unter Dreijährige sei da ein erster Schritt gewesen.

Deutschen haben hohen Anspruch an Elternschaft

„Die Menschen in Deutschland haben einen hohen Anspruch an Elternschaft“, bestätigte auch der Soziologe Harald Rost vom Bamberger Staatsinstitut für Familienforschung: Sie wollen materielle Sicherheit, eine große Wohnung, einen guten Job. Sie wollen sich ausgelebt haben und viel gereist sein – und sie suchen den perfekten Partner. Bis das alles steht, sind sie relativ alt und bekommen dann oft weniger Kinder, als sie ursprünglich haben wollten – wenn es dann überhaupt noch klappt.

Beim Statistischen Bundesamt dämpfen die Experten die nach der guten Nachricht aufkeimenden Hoffnungen auf einen bundesweiten Wandel: Zwar sei in den vergangenen Jahren die Geburtenziffer je Frau leicht gestiegen – auf 1,41 Kinder im Jahr 2013. Die wieder steigenden Kinderzahlen ließen sich jedoch auch mit der demografischen Entwicklung erklären: Abhängig ist die Geburtenzahl insbesondere von der Zahl der Frauen im Alter zwischen 26 und 35 Jahren. „Seit 2008 hat sich die Frauenzahl in diesem Alter stabilisiert und nimmt sogar zu, was die Geborenenzahl noch einige Jahre positiv beeinflussen könnte“, so die Statistiker. Nach 2020 werde die Zahl der Frauen in diesem Alter allerdings voraussichtlich deutlich schrumpfen. Dann könne ein erneutes Geburtentief entstehen, so Anja Conradi-Freundschuh vom Statistischen Bundesamt.

Steigende Geburtenzahlen durch Zuwanderung

Eine weitere Erklärung für die steigenden Geburtenzahlen könnte die Zuwanderung sein. Dem Statistischen Bundesamt liegen dazu nach eigenen Angaben zwar derzeit noch keine Zahlen vor. Das Statistische Landesamt in Baden-Württemberg allerdings führte die steigenden Geburtenzahlen im Südwesten auf die „enorm angestiegene Zuwanderung“ zurück, die auch zu einer Zunahme der Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter geführt habe. 2014 war die Einwohnerzahl in Deutschland trotz eines Sterbeüberschusses wegen der hohen Zuwanderung auf 81,1 Millionen geklettert. Dabei lebten rund 10,9 Millionen Zuwanderer in Deutschland.

Im Jahr 2005 wurden erstmals weniger als 700.000 Kinder geboren; in der Zeit der Wiedervereinigung hatte es noch zwischen 800.000 und 900.000 Geburten pro Jahr gegeben. Unter die Millionengrenze fiel die Geburtenzahl 1972. Demgegenüber war 1964 das Jahr mit den meisten Geburten seit dem Zweiten Weltkrieg; damals kamen knapp 1,4 Millionen Babys in Deutschland zur Welt. Einen Geburtenüberschuss gab es in Deutschland zuletzt 1971: Das bedeutet, 965.000 Sterbefälle wurden in ganz Deutschland registriert gegenüber 1,01 Millionen Geburten. Den höchsten Geburtenüberschuss verzeichnete Deutschland 1964 mit rund 487.000.

Mehr Ehen geschlossen

Im vergangenen Jahr haben sich zudem mehr Menschen für eine Ehe entschieden. 386.000 Paare schlossen den Bund fürs Leben. Das ist eine Steigerung von 3,3 Prozent (oder 12.000 Ehen) im Vergleich zum Vorjahr. Auch die Berliner sind wieder heiratsfreudiger. Mit 13.373 Eheschließungen im Jahr 2014 gingen 410 Paare (3,2 Prozent) mehr zum Standesamt als ein Jahr zuvor.

Zurückgegangen ist die Zahl der Todesfälle: Im Jahr 2014 starben im gesamten Bundesgebiet 868.000 Menschen. Das waren 2,8 Prozent (oder 26.000 Verstorbene) weniger als im Jahr davor. In Berlin starben im zurückliegenden Jahr 32.313 Menschen, 479 weniger als 2013. Anders als im Bundesdurchschnitt gab es in Berlin im vergangenen Jahr damit einen Geburtenüberschuss: Es kamen 5055 mehr Menschen auf die Welt als gestorben sind.

In ganz Deutschland liegt die Zahl der Todesfälle, wie bislang auch, weit über der Zahl der Geburten: „Wie in allen Jahren seit 1972 starben mehr Menschen, als Kinder geboren wurden“, sagte Anja Conradi-Freundschuh vom Statistischen Bundesamt. Dennoch deutet vieles auf eine Trendwende hin: 2014 lag die Differenz nur noch bei 153.000. Im Jahr zuvor waren noch 212.000 Menschen mehr gestorben als geboren wurden. Das war der höchste Stand seit Bestehen der Statistik. mit dpa/KNA

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