Gesundheit

In Berlin leiden immer mehr Jugendliche an Essstörungen

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Helga Labenski

Die Zahl der behandelten Teenager in Berlin ist um 50 Prozent angestiegen. In Brandenburg hat sich die Zahl der Fälle sogar verdoppelt.

Berlin.  Die Zahl der an Essstörungen erkrankten Jugendlichen in der Region Berlin-Brandenburg ist dramatisch gestiegen. Allein in Berlin waren nach einer am Montag veröffentlichten Analyse der Krankenversicherung Barmer GEK im zurückliegenden Jahr 50 Prozent mehr Teenager zwischen 13 und 18 Jahren wegen Magersucht, Ess-Brech-Sucht (Bulimie) oder Esssucht in Behandlung als fünf Jahre zuvor. Im Land Brandenburg hat sich die Zahl der wegen solcher Essstörungen behandelten Jugendlichen in fünf Jahren sogar mehr als verdoppelt.

Waren nach Angaben der Kasse 2009 noch 149 Berliner Jugendliche wegen krankhafter Essstörungen in ambulanter Behandlung, so waren es 2014 bereits 220. In Brandenburg stieg während dieser Zeit die Zahl der jungen Menschen, die sich wegen gesundheitsgefährdenden Essverhaltens ärztlich behandeln ließen, von 94 auf 220. Das entspricht einem Anstieg um 134 Prozent.

„Diese Zunahme bei den Essstörungen ist besorgniserregend und nicht durch statistische Effekte erklärbar“, sagte Gabriela Leyh, Landesgeschäftsführerin der Barmer GEK Berlin-Brandenburg. Ihr Appell: „Die Eltern sollten auf Warnsignale ihrer Kinder früh reagieren und sich rasch ärztlichen Rat holen.“ Sie sieht in einer Überforderung der Kinder und Jugendlichen in Schule und Berufsausbildung, aber auch in falschen Rollenvorbildern mögliche Erklärungen für den großen Anstieg der Fallzahlen.

Probleme in Schule oder Familie

Martina Hartmann vom Berliner Beratungszentrum Dick & Dünn bestätigte gegenüber der Berliner Morgenpost diese Einschätzung. Die Diplom-Sozialarbeiterin und Suchttherapeutin berät seit 16 Jahren Menschen, die unter Magersucht, Bulimie, Sportsucht oder Heißhungeranfällen leiden. Der Auslöser für ein krankhaft verändertes Essverhalten bei Kindern und Jugendlichen seien häufig Probleme in der Familie oder in der Schule und der Schlankheitswahn in der Gesellschaft.

In Frankreich dürfen magersüchtige Models per Gesetz inzwischen nicht mehr auf den Laufsteg. Eine Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) war im Mai zu dem Schluss gekommen, dass die Fernsehsendung „Germany’s next Topmodel“ Magersucht im jungen Publikum fördere.

Noch immer seien 90 Prozent der von Essstörungen Betroffenen auch in ihrer Sprechstunde weiblich, sagte Therapeutin Hartmann. Zwar war laut Barmer die Zahl der essgestörten Kinder unter zwölf Jahren zuletzt rückläufig (2009: 324 Fälle, 2014: 307). Es kämen dennoch häufiger Eltern mit erst neun- oder zehnjährigen Töchtern, die an Magersucht oder Bulimie leiden, in das Beratungszentrum. Der Druck auf die Mädchen, dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen, wachse weiter – auch über die sozialen Netzwerke, ist Martina Hartmanns Erfahrung. „Inzwischen gibt es ein regelrechtes Gewichtsmobbing. Manche Kinder wollen nicht mehr mit Dicken zusammen sein“, sagte die Sozialpädagogin. Sie hält mehr Prävention für erforderlich. Der Aufklärungsunterricht müsse ausgeweitet werden.

Auch Jungen in der Pubertät betroffen

Die Zunahme von Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen bestätigte am Montag auch die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales. „Die Arbeitsgruppe Kinder und Jugendliche im Landespsychiatriebeirat hat dabei festgestellt, dass neuerdings auch die Zahl von Jungen in der Pubertät zunimmt, die von Essstörungen betroffen sind“, sagte Sprecherin Regina Kneiding. Berlin verfüge aber bereits über ein gutes Netz an Beratungsstellen sowie Einrichtungen zur stationären und ambulanten Behandlung.

Essstörungen sind allerdings nicht allein ein Problem von Kindern und Jugendlichen. Nach der Statistik der Krankenkasse holen sich in Berlin auch mehr Erwachsene mit gesundheitsgefährdenden Essgewohnheiten medizinische Hilfe. Insgesamt ließen sich im zurückliegenden Jahr 3024 Berliner wegen Essstörungen ärztlich behandeln, 2009 waren es noch 2558 Versicherte. Das entspricht einem Anstieg um 18 Prozent.

In Brandenburg gab es im selben Zeitraum sogar einen Anstieg der Behandlungszahlen um 22 Prozent – von 1277 Frauen und Männern im Jahr 2009 auf 1559 im Jahr 2014. Bundesweit ist nach der Analyse der Barmer GEK die Zahl der ärztlich diagnostizierten Essstörungen im untersuchten Zeitraum um 14,4 Prozent gestiegen.