A100

Die Berliner Stadtautobahn wird zum Sanierungsfall

Die A100 ist seit Wochen eine Großbaustelle. Doch für Autofahrer kommt es noch schlimmer: Die größten Arbeiten kommen erst noch.

Um bis Mitte August fertig zu sein, asphaltieren die Firmen die Autobahn im Südwesten auch nachts. Den Autos steht auf der A100 Richtung Norden nur eine Spur zu Verfügung

Um bis Mitte August fertig zu sein, asphaltieren die Firmen die Autobahn im Südwesten auch nachts. Den Autos steht auf der A100 Richtung Norden nur eine Spur zu Verfügung

Foto: Rainer Jensen / dpa

Seit fast drei Wochen ist die Stadtautobahn eine Großbaustelle. Tag und Nacht arbeiten die Bauleute, um die ramponierte Fahrbahn der A100 zwischen der Anschlussstelle Schmargendorf und dem Tunnel Rathenauplatz zu erneuern.

Noch bis 16. August gelten wegen der Arbeiten umfangreiche Verkehrseinschränkungen. In Richtung Wedding steht derzeit nur einer von sonst drei Fahrstreifen zu Verfügung. Jeden Morgen stauen sich die Autos vor dem Engpass viele Kilometer lang.

185.000 Fahrzeuge am Tag

Das aktuelle Verkehrschaos im Berliner Südwesten gibt den Autofahrern indes nur einen kleinen Vorgeschmack auf künftige Baustellenstaus. Denn es ist nicht zu übersehen: Die vor allem in den 60er- und 70er-Jahren gebaute Stadtautobahn ist an vielen Stellen dringend sanierungsbedürftig.

Grund dafür ist einerseits die stark gestiegene Zahl der Fahrzeuge, die täglich über die Fahrbahnen rollen. So ist der aktuell sanierte Stadtring-Abschnitt mit bis zu 185.000 Fahrzeugen am Tag eine der am stärksten befahrenen Autobahnen in Deutschland. Bei seiner Eröffnung waren es gerade 30.000 Autos am Tag, also ein Sechstel der heutigen Belastung.

Noch stärker allerdings setzen die immer größeren und immer schwereren Lastkraftwagen der Infrastruktur zu. Vor allem die Brücken halten der Belastung kaum noch stand. Viele Bauwerke sind inzwischen so marode, dass sie nur noch durch Neubauten ersetzt werden können. Aufgrund des Umfangs der notwendigen Arbeiten drohen auf Berlins wichtigsten Straßenverbindungen jahrelange Sperrungen.

Gefahr für das Autobahndreieck Funkturm

Besonders groß ist diese Gefahr für das Autobahndreieck Funkturm. Der 1963 eröffnete Knoten verbindet die A100 mit der Avus (A115). Aufgrund des schlechten baulichen Zustands der Fahrbahnen und der Brückenbauwerke sowie der stauanfälligen Verkehrsführung steht schon seit Längerem fest, dass das Autobahndreieck umgebaut werden muss. Ursprünglich waren dafür gut 50 Millionen Euro veranschlagt. Baubeginn sollte in diesem Jahr sein.

Experten gehen jedoch davon aus, dass viele der mehr als 50 Jahre alten Bauwerke so marode sind, dass sie abgerissen und durch teure Neubauten ersetzt werden müssen. Eine vom Senat in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie kommt jetzt zu dem Ergebnis, dass nur ein „Neubau im Bestand“ mit „freier Trassierung“ sinnvoll ist, wie Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler jetzt auf eine Anfrage der Berliner Grünen mitteilte.

Für die Vorzugsvariante haben die Experten Gesamtkosten von circa 264 Millionen Euro ermittelt, gut das Fünffache der einst beim Bund angemeldeten Investitionsmittel. Zur Kostenexplosion trägt eine Hochstraße bei, die nach Empfehlungen der Experten über die Avus-Nordkurve gebaut werden soll.

Planung dauert mindestens sieben Jahre

Wann es mit dem Umbau des Dreiecks Funkturm losgeht, ist derzeit noch ungewiss. Aufgrund des Umfangs der Veränderungen ist laut Gaebler ein Planfeststellungsverfahren notwendig. Zeitraum: mindestens sieben Jahre.

Unklar ist derzeit, wie der Senat mit der Ringbahn- und der Westendbrücke – zwei weiteren akuten Schwachstellen auf der Stadtautobahn – umgehen will. Die beiden Großbrücken, die zwischen 1950 bis 1980 errichtet wurden, gelten gleichfalls als dringend erneuerungsbedürftig.

Wegen ihres schlechten Bauzustands ist vor allem die Tragfähigkeit stark eingeschränkt. Für die erforderlichen Ersatzneubauten gibt es bisher jedoch weder eine Planung, noch das erforderliche Geld. Die Senatsverkehrsverwaltung behilft sich derweil mit immer neuen Einschränkungen: So sind die Brücken für Gefahren- und Schwerlasttransporte generell gesperrt, Fahrzeuge mit mehr als 3,5 Tonnen Gesamtgewicht dürfen nicht auf der mittleren und linken Spur fahren. Lkw, aber auch Busse und Pkw mit Anhänger müssen zudem einen Sicherheitsabstand von 70 Metern einhalten. Generell gilt für alle Fahrzeuge ein Tempolimit von 60 Stundenkilometern.

83 Brücken sind sanierungsbedürftig

Der Senat listet aktuell 83 Brücken auf, die sanierungsbedürftig sind. Allein sechs Bauwerke sind dabei mit Noten zwischen 3,5 und 4,0 bewertet – was für Ingenieure eine glatte Sechs bedeutet. Dazu gehören mehrere Fußgängerbrücken wie die Tegeler Hafenbrücke oder die Teufelsbrücke im Park Glienicke, aber auch die Lindenhofbrücke in Pankow, über die der Verkehr auf der Bundesstraße 109 rollt. Eine Behelfsbrücke ist zumindest im Bau.

Die Liste wird dabei von Jahr zu Jahr länger: 2014 standen noch 75 Brücken darauf. Für Harald Moritz, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen, ein Beleg dafür, dass die Straßeninfrastruktur immer maroder wird. „Inzwischen stellt sich die A100 von der Rudolf-Wissell-Brücke bis zum Dreieck Funkturm als ein zusammenhängender Sanierungsfall dar. Dieser Zustand wird nach jetziger Schätzung mehr als zehn Jahre so anhalten“, sagte er der Berliner Morgenpost.

Den Senat forderte er auf, seine Ressourcen auf den Erhalt der Infrastruktur zu konzentrieren und seine Kraft weniger in Projekte wie die A100-Verlängerung bis zur Storkower Straße zu stecken. „Sonst stehen bald alle Räder still“, warnt Moritz.