Virtueller Zug

In Hennigsdorf rollen schon jetzt die U-Bahnen der Zukunft

Bombardier in Hennigsdorf hat ein 3D-Labor aufgebaut, in denen Trams und U-Bahnen entworfen - und virtuell getestet werden.

Foto: Pascal Rohe / Bombardier

Hennigsdorf.  Die Stockholmer, so hört man, freuen sich schon auf ihre neue U-Bahn. Ab Ende 2016 sollen die Züge auf der roten Linie der „Tunnelbana“ fahren. Und obwohl noch kein einziger Wagen der C30-Serie gebaut ist, konnten die Chefs von Stockholm-Transport die neuen Bahnen schon mal in Augenschein nehmen. Möglich macht dies das „Virtual Reality Lab“ des Schienenfahrzeug-Herstellers Bombardier, der in Hennigsdorf (Oberhavel) die nächste U-Bahn-Generation für Stockholm entwickelt hat und auch bauen wird. Erstmals haben die Bombardier-Manager ihr eigentlich streng geheimes Zukunftslabor für einen kleinen Kreis von Journalisten geöffnet, die Berliner Morgenpost war mit dabei.

„Virtual Reality Lab“ – hinter diesem futuristisch klingenden Namen verbirgt sich zunächst ein unscheinbarer Raum in einem der vielen Gebäude auf dem 65 Hektar großen Werksgelände an der Spandauer Allee. Doch der zu Jahresbeginn eingerichtete Raum ist vollgestopft mit modernster Technik. Kaum geht das Licht aus, zeigt er seine wahre Größe: Vier Beamer erzeugen auf einer drei mal fünf Meter großen Projektionsfläche das Bild eines kompletten U-Bahnzuges, dreidimensional und in Originalgröße.

Kollision mit der Haltestange

Um ihn richtig ansehen zu können, müssen die Betrachter erst einmal besondere Brillen aufsetzen, wie sie der erfahrene Cineast aus den 3D-Kinos kennt. Jetzt erst kann das „Virtual Lab“ all seine Stärken zeigen: Denn die Türen der Wagen lassen sich öffnen, man kann hineingehen, kollidiert dabei prompt mit einer dahinter stehenden Haltestange. Doch weil die Darstellung virtuell, also nur eine Computersimulation ist, bleiben dabei die blauen Flecken aus. Die Sitze im ersten Wagen sind bereits so angeordnet, wie sie einmal montiert werden. Unter der Decke hängen Bildschirme mit den Informationen zur Fahrt und zu den Umsteigemöglichkeiten. Selbst einen Blick aus dem Fenster kann der Besucher werfen und sieht einen imaginären U-Bahnhof.

Sieht klasse aus, aber 3D-Technik ist in der Industrie doch längst nichts Besonderes? Richtig, sagt Thomas Siegemund, bei Bombardier Chefingenieur für neue U-Bahnzüge. Die einzelnen Konstrukteure würden schon lange am Bildschirm ihre Bauteile gestalten und berechnen. Auch die Designer arbeiten ihre Ideen längst nicht mehr nur am Modell, sondern auch am Computer aus. „Doch für das Gesamtbild eines kompletten Zuges reichen normale Rechnerkapazitäten nicht aus“, sagt Siegemund. Das Besondere sei die Zusammenschau aller Einzelheiten. Wobei es nicht allein um Design, also das innere und äußere Aussehen des Fahrzeugs, sondern auch um seine technische Konstruktion und seine Ausstattung in allen seinen Details geht. Eine solche Darstellung schafft derzeit nur das „Virtual Reality Lab“. „Wir können den Wagen auch drehen und komplett auf den Kopf stellen, versuchen sie das mal mit einem echten Zug“, sagte Labor-Teamleiterin Susanne Hellwig.

Millionen-Investition

Rund eine Million Euro hat sich Bombardier das Labor in Hennigsdorf kosten lassen. Selbst für einen Weltkonzern sind das nicht unbedingt Peanuts. Das Geld sei gut angelegt, betont indes Helmut Dietz, bei Bombardier zuständig für das „Virtual Manufacturing“. Gehe es doch um einen grundsätzlichen Wandel in der Arbeitswelt. Der Hintergrund: Anders als etwa der hochtechnisierte Automobilbau, hat der Bau von Zügen wegen der kleinen Stück-zahlen noch immer etwas Manufakturhaftes. Fließbänder bei VW oder Opel sind in den Werkhallen ebenso wenig zu sehen, wie Industrieroboter, die die Karossen in Sekundenschnelle zusammenschweißen. Stattdessen gibt es auch in Hennigsdorf Arbeitsstände wie in einer Werkstatt, wo die Elektro-Triebwagen wie der „Talent 2“ oder Straßenbahnen wie die „Flexity Berlin“ noch immer mit viel Handarbeit montiert werden. Während etwa bei VW jeden Tag Hunderte Autos vom Band rollen, verlassen in Hennigsdorf selbst in Spitzenzeiten weniger als zehn Züge pro Woche die Werkhallen.

Änderungen schneller möglich

Die Vorteile des „3D-Labors“ liegen für den Manager auf der Hand: Die Kunden bekommen frühzeitig ein Bild von dem Produkt, das sie später geliefert haben. Änderungswünsche etwa zum Design oder in der Ausstattung lassen sich schnell umsetzen. Vorteile haben aber nicht nur die Käufer. Auch die Ingenieure können rasch prüfen, ob die einzelnen technischen Komponenten zueinander passen und ob sie – beispielsweise später bei der Wartung – auch gut erreichbar sind. Und lange vor Fertigungsbeginn können Mitarbeiter mit der Produktionsvorbereitung und Montageplanung beginnen. All das spart Zeit und Geld bei der Entwicklung neuer Züge und Straßenbahnen.

Und neue Aufträge können die Bombardier-Mitarbeiter in Hennigsdorf gut brauchen. Derzeit ist unklar, ob alle 2800 Arbeitsplätze an dem 1910 vom damaligen AEG-Chef Emil Rathenau gegründeten Standort auch in den nächsten Jahren erhalten bleiben.

Die Hoffnung ruht auf Berlin

Erst vor Kurzem ist deutsch-kanadische Schienenfahrzeughersteller aus dem Rennen um den Großauftrag für die nächste S-Bahn-Generation in Berlin ausgestiegen. Die Deutsche Bahn, so beklagte Bombardier-Chef Lutz Bertling, habe kurzfristig ihre Ausschreibungsbedingungen geändert und wolle keine Anzahlung mehr machen. Bei dem Auftrag geht es um knapp 400 neue S-Bahn-Triebwagen, die ab 2019 auf der Ringbahn fahren sollen. Das Investitionsvolumen liegt bei immerhin rund 800 Millionen Euro, die der Hersteller vorfinanzieren muss.

Werkleiter Ulrich Büttner hofft nun, bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) zum Zug zu kommen. Zwar hat Bombardier 2012 den Auftrag für die aktuelle I-Reihe an Konkurrent Stadler in Pankow verloren, doch Ende des Jahres wollen die Verkehrsbetriebe eine weitere Ausschreibung für dringend benötigte neue U-Bahnzüge veröffentlichen. „Die U-Bahn wird dann von der ersten Idee an in unserem Virtual Reality Lab entwickelt“, ist sich Projektleiter Siegemund sicher.