Kirche

Mit göttlichem Beistand - immer mehr Katholiken in Berlin

Trotz Austritten wächste die Zahl der Katholiken in Berlin - durch Zuzug aus aller Welt. Engagierte Gemeinden sind das Ergebnis.

Katholiken in Berlin: Malgo Rozycka (21) mit WG-Mitbewohner Maximiliano Marques (19) in der Herz-Jesu Gemeinde in Prenzlauer Berg

Katholiken in Berlin: Malgo Rozycka (21) mit WG-Mitbewohner Maximiliano Marques (19) in der Herz-Jesu Gemeinde in Prenzlauer Berg

Foto: Amin Akhtar

Für Malgo Rozycka aus Polen ist es „göttliche Fügung“, dass sie vor einem Jahr in dem kleinen Wohnheim auf dem Hof der katholischen Herz-Jesu-Kirche in Prenzlauer Berg gelandet ist. Die 21-Jährige hatte sich zwar gefreut über ihren Studienplatz für Medizin in Berlin, doch gleichzeitig hatte sie auch etwas Angst vor der „gottlosen“ Stadt. Schließlich gebe es hier im Vergleich zu Polen nur wenige Katholiken, sagt sie.

Doch es werden immer mehr. Nach der jüngst veröffentlichten Statistik des Erzbistums Berlin ist die Zahl der Katholiken 2014 weiter gestiegen. Demnach gab es im vergangenen Jahr in Berlin 331.419 Katholiken. Drei Jahre zuvor waren es lediglich 322.222. Tatsächlich sind es sogar mehr Neuzugänge, denn in jedem Jahr gibt es auch viele Austritte. 2014 sind in Berlin 5822 Mitglieder ausgetreten.

Das Erzbistum führt den Anstieg vor allem auf die vielen Zuzüge zurück. „Zu uns kommen Menschen aus aller Welt, nicht nur aus den eher katholisch geprägten Regionen der Bundesrepublik“, sagt Prälat Tobias Przytarski.

Besonders bemerkbar mache sich der Zuzug aus Polen, aber auch die Flüchtlingssituation schlage sich in der Statistik nieder. Die Zahl der Firmungen ist demnach leicht gestiegen – von 1256 im Jahr 2013 auf 1452 im vergangenen Jahr. Am stärksten wachsen die Gemeinden in Mitte, Prenzlauer Berg und Pankow, also in jenen Stadtteilen, wohin besonders Neuberliner ziehen.

Durchschnittsalter von 35 Jahren

Die Herz-Jesu-Gemeinde an der Fehrbelliner Straße zählt gleich alle diese drei Stadtteile zu ihrem Einzugsgebiet. „Unsere Gemeinde hat sich seit dem Mauerfall verdreifacht“, sagt Pater Emmanuel Pannier. „Vor 20 Jahren hat es hier gerade 2300 Mitglieder gegeben, jetzt sind es bereits 9500.“

Das Durchschnittsalter liege bei 35 Jahren. Das sei im Vergleich zu anderen Gemeinden extrem jung. Vor allem Familien und Singles würden sich in den Gottesdiensten treffen. Viele kämen aus den alten Bundesländern, aber auch aus Italien, Frankreich und Polen. Eher selten sei es, dass Menschen zum katholischen Glauben konvertieren. Aber es gebe auch regelmäßig Erwachsenen-Taufen, sagt Pater Pannier.

Dass gerade diese Gemeinde so viele junge Mitglieder zählt, hat wohl auch etwas mit dem kleinen Studentenwohnheim auf dem Hof der Kirche zu tun. Es ist von der christlichen Gemeinschaft Chemin Neuf, die mit der Herz-Jesu-Kirche zusammenarbeitet und sich zum Ziel gesetzt hat, das Evangelium zu verbreiten. „Die jungen Menschen kommen in unsere Gottesdienste und bringen ihre Freunde mit“, sagt Pannier. Dadurch sei immer Bewegung in der Gemeinde.

WG mit Gleichgesinnten

Auch Malgo gehört zu diesen jungen Menschen. „Ich hatte riesiges Glück und bekam das letzte freie Zimmer, als ich mich vor einem Jahr beworben hatte“, sagt sie. Die Beziehung zu den Mitbewohnern sei sehr intensiv, gerade auch dadurch, dass sie viel über Glaubensfragen reden.

Malgo trifft sich in der WG-Küche mit Max Marquez, 19, aus Mexico. Er ist wie Malgo katholisch aufgewachsen. Jeden Sonntag ging es mit den Eltern in die Kirche, und Max war froh, wenn er den Gottesdienst auch mal ausfallen lassen konnte. Hier sei das ganz anders, sagt er. „Ich gehe zwei Mal pro Woche in den Gottesdienst, und treffe mich jede Woche mit anderen jungen Leuten zu einem Gesprächskreis“, sagt Max. Dadurch habe er viele Freunde kennen gelernt.

Aus echter Überzeugung dabei

Auch für Malgo hat das christliche Leben hier wenig mit dem zu tun, was sie in Polen erfahren hat. „Das Besondere ist, dass alle, die hier in Berlin in der katholischen Kirche sind, aus echter Überzeugung dabei sind, nicht nur, weil es ebenso üblich ist“, sagt sie. Dadurch seien die Gemeindemitglieder viel engagierter und die Beziehungen untereinander weniger oberflächlich, findet Malgo.

Die Medizin-Studentin betreut selbst eine Kindergruppe, die sich jeden Dienstagnachmittag in der Gemeinde trifft. „In Polen gehen doch viele nur in den Gottesdienst, weil die Oma sonst kein Taschengeld bezahlt. Hier ist die Gemeinde klein, aber viel lebendiger“, sagt sie.

Alpha-Kurse für Interessierte

Die Offenheit der Gemeinde zieht aber auch Berliner an, die vorher mit der Religion nie etwas zu tun hatten. Knut Günzel zum Beispiel. Der 45-Jährige hat sich in der Herz-Jesu-Kirche taufen lassen. „Ich bin in der DDR streng atheistisch aufgewachsen. Meine Einstellung zur Religion war eher negativ“, sagt Günzel.

Als er dann eine feste Beziehung und zwei Kinder hatte, habe er sich plötzlich ganz neue Sinnfragen gestellt. Mit einem Arbeitskollegen habe er häufig über solche Fragen diskutiert, bis der ihn eingeladen hat, in der Herz-Jesu-Gemeinde einen sogenannten Alpha-Kurs zu besuchen.

Der Kurs, der an zwölf Abenden im Jahr veranstaltet wird, ist offen für alle Menschen, die sich für den Glauben interessieren, selbst aber nicht konfessionell gebunden sind. „Zuerst hatte ich Hemmungen über so private Gedanken mit anderen Menschen zu sprechen“, sagt Günzel. Doch nach und nach habe er sich geöffnet und viele interessante Menschen kennengelernt. Ein halbes Jahr später hat er sich taufen lassen. „Viele Freunde aus meinem Umfeld haben mit Unverständnis reagiert“, sagt er. Berlin sei eben noch immer die Diaspora.

Inzwischen sind auch seine beiden Kinder getauft und in der ersten Augustwoche nahm er mit seiner Lebensgefährtin, die evangelisch getauft ist, an einer Kana-Einkehrwoche teil. Darin wollten sich die beiden Klarheit verschaffen, wie sie ihren christlichen Glauben als Paar leben wollen.

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