Kriminalität

Cyber-Staatsanwälte ermitteln gegen Datengangster

Seit dem 1. August kümmern sich vier Staatsanwälte um kriminelle Angriffe aus dem Netz. Sie sehen Lücken im Strafgesetzbuch.

Berlin - Mathias Steube spricht mit Cyberstaatsanwälten über das Thema Internetkriminalität

Berlin - Mathias Steube spricht mit Cyberstaatsanwälten über das Thema Internetkriminalität

Foto: Joerg Krauthoefer

Verbrechen lohnt sich nicht. In den weltweiten Datennetzen aber wohl schon. Auf 32 Milliarden Euro schätzten Experten den Schaden, den Internetkriminelle im vergangen Jahr in Deutschland verursacht haben. Für Ausspäh-Software, die Sicherheitslücken in Computersoftware und Netzwerken aufspürt, rufen internationale Cyber-Gangs Preise bis zu 200.000 US-Dollar auf. Und der Branchenverband Bitkom legte Zahlen vor, wonach jeder zweite Deutsche innerhalb von zwölf Monaten Opfer von Cyberkriminellen geworden ist.

Für die Berliner Justiz Grund genug, bei der Staatsanwaltschaft eine eigene Abteilung Cyberkriminalität einzurichten. Seit dem 1. August kümmern sich vier Staatsanwälte um die Angriffe aus den Tiefen des Netzes auf Daten und Passwörter von Privatpersonen, Firmen und Behörden.

Kampf gegen Banden

„Das Thema ist nicht neu“, sagt Hauptabteilungsleiter Oberstaatsanwalt Michael Stork, der für organisierte Kriminalität zuständig ist, „wir haben dazu natürlich auch in der Vergangenheit ermittelt“. Nun aber soll es noch systematischer gehen.

Vier Dinge soll die neue Abteilung leisten: Kampf gegen organisierte Banden im Netz, Ermittlungen gegen Täter, die nicht organisiert sind, die aber neue kriminelle Methoden entwickelt haben, die Unterstützung von anderen Kollegen in der Staatsanwaltschaft und schließlich die interne und externe Fortbildung von Kollegen. „Ich kann nur das sinnvoll verfolgen, was ich auch verstehe“, sagt Oberstaatsanwalt Thomas Linke, Leiter der neuen Abteilung. Deshalb, und weil sich die Technologien in immer kürzeren Zyklen ändern, sei Weiterbildung ein wichtiger Bestandteil.

Beratung der Gründerszene

Weiterer Schwerpunkt der Arbeit soll der Kontakt zur Start-up- und Gründerszene in Berlin sein. Staatsanwalt Marcus Hartmann, der Behördenbeauftragte für Computerkriminalität, weiß aus seiner bisherigen Arbeit, dass sich viele Firmen wie Online-Shops, aber auch Banken und Sicherheitsdienstleister davor scheuen, Anzeige zu erstatten, wenn ihre Daten und Computersysteme gehackt werden. „Sie nehmen den Schaden eher hin als den möglicherweise damit verbundenen Reputationsverlust“, sagt Hartmann.

Und weil das so ist, geht er in Sachen Cyberkriminalität von einer enorm hohen Dunkelziffer aus. Neue Trends sieht der Staatsanwalt im Bereich des Abmahnbetrugs. Zahlen will er zwar nicht nennen, wenn die Fälle aber weiterhin so rasant steigen wie bisher, dann könne sich das zu „einem Flächenbrand“ entwickeln.

Hausdurchsuchung ohne Erfolg

Ein weiteres Problem sind die sogenannten Clouds. Server, die irgendwo in der Karibik stehen, und auf denen auch Kriminelle ihre Daten auslagern. „Die Staatsanwaltschaft macht hier in Berlin eine Hausdurchsuchung“, sagt Hartmann, „sie entdeckt auch einen PC, mit dem möglicherweise Straftaten begangen wurden, aber es finden sich keine Spuren dazu auf dem Rechner.“ 80 Prozent aller Betrugsdelikte geschähen mittlerweile mittels EDV oder Datennetzen, so der Staatsanwalt. Doch an eine solche Cloud heranzukommen sei äußerst schwierig.

Auch der Handel mit Waffen und Rauschgift verlagere sich zunehmend ins Internet. Er findet im sogenannten Darknet statt, in dem man unerkannt agieren kann, weil dort die IP-Adresse des PC, gewissermaßen der Fingerabdruck des Rechners, nicht sichtbar ist.

Angriffe auf Firmenserver

Eine weitere aktuelle Entwicklung: Der Angriff auf Server von Firmen, die Onlinehandel betreiben. Dabei werden die Server von vielen zusammengeschalteten Rechnern, einem sogenannten Botnetz attackiert und außer Funktion gesetzt. „Die Firmen werden dann online zur Zahlung einer gewissen Geldsumme erpresst“, so Hartmann. Schadsoftware, die so etwas kann, werde inzwischen als Dienstleistung für Kriminelle angeboten. „Und die geben sogar eine Garantie, dass es funktioniert“, sagt Hartmann.

Mit derlei Software könnten auch andere Angriffe gefahren werden. Etwa auf die Höhenkontrolle in Tunneln. „Stellen Sie sich vor, das erfolgt gleichzeitig im Britzer Tunnel, im Tiergarten-Tunnel und im Tunnel Tegel, das Chaos in der Stadt wäre perfekt.“

Doch soweit soll es nicht kommen. Schließlich arbeite man eng mit dem Bundeskriminalamt und dem Berliner Landeskriminalamt und der dortigen Zentralen Ansprechstelle Cybercrime (ZAC) zusammen. Dort wie auch in der Staatsanwaltschaft sei Wissen gebündelt, sagt Oberstaatsanwalt Michael Stork, „Das wünschen wir uns aber auch auf Seiten der Richter, damit sich unsere Ermittlungsarbeit in adäquaten Urteilen niederschlägt.“

Stork, Linke und Hartmann werben auch für die Einführung der Vorratsdatenspeicherung. Eine IP-Adresse nicht zu haben, sei bei den Ermittlungen eine Misserfolgsgarantie. Es gehe dabei ja nicht um Inhalte, nicht darum, wer was in einem Telefonat gesagt habe. Es gehe nur darum, auf richterlichen Beschluss in Datenbeständen nach Strukturen und Hinweisen suchen zu dürfen.

Datenhehlerei bisher straffrei

Zudem müsse im Strafgesetzbuch der Straftatbestand der Datenhehlerei eingeführt werden. „Der Besitz von bestimmten Daten, etwa illegal erworbene Kreditkartendaten, muss strafbewehrt sein“, fordert Linke. Denn der Zwischenhandel damit sei nach deutschem Recht nicht strafbar.

Oberstaatsanwalt Stork wünscht sich zwei weitere Stellen für die Cyberstaatsanwälte. Die seien versprochen, aber noch nicht geschaffen. Zur Begründung verweist er noch einmal auf die technologische Entwicklung: „Die gute alte Floppy-Disk war schnell durchsucht, doch das Volumen von Datenspeichern wie Festplatten hat sich über Megabyte, Gigabyte bis hin zu Terabyte rasant vergrößert. Sie brauchen Stunden, um so was mit Erfolg zu durchsuchen.“

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