Interview

Für Gysi ist die SPD ein "Luschenverein"

Der Fraktionsvorsitzende der Linken, Gregor Gysi, über seinen Politik-Rückzug, Rot-Rot-Grün, Sahra Wagenknecht und Lampenfieber.

Gregor Gysi (Die Linke) im Jakob-Kaiser-Haus: Der Oppositionsvorsitzende erklärte im Juni 2015, dass er nicht erneut für den Fraktionsvorsitz der Linken kandidiert

Gregor Gysi (Die Linke) im Jakob-Kaiser-Haus: Der Oppositionsvorsitzende erklärte im Juni 2015, dass er nicht erneut für den Fraktionsvorsitz der Linken kandidiert

Foto: Amin Akhtar

Gregor Gysi, 67, kommt in einem weißen, langärmligen Hemd zum Interview in sein Büro im Bundestag. „Eine Mitarbeiterin hat gesagt, ich soll keine Kurzarmhemden mehr tragen“, sagt Gysi. „Langarmhemden und dann die Ärmel hochkrempeln, das sei deutlich mehr sexy.“ Und das ist heute nicht unwichtig: Gleich kommt noch das Männermagazin „GQ“ vorbei. Gysi ist gefragt.

Gerade erst hat er der „Bunten“ erzählt, dass seine zweite Ehe an ihm gescheitert sei. „Das ist ganz allein meine Schuld.“ Doch jetzt geht es um Politik. 25 Jahre war er – mit kurzen Unterbrechungen – das Gesicht der PDS und später der Linken. Jetzt hört der Berliner auf. Seine Nachfolger an der Fraktionsspitze werden am 15. Oktober Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch. Zeit für ein Gespräch.

Berliner Morgenpost: Wenn Sie zurückblicken auf Ihre Karriere: Begreifen Sie es als Ihr größtes Scheitern, dass Sie Rot-Rot-Grün auf Bundesebene nicht hinbekommen haben – obwohl es die rechnerische Mehrheit gibt?

Gregor Gysi: Nein. Erstens bin ich nicht der Typ, der sich überwiegend negativ sieht. Zweitens war Rot-Rot-Grün auch gar nicht so mein Ziel, wie mir das immer unterstellt wird. Ich bin da nur viel offener als andere. Mein Erfolg ist: Die Partei und ich werden respektiert. Ich gelte jetzt als normaler demokratischer Politiker. Davon konnte 1990 nicht mal im Ansatz die Rede sein.

Und doch war die Linke noch nie an einer Bundesregierung beteiligt.

Für Rot-Rot-Grün müsste es in Deutschland eine politische Wechselstimmung geben. Trotzdem wünsche ich mir da von meiner Partei eine viel offensivere Herangehensweise. Wir müssen die anderen unter Druck setzen und mit ihnen reden.

Warum bewegen Sie sich dann nicht, etwa in Fragen der Außenpolitik. Die SPD sagt, daran würde es scheitern.

Das können die ja sagen, aber das halte ich alles für Quatsch. In Wirklichkeit wiegt die soziale Frage ja viel schwerer. Wir wollen etwa die Gleichstellung von Ost- und West-Rente oder eine sanktionsfreie Mindestsicherung. Die SPD hat dagegen die Agenda 2010 erfunden.

Sind Sie froh, dass Sie nie die Last des Vizekanzlers oder eines Ministers tragen mussten?

Ich war Wirtschaftssenator und Bürgermeister in Berlin, wenn auch nur für sechs Monate. Ich weiß schon ein bisschen, was es bedeutet, ein Ministerium mit 1100 Mitarbeitern zu leiten. Aber ich war nie scharf darauf, Bundesminister zu werden. Das interessiert mich auch nicht übermäßig. Ich habe etwas erreicht und bin ein bisschen stolz drauf.

Was haben Sie nach Ihrem Rücktritt als Wirtschaftssenator vermisst?

Regieren hat mir Spaß gemacht. Und ich war mit Leidenschaft dabei. Von meinem Vater habe ich gelernt: Alles was man macht, muss man mit Leidenschaft machen – sonst geht man zugrunde. Seltsam war es zuerst, selbst mit dem Auto zu fahren und mir einen Parkplatz zu suchen. Seit 1989 war ich ja immer verwöhnt, weil ich fast immer gefahren wurde.

Wie war denn die Arbeit als Berliner Wirtschaftssenator?

Das Problem war, wie in Behörden der Alltag organisiert ist. Du freust Dich, wenn Du am Sonnabendabend alles erledigt hast, was Du erledigen musstest – dabei hast Du noch keine einzige Reform angestoßen. Das hat mich geärgert.

Sie sind 2002 nach einem halben Jahr als Berliner Wirtschaftssenator und als Stellvertreter des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit zurückgetreten. Die private Nutzung von beruflich erworbenen Lufthansa-Bonusmeilen nannten Sie damals einen Fehler, „den ich mir nicht verzeihen will“. Es wurde gesagt, Sie seien erleichtert, das Amt abzugeben.

Damals wurde Michael Müller, der jetzige Regierende Bürgermeister, im Radio interviewt. Da hat der Moderator gesagt, der Gysi sei zurückgetreten, weil er keine Lust gehabt und sich auch nie auf die Senatssitzungen vorbereitet habe. Michael Müller sagte dann: Das ist alles falsch. Herr Gysi war auf die Senatssitzungen immer mit am besten vorbereitet, auch auf die Vorlagen der anderen Senatoren, und es hat ihm Spaß gemacht. Da fragte der Moderator: Warum hat Gysi denn dann aufgehört? Und der kluge Müller sagte: Gysi hat einen Fehler begangen – und er hat wahrscheinlich keine Lust, jeden Abend dazu Stellung zu nehmen. Da saß ich im Auto, wo ich das Interview gehört hatte, und habe gedacht: Da könnte was dran sein.

Hat es Sie denn nie gejuckt zu beweisen, dass Sie über Jahre ordentlich ein Ministerium führen können? Viele sagen ja: Der Gysi kann reden, aber nicht regieren.

Da werde ich unterschätzt. Ich bin Rechtsanwalt, ich liebe Akten. Aber wenn überhaupt wäre für mich nur das Außen- oder das Entwicklungshilfeministerium in Frage gekommen. Das fände ich spannend.

Die SPD debattiert ja gerade darüber, ob sie überhaupt einen Kanzlerkandidaten aufstellt...

Ja das ist vielleicht ein Luschenverein. Wie die sich selbst aufgeben. Das ist doch nicht zu fassen. Die müssen eine Herausforderung aufstellen. Willy Brandt war eine Herausforderung für die Menschen. Er war ein uneheliches Kind – damals ein Skandal. Er trat mit seinem Decknamen an, den er in Norwegen bekommen hatte, als er gegen die Nazis kämpfte. Für viele damals unvorstellbar.

Sie wären eine Herausforderung.

Na gut, dann gehe ich jetzt mal bei Gabriel vorbei... Nein, die SPD muss jemanden bei sich finden, der es ernst meint in der Auseinandersetzung mit der Kanzlerin und ihrer Politik. Sie müssten einen holen, der nicht in der großen Koalition mitregiert. Der dann sagt: Ich möchte wieder eine eigenständige Politik. Der dafür auch mit den Grünen und den Linken redet. Aber die sind so lahm. Der Gabriel hat sich so daran gewöhnt, Vizekanzler zu sein. Der findet das schön. Er scheint gar nichts anderes zu wollen.

Sie sind jetzt auf der Höhe Ihrer Karriere, führen die Opposition an, sprechen im Bundestag nach der Kanzlerin. Warum hören Sie jetzt auf?

Der Entschluss hat auch was mit meiner Herkunft aus der DDR zu tun. Erich Honecker saß seit 1950 im Politbüro, der wäre auch 1990 noch mal für fünf Jahre zum SED-Generalsekretär ernannt worden. Ich will nicht als Tattergreis durch die Reihen schlurfen.

Aber Sie leben ja jetzt in der wiedervereinigten Bundesrepublik.

Da habe ich erlebt, dass die meisten Politiker erst aussteigen, wenn sie ihren Zenit überschritten haben. Wenn sie auf der Höhe sind, wollen sie das genießen. Ich habe für meine Verhältnisse den Zenit erreicht. Der Abstieg würde auch kommen, der ist unausweichlich. Deshalb ist das jetzt für mich der richtige Zeitpunkt.

Sie sind schon öfter gegangen und wiedergekommen.

Das ist ein Mythos. Ich war nur einmal richtig weg, nach meinem Rücktritt als Berliner Wirtschaftssenator. Und da bin ich nur zurückgekommen, weil Oskar Lafontaine mich gebeten hatte. Er brauchte 2005 meine Hilfe bei der Fusion von PDS und WASG zur Linkspartei. Sonst hätte ich das nicht gemacht. In meiner letzten Bundestagsrede als Fraktionsvorsitzender werde ich sagen: „Ich hab mich schon mal verabschiedet und bin wiedergekommen, diesmal müssen sie sich nicht so sehr sorgen.“ Dann klatscht wahrscheinlich sogar die CDU.

Im Oktober übernehmen Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch die Fraktionsspitze. Wie werden Sie sich fühlen, wenn Sie dann nicht mehr nach der Kanzlerin sprechen?

Gut und schlecht. Auf der einen Seite ist es eine Erleichterung. Die Arbeit ist anstrengend. Und in der ersten Minute bin ich immer unsicher, habe Lampenfieber. Erst dann werde ich selbstbewusster. Auf der anderen Seite werde ich wohl auch daran denken, wie ich was gesagt hätte. Aber wenn ich Verantwortung abgebe, gebe ich sie ab. Ich werde nicht versuchen, alles von hinten zu dirigieren. Viele Menschen sehnen sich nach dem, was in der Vergangenheit war. So bin ich nicht gestrickt.

Und wie soll Ihr Leben dann aussehen?

Ich muss eine neue Aufgabe finden. Ich werde meinen Anwaltsberuf etwas ausbauen, und dann meine Meetings im deutschen Theater, meine Publizistik. Ich werde mich intensiver um meinen Wahlkreis Treptow-Köpenick kümmern. Im Bundestag werde ich mich vielleicht auf Außenpolitik konzentrieren.

Und dann sitzen Sie ruhig im Bundestag und hören Sahra Wagenknecht zu, wie sie auf die Kanzlerin antwortet?

Sie hat einen anderen Stil. Dann überlege ich mir, ob das gut ankommt oder nicht. Und dann werde ich das im wesentlichen für mich behalten. Ich will nicht den Oberlehrer spielen, der Noten verteilt. Und sie hat ja eine mediale Wirkung, das kann niemand bestreiten.

Sind Sie der beste Redner im Bundestag?

Wehner, Brandt, Strauß – das waren Redner. Da hätte ich mühevoll versuchen müssen, in die erste Reihe hineinzugeraten. Aber inzwischen haben wir andere Generationen. Sie wissen doch, alles ist relativ.

Wagenknecht vertritt radikale Thesen. Wird Rot-Rot-Grün mit ihr an der Spitze nicht noch schwieriger?

Nein, das glaube ich nicht. Sahra Wagenknecht wird da auch falsch wahrgenommen. Menschen, die sich so stark ausdrücken, sind am Ende meist auch kompromissfähig.

Es hieß sogar immer, Sie wollten Sahra Wagenknecht an der Fraktionsspitze verhindern?

Ich habe sie vorgeschlagen. Ich habe sie nur nie an meine Seite genommen als Mitvorsitzende.

Warum nicht?

Wir hätten nicht gut zusammengepasst. An der Seite von Bartsch könnte das eher funktionieren. Er kann organisieren und versteht etwas vom Apparat, sie hält gerne Reden und geht in Talkshows. Das kann sogar eine sinnvolle Arbeitsteilung sein.

2012 gab es einen heftigen Streit zwischen Ihnen und Oskar Lafontaine, der mittlerweile mit Sahra Wagenknecht verheiratet ist. Im Februar haben Sie ihn im Saarland besucht. Wie ist Ihr Verhältnis heute?

Das Gespräch war ganz gut. Wir hatten erst ein gutes Verhältnis. Dann gab es eine Störung. Die hält natürlich in gewisser Weise noch an. Und jetzt haben andere mir gesagt: Ruf doch mal an. Vielleicht mach ich das jetzt. Ich will ja wieder, dass das gut läuft. Ich bin jünger, da kann ich ja mal zuerst anrufen.