Berlin

Tour de Kudamm

111 Kinder aus zehn Nationen starten beim Radrennen durch die City West. Sie haben große Ziele

Über den Kurfürstendamm wölbt sich blauer Himmel. Die Sonne brennt auf den Asphalt. Über den Rasen am Mittelstreifen liegen Reifen und Flickmittel, Flaschen mit isotonischen Getränken verteilt. Hinter den Absperrungen an den Gehwegen winken und pfeifen Mütter und Väter hinüber zur Startlinie am Neuen Kranzler Eck, wo 111 Kinder aus zehn Nationen mit ihren Rennrädern bereitstehen und auf der Stelle tänzeln. Vereinzelt wehen belgische und slowenische Fahnen im Wind.

Dann der Countdown aus dem Lautsprecher: „Zum Mitzählen: fünf, vier, drei, ...“ Ein Schuss knallt. Und 111 Rennräder setzen sich in Bewegung, vorbei am Kranzler Eck, vorbei an der Gedächtniskirche, am KaDeWe und den Boutiquen des Kurfürstendamms. Es ist die letzte von vier Etappen der 23. kids-tour von Berlin an diesem Sonntag. Zum 23. Mal lud der Berliner Radsportverband internationale Nachwuchstalente zu einem Wettbewerb ein, allesamt jünger als 15 Jahre. Und die kämpften verbissen um den Titel. Viele möchten später einmal in die Fußstapfen von Erik Zabel und Marcel Kittel treten.

Patrick Dietze zum Beispiel. Der 14-Jährige aus dem Team AOK Berlin tritt sich schon mal auf dem Grünstreifen neben den Fahrspuren warm. Während die jüngeren Fahrer neben ihm schon um die Wette über den Asphalt fahren, strampelt er noch auf dem Trainingsrad in die Pedale. Entschlossen blickt er in Richtung Gedächtniskirche. Aus einer Plastikflasche spritzt er sich Wasser in den Mund. Noch eine Stunde bleibt ihm bis zu seinem Start.

In Österreich trainiert

Für das Rennen will er in Form sein. Zuletzt war er Berliner Meister im Cross. „Unter die ersten 20 zu kommen wäre schön“, sagt er. Vor einem Monat hat er mit seinem Training für die kids-tour angefangen. In Österreich fuhr er bei sengender Hitze Serpentinen die Berge hoch. Dann ging es nach Berlin zum Mannschaftstraining. Vor seinem Rennen hat er sich einen Essensplan zurechtgelegt: am Montag Nudeln, am Dienstag Fleisch, am Mittwoch Fisch, donnerstags dann wieder Nudeln. „Hier beim Rennen mitzufahren, das ist schon was Besonderes“, sagt er.

Letzte Runde am Kurfürstendamm. Die besten 80 Radfahrer haben sich abgesetzt. Eine rote Fahne winkt die langsamsten von ihnen aus dem Verkehr. Ein Mädchen mit der Startnummer 99 heult vor Wut. „Sowas tut weh“, tönt es aus dem Lautsprecher. „Aber sie hat die Zukunft vor sich.“ Ein letzter Sprint – an der Zielgeraden wird es noch mal eng. Doch von den Berlinern schafft es keiner aufs Treppchen. An der Spitze landet ein Junge aus Litauen. Rund 24 Kilometer liegen hinter den Fahrern – eine Strecke ungefähr so weit wie von Schönefeld nach Pankow. Einige Teilnehmer schütten sich Wasser über den Kopf, lassen den Oberkörper schnaufend über den Lenker hängen.

Noah Böker, 12, vom Team LV Hamburg, hat sich aber schon nach wenigen Minuten wieder entspannt und lässt sich neben der Rennstrecke von seinem Vater auf die Schulter klopfen. „Super Rennen“, sagt der. Und Noah fügt hinzu: „Ich bin in der großen Gruppe gefahren, war praktisch im Windschatten“, sagt Noah. „Da wird man nicht so schnell kaputt.“

Vor allem auf das Zeitfahren mit den kurzen Sprints habe er sich vorbereitet. Gegen die Altersgenossen müsse er bei den längeren Strecken aber oft noch kämpfen. „Meine Hände sind nicht so groß“, sagt er. „Deshalb musste ich den Lenker immer oben anfassen. Das ist nicht so windschnittig.“ In den Kurven verliere er deshalb oft noch an Tempo. „Auf der Strecke kann ich das aber wieder aufholen.“ Für einen Platz in der Topgruppe hat es für ihn heute nicht gereicht. Aber sein nächstes Rennen liegt schon vor ihm.

Bela Wawro aus dem Team LV Berlin gehört mit seinen elf Jahren zu den Nesthäkchen im Rennen. „Erst im Dezember werde ich zwölf, bin noch einer der Jüngsten“, sagt er. Seine Handschuhe, sein Helm sitzen noch ein bisschen locker. Wenn er übers Radfahren redet, dann klingt Bela aber wie ein Erwachsener. „Klar, ich will Rennfahrer werden“, sagt er.

An seinem ersten Wettbewerbstag schaffte er es auf der Zehn-Kilometer-Strecke vor Oranienburg auf Platz 55. Am Finaltag hieß Belas erklärtes Ziel: „Ins Hauptfeld vorkämpfen.“ Als die führende Gruppe mit rund 80 Fahrern in Richtung Ziel sprintet, heftet er sich seinen Mitstreitern an die Fersen. „Schwierig war das, vor allem ab der Halbzeit“, wird er später sagen. „Da kamen die meisten Angriffe, da hat sich eine Gruppe vorne abgesetzt.“ Radfahren sei für ihn längst nicht mehr nur ein Hobby, sagt er. Viermal pro Woche trainiert er, „so 50 bis 60 Kilometer“. Im laufenden Jahr gewann Bela Wawro eine Urkunde als Berliner Meister im Einzelfahren.

Wiege für Radsporttalente

Das Berliner Radrennen gilt in der Szene als Wiege der internationalen Radsporttalente. Wer einmal für die kids-tour die Finalrunde über den Berliner Kurfürstendamm mitfuhr, den konnte man zum Teil auch bei den großen internationalen Rennen der Erwachsenen wiedersehen.

So zum Beispiel John Degenkolb, noch 2001 Sieger bei den unter 13-Jährigen. In diesem Jahr ging er zum wiederholten Mal für die Tour de France an den Start. Oder der Italiener Oscar Gatto, der die Giro d’Italia bestritt. Auch Bela Wawros Ambitionen sind hoch. „Ich würde schon gerne mal bei der Tour de France mitfahren“, sagt er.

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