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Berliner Luft

In Berlin ist noch Luft nach oben

Die Berliner Luft ist sauberer geworden. Doch der Trend zum gemütlichen Kamin macht der Stadt neue Probleme.

Martin Lutz von der Umweltverwaltung arbeitet am nächsten Luftreinhalteplan mit

Foto: Amin Akhtar

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Die Berliner Luft ist in den vergangenen Jahrzehnten besser geworden. Schwefeldioxide gingen um mehr als 90 Prozent zurück, die Feinstaubbelastung sank um 60 Prozent. Das hat auch etwas damit zu tun, wie unsere Wohnungen beheizt werden. Der massive Abbau von Ofenheizungen und der parallele Ausbau der Fernwärme sowie die Zunahme von Gasheizungen haben zu den Verbesserungen beigetragen. Neue Belastung löst aber ausgerechnet ein Gegenstand aus, der einerseits als Sinnbild für Behaglichkeit gilt, andererseits als Symbol des gentrifizierten Berlins: der Kamin oder Kaminofen. Doch dazu später mehr.

Wie es um unsere Luft bestellt ist, wie die Zukunftsprognosen aussehen und welche Maßnahmen in den kommenden Jahren ergriffen werden müssen, sagt der Berliner Luftreinhalteplan 2011–2017 der Senatsumweltverwaltung aus, ein gewichtiger Wälzer von 227 Seiten im Din-A4-Format. Dort steht unter anderem, dass im Jahr 2009 die Heizung der privaten Haushalte für 14 Prozent aller Stickoxide (NOx) sorgte und für drei Prozent des Feinstaubs (PM10). Weitere zwölf Prozent der PM10-Emissionen kamen aus Holzverbrennungen in Haushalten. Neuere Daten gibt es nicht, eine Untersuchung dazu läuft aber. Wenn auch in beiden Fällen der Verkehr Hauptgrund der Schadstoffbelastung ist, lohnt es sich doch, einen Blick auf die unterschiedlichen Energieträger für Heizungen in Wohnhäusern zu werfen.

Die Grafik am unteren Ende dieser Seite zeigt, in welchem Verhältnis die Emissionen für verschiedene Brennstoffe in kleinen Heizungsanlagen zueinanderstehen. Die Fernwärme gehört nicht dazu. Erstens, weil sie keine kleine Anlage ist und zweitens entstehen bei dieser Heizungsart Emissionen lediglich am Kraftwerk. Die Ölheizung gilt in dieser Darstellung als Richtwert, ihr Schadstoffausstoß wurde als 100 Prozent gesetzt. Auffällig ist, dass etwa bei Feinstaub eine Gasheizung im Vergleich dazu nur etwa ein Sechzigstel der Partikel abgibt, Holzpellets hingegen die etwa 50-fache Menge.


>>> Hier die Grafik groß klicken <<<

Geringere Feinstaubbelastung

Noch schlechter steht der Holzkaminofen da. Bei den Stickoxiden sind die Ausschläge nicht so gewaltig, dennoch reichen die Unterschiede von etwa 37 Prozent bei Gas bis zu rund 190 Prozent bei den Kaminöfen. Gewaltig sind die Differenzen wiederum bei Benzo(a)pyren (BaP). Dieser Kohlenwasserstoff gilt seit Langem als krebserregend. Das Risiko etwa, dass Zigarettenrauch Lungenkrebs hervorruft, wird zu einem großen Teil auf Benzo(a)pyren zurückgeführt. Es entsteht aber ebenso beim gemütlichen Kaminfeuer. Übrigens: am Holzkohlegrill auch. Letztlich gilt: Ist der Anschluss ans Fernwärmenetz nicht möglich, ist eine Gasheizung aus Sicht der Luftreinhaltung die sauberste Lösung.

Blickt man ein Vierteljahrhundert zurück, sieht man, wie stark die durch Heizungen in Wohnhäusern verursachte Feinstaubbelastung zurückgegangen ist. Betrug sie 1989 in Berlin noch 2693 Tonnen pro Jahr, waren es zwanzig Jahre später nur noch 95 Tonnen. Der stärkste Rückgang erfolgte allerdings in den 90er-Jahren, als massenweise Kohleöfen durch emissionsärmere Heizungen ersetzt wurden, vor allem im Ostteil der Stadt. In den Westbezirken hatte dieser Prozess bereits in den 80er-Jahren eingesetzt – nicht nur der Umwelt zuliebe, sondern vor allem, weil die Menschen mehr Wohnkomfort wollten und sich den Zuwachs an Bequemlichkeit auch leisten konnten.

>>> Wo die Feinstaubbelastung in Berlin am höchsten ist <<<

1990 zählte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung rund 1,67 Millionen Wohnungen in der Stadt. Davon hatten rund 23 Prozent noch eine Ofenheizung, insgesamt 370.000 Wohnungen. 2010 war die Zahl der Wohnungen auf 1,88 Millionen angewachsen. Allerdings registrierte die Verwaltung nur noch rund 20.000 Wohnungen, die mit Holz und Kohle beheizt wurden – nur etwas mehr als ein Prozent.

Die Schornsteinfeger-Innung zählt anders. Nach ihren Angaben gab es 2012 knapp 89.000 "Kleinfeuerungsanlagen für Festbrennstoffe", umgangssprachlich könnte man von Öfen für Holz oder Kohle sprechen. Davon stand, grob gerechnet, ein Drittel innerhalb der Umweltzone. Experten aus dem Brennstoffhandel gehen stadtweit von 30.000 Wohnungen aus, die noch mit Kohle beheizt werden. Doch egal, welche Daten man heranzieht, das Fazit bleibt gleich: Die Zahl der Öfen ist relativ gering, die Emissionen sind es nicht.

Schluss mit Schwefeloxid

Das gilt vor allem für die Kaminöfen. Seit 2009 wird die Schadstoffbelastung durch "Holzverbrennung als Zusatzheizung in privaten Haushalten" gesondert ausgewiesen. Diese Zusatzheizungen sorgen für 360 Tonnen Feinstaub pro Jahr, also für mehr als die dreieinhalbfache Menge, die sonst bei privaten Heizungen insgesamt anfällt. Zudem haben Untersuchungen im Zusammenhang mit Messungen der Luftgüte ergeben, dass im Winterhalbjahr zehn bis 16 Prozent der mittleren Feinstaubbelastung auf Holzverbrennung zurückzuführen war. Der Spitzenwert für einzelne Tage lag bei mehr als 48 Prozent. Dabei wird der Kamin oder Kaminofen in der Regel nicht mal jeden Tag angeworfen.

Weitere Schlussfolgerung: Betrachtet man allein die Heizungen, ist in Stadtteilen mit vielen Wohnungen und hohem Fernwärmeanteil, also etwa in Marzahn, die Luft weniger belastet als zum Beispiel in Prenzlauer Berg, wo in der edelsanierten Altbau-Eigentumswohnung der Kaminofen einfach nicht fehlen darf. Es gibt zwar Grenzwerte für neue Öfen nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz. Für den Bestand wurden, je nach Baujahr, Übergangsfristen festgelegt. Diese enden spätestens am 1. Januar 2025. Bis dahin müssen Öfen, deren Ausstoß die Grenzwerte überschreitet, je nach Alter nachgerüstet oder stillgelegt werden. Ausgenommen davon sind aber Zusatzheizungen für einzelne Räume, also eben genau die Kamine und Kaminöfen, die die Feinstaubbelastung in die Höhe treiben. Nun wollen Berlin und Brandenburg gemeinsam eine Studie auflegen, wie hoch die Emissionen von Holzheizungen sind und wie sie sich auswirken. Das ergibt Sinn, Luft hält sich nicht an Landesgrenzen.

Immerhin hat sich eine Großstadtplage früherer Jahrzehnte heute so gut wie erledigt: die Belastung der Luft durch Schwefeldioxid aus Wohnungsheizungen. Schon Mitte der 80er-Jahre wurde in West-Berlin die schwefelreiche Braunkohle verboten, in Ost-Berlin geschah das erst nach dem Fall der Mauer. Dafür lief dort der Vormarsch der Fernwärme schneller: Ein Netz kleinerer Bezirkskraftwerke nebst Leitungen war vorhanden, die Wohnungen konnten nach der Stilllegung der Heizhäuser an Kraftwerke angeschlossen werden.

Der Senat hat den Austausch von Ofenheizungen massiv befördert. Erstens durch den Ausbau des Fernwärmenetzes und den Anschlusszwang, zweitens durch die Sanierungsgebiete und drittens durch finanzielle Förderung der Umwandlung von Heizungen. Heute spielt der Weg zum emissionsärmeren Heizen immer noch eine Rolle, nämlich bei der energetischen Gebäudesanierung. Der Ausbau der Fernwärme geht in Berlin weiter voran: Das Leitungsnetz von Vattenfall wächst pro Jahr um 20 bis 25 Kilometer. Bislang versorgt das Unternehmen rund 1,2 Millionen Wohneinheiten in Berlin mit Fernwärme, unter dem Begriff "Wohneinheit" ist eine 70 Quadratmeter große Durchschnittswohnung zu verstehen. Die real existierende Zahl der Wohnungen dürfte etwas geringer sein, trotzdem ist sie beachtlich. In seiner Klimaschutzvereinbarung mit dem Land Berlin hat sich Vattenfall zudem auf ein Ausbauziel von jährlich rund 20.000 Wohneinheiten festgelegt.

Doch Martin Lutz, Fachgebietsleiter Luftreinhalteplanung in der Senatsumweltverwaltung, guckt nicht nur auf die Feinstaubbelastung. Ihn plagen auch die Stickoxide, bei denen Berlin häufig über dem Grenzwert liegt. Dabei spielt aber der Kfz-Verkehr eine entscheidende, die Heizung privater Haushalte nur eine untergeordnete Rolle. Da Stickoxide bei jeder Verbrennung entstehen, egal ob durch Gas, Öl oder Kohle, haben sich die Werte auch nicht wesentlich verändert. 1989 fielen 2704 Tonnen pro Jahr durch die privaten Heizungsanlagen an, 2009 waren es 2807 Tonnen. Dazwischen ging es leicht hoch und wieder runter.

Der nächste Reinhalteplan

Theoretisch wäre die Menge an Stickoxiden zu minimieren, wenn die Bedingungen für die Umweltzone verschärft würden, insbesondere für Dieselfahrzeuge. Doch dann müsste geklärt werden, wer die Plakette bekommt, wie eine Nachrüstung geregelt wird und wie man mit Lkw umgeht. "Das kann nur bundesweit festgelegt werden", sagt Lutz. Das bedeutet aber nicht, dass er sich zurücklehnen kann. Am nächsten Berliner Luftreinhalteplan wird längst gearbeitet. Denn erstens werden Grenzwerte auch gern mal von Bund oder EU verschärft und zweitens ist bei der Luftgüte in einer Großstadt wie Berlin immer Luft nach oben.

>>> Alle Teile der Serie "Berliner Luft" lesen Sie hier <<<