Berliner auf dem Rad

Wichtigtuer und Sonntagsfahrer – eine Radfahrer-Typologie

Berlins Radfahrer sind eine ganz eigene Spezies, doch in einigen Bezirken haben sich besondere Unterarten herausgebildet.

15 Prozent der Verkehrsteilnehmer in Berlin sind mit dem Rad unterwegs. Doch wer sitzt da eigentlich im Sattel? Eine Typologie der Fahrradfahrer nach Bezirken

15 Prozent der Verkehrsteilnehmer in Berlin sind mit dem Rad unterwegs. Doch wer sitzt da eigentlich im Sattel? Eine Typologie der Fahrradfahrer nach Bezirken

Foto: Reto Klar

Münster, Freiburg, Karlsruhe – die Städte fallen einem als erstes ein, wenn es um Fahrradfreundlichkeit geht. Allerdings kann diese Freundlichkeit auch umschlagen. In Münster können Fahrräder, die beispielsweise zu lange vor dem Hauptbahnhof parken, auch einfach mal von der Polizei abgeschleppt werden. Der verhinderte Radbesitzer muss sie dann von einem riesigen Parkplatz abholen und Strafe zahlen.

Berlin schafft es auf den Listen der beliebtesten Fahrradstädte noch nicht einmal unter die Top Ten. Momentan reicht es laut Allgemeinem Deutschem Fahrrad Club (ADFC) sogar nur für Platz 30. Zwar werden hier Fahrräder grundsätzlich einfach überall geparkt, ohne dass die Polizei eingreifen würde, aber dafür gelten Radfahrer den meisten Autofahrern in der Hauptstadt auch als Freiwild.

Aktuell sind 15 Prozent der Verkehrsteilnehmer in Berlin Fahrradfahrer. Der ADFC lässt bereits wissen, dass die Masse zu viel für die Stadt sei. Und bald kommen ja noch mehr Berliner hinzu. Wie soll das werden?

Jeder Berliner fährt anders Rad

Es gibt zu wenig Personal in der Stadt für ein vernünftiges Fahrradkonzept. Geld, das eigentlich für den Umbau von Fahrradwegen gedacht ist, wird nicht genutzt. Immer mehr Radler fallen Lastwagen zum Opfer, weil die eben nicht für den Mischverkehr in einer Großstadt gedacht sind. Wer Rad fährt, sollte die großen Verkehrsachsen am besten meiden. Ein abbiegender Lastwagen ist lebensgefährlich und oft auch tödlich. Davor schützen auch die Fahrradhelme nicht, die immer mehr und glücklicherweise auch immer schöner werden.

Die häufigste Unfallursache für Radfahrer ist, wenn sie sich wegen eines Hindernisses kurz in den Verkehr einfädeln müssen. Es sieht zwar harmlos aus, wenn ein Auto mal kurz auf dem Fahrradweg parkt, aber nur für den Autofahrer selbst. Für den Radfahrer kann es sehr gefährlich werden.

Andererseits ärgern die Radfahrer auch die übrigen Verkehrsteilnehmer. Nicht nur durch rücksichtsloses Fahren, ohne die Regeln zu beachten, auch durch das beliebte Rudelparken an den belebtesten Ecken der Stadt, das teilweise solche Auswüchse annimmt, dass nicht nur andere Radfahrer, sondern auch Fußgänger behindert werden.

Aber jeder Berliner fährt anders Rad. Schließlich sind die Bezirke ja auch grundverschieden. Zum besseren Verständnis zwischen Radfahrern und dem Rest der Stadt hat die Berliner Morgenpost eine kleine Typologie je nach häufigstem Vorkommen in den unterschiedlichen Bezirken zusammengestellt.

1. Tiergarten-Touris

Ihre Brutstätte haben die Tiergarten-Touris im „Schleusenkrug“. Dort treffen sie sich in großen Schwärmen zu festen Uhrzeiten, um sich zu vermehren. Die Tiergarten-Touris kommen aus der ganzen Welt, vor allem aber aus Gegenden, in denen man weder Fahrradfahren kann, noch davon gehört hat, dass so etwas wie Verkehrsregeln auch für Fahrräder gelten. Wenn man sie darauf aufmerksam macht, reagieren sie ebenso erstaunt wie erfreut. Der Reiseführer hat ihnen schließlich gerade etwas über die legendäre Unfreundlichkeit der Berliner erzählt, und schon haben sie sie selbst erlebt. Das twittern sie gleich mal. Am besten beim Fahren.

Die Tiergarten-Touris bewegen sich mit Rädern fort, die aussehen wie überdimensionierte Kinderbuchräder: Fette Reifen, fettes Gestell in knalligen Farben. So fühlen sie sich sicherer. Sie sind auch in Rudeln zu mindestens 20 Mann unterwegs. Vorkommen: überall in der Stadt, wo es etwas zu sehen gibt. Also im Prinzip überall. Der Typus ist wegen seiner unsicheren Fahrweise nicht ganz ungefährlich, aber da er sich sehr langsam fortbewegt, kann man ihm meist rechtzeitig ausweichen. Seine Feinde: Der Tiergarten-Touri macht sich eigentlich überall Feinde, denn egal, wo er aufkreuzt, legt er den Verkehr lahm. Er selbst bemerkt das jedoch gar nicht.

2. Prenzlauer-Berg-Bottichbiker

Das Vorbild ist Cristiania, die längst schon nicht mehr ganz so legendäre Alternativstadt in Kopenhagen: Von dort nämlich stammen die fassähnlichen Behälter auf Rädern, mit denen man in Prenzlauer Berg und Pankow seine Kinder transportiert. Das Rad stammt aus der individuellen Manufaktur um die Ecke, ebenso wie der Fahrradanhänger. Der Prenzlauer-Berg-Bottichbiker lebt lokal. Dass er mit seinem Schwertransport auch mal harmlose Passanten umwälzt, stört ihn kaum. Hauptsache Leon-Luca und Mathilda-Sofie kommen fröhlich zum Flötenkreis oder zur Kita „Prenzlzwerge“. Mit so einem Fahrradanhänger kann man auch prima den Bürgersteig komplett sperren, wenn man die Eisdiele ganz für sich haben will.

Vorkommen: Der Prenzlauer-Berg-Bottichbiker ist über den ganzen Bezirk verteilt. Auch Weißensee und Pankow sind nicht sicher vor ihm. Weiter raus kommt er selten, nur wenige Artverwandte haben sich in Mitte angesiedelt. Wer ihm ausweichen will, muss einfach auf der Straße fahren. Der Bottichbiker benutzt aus Prinzip nur Bürgersteige. Seine Feinde: Der Bottichbiker ist sehr selbstbezogen. Deswegen stören ihn am meisten andere Bottichbiker, die wie er den Weg blockieren. Die Tramschienen, die sonst gern Radfahrer zu Fall bringen, können ihm nichts anhaben, er ist breit genug aufgestellt.

3. Steglitzer Sonntagsfahrer

Mal ehrlich: Wenn man wirklich Wert aufs tägliche Fahrradfahren legen würde, wäre man nicht nach Steglitz gezogen. Von Montag bis Freitag, 9 bis 17 Uhr, fährt der Steglitzer den neuen BMW X6 oder Mercedes A-Klasse, oder irgendeine Form von Porsche. Auf jeden Fall irgendetwas, womit man die überdurchschnittlichen vier Kinder mit preußischen Vornamen zum Fecht- oder Ballettunterricht bringen kann. Und bei der heutigen Elternkonkurrenz können Sie da auf keinen Fall mit einem Hollandrad vorfahren. Wenn der Steglitzer mal aufs Rad steigt, dann nur, um den anderen Steglitzern zu zeigen, dass er es sich leisten kann, auch mal Freizeit zu machen. Dass er bewegungsbewusst ist, obwohl man ihm das kaum glauben mag, weil er doch recht häufig zum E-Bike greift. Aber er kann halt auch mal gemütlich und vor allem immer teuer.

Der Steglitzer Sonntagsfahrer fährt also so Fahrrad, als sitze er in seinem neuesten Cabrio. Mehr Schau als Fortbewegung. Vorkommen: Wer den Steglitzer Sonntagsfahrer sehen will, der muss am Wochenende zu den typischen Einkaufsgegenden in Steglitz, Dahlem oder Zehlendorf. Ansonsten macht sich dieser Typus sehr rar. Er gilt als ungefährlich. Seine Feinde: Der Steglitzer Sonntagsfahrer ist meist bester Laune, so was wie Feinde hat er nicht nötig.

4. Neuköllner Newcomer

Der Name Neukölln ist missverständlich. Die Speerspitze des Bezirks nämlich feiert lieber das alte, als das neue. Die zahlreichen Neubesiedler von Reuterkiez und Uferlagen aus Spanien und Australien bevorzugen Vintage-Räder von so schön deutsch klingenden Marken wie Vaterland. Einen Helm trägt der Neuköllner Newcomer aus Prinzip nicht. Neue Rennräder sieht man hier übrigens eher in den Wohnungen als auf der Straße. Das Risiko, dass sie draußen schnell den Besitzer wechseln, ist einfach zu groß. Vorkommen: selten, und wenn, dann auf den Bürgersteigen der Friedelstraße. Das Fußgänger- und Marktstandaufkommen in der Gegend ist so hoch, dass man gerade an schönen Tagen mit dem Rad ohnehin nicht durchkommt. Seine Feinde: Der Neuköllner Newcomer ist nur bedingt mit Verkehrsregeln vertraut, aber so selten, dass er fast ungefährlich ist. Es sei denn, er traut sich mal den Kottbusser Damm oder die Karl-Marx-Straße herunter. Dann wird er zur leichten Beute von sich öffnenden Autotüren. Autofahrer in Neukölln halten Radfahrer für überflüssig. Eine Spezies, die sie nach Kräften auszurotten versuchen. Deswegen parken sie auch so häufig die ohnehin seltenen Radwege zu.

5. Kreuzberger Kreuzfahrer

Der Kreuzberger war zuerst da. Er hat Berlin entdeckt, als der Rest der Republik noch dachte, die wahren Metropolen seien Hamburg, Stuttgart oder München. Als in Berlin nur Berliner wohnten. Der Kreuzberger fährt deswegen mit großem Stolz sein altes, rostiges Pionierfahrrad. Auch um den anderen zu zeigen, dass der ganze Designerquatsch aus Prenzlberg oder der Hochtechnologiemist aus dem Süden für ihn überflüssig ist. Weil dem Kreuzberger die Stadt eigentlich gehört, darf er auch überall fahren. Über rote Ampeln, schräg über Kreuzungen mitten auf der Friedrichstraße, in die andere Richtung auf dem Kudamm.

Vorkommen: Der Kreuzberger Kreuzfahrer ist eine besonders gefährliche Spezies. Er fährt überall da, wo man auf keinen Fall ein Rad erwartet. Am liebsten jedoch Fullspeed auf den Wegen entlang des Landwehrkanals. Über die Wurzeln der Bäume, in alle Richtungen. Oder über die Bürgersteige im Graefekiez, mitten durch die dort aufgestellte Gastronomie und die erschreckten Gäste beim Feierabendriesling. Gerne auch mal in unerwarteter Begleitung von Nachkommen auf dem Rad. Seine Feinde: Autofahrer. Autos nämlich sind aus der Sicht des Kreuzfahrers dekadent und überflüssig.

6. Westender Wichtigtuer

Charlottenburg und Wilmersdorf bilden das wirtschaftliche Herz der Stadt. Wer hier radelt, radelt mit Mission. In Westend ist der Kurierbiker angesiedelt. Anders als die lustwandelnden Touristen um die Gedächtniskirche und die Grunewalder, die lieber ihre Autos den Kudamm rauf und runter fahren, damit man sie bewundert, ist der Westender Wichtigtuer jemand, der auf dem Rad arbeitet. Er muss mit einem Packen Akten von einem Anwalt zum nächsten sausen oder irgendwas ganz anderes, ganz Entscheidendes, ganz schnell transportieren. Den Westender Wichtigtuer könnte man am verkrampften Gesichtsausdruck erkennen, aber so nah kommt man ohnehin nicht an ihn ran, dann ist er schon längst weitergedüst. Seine Kennzeichen sind ein übersportlicher Fahrstil und funktional-hässliche Bikerkluft. Meist mit einem Helm, der aussieht wie aus einem Science-Fiction-Film. Vorkommen: überall da, wo Geld verdient wird. Feinde: Der Westender Wichtigtuer ist eine zu meidende Spezies auf dem Rad. Weil er ständig beweisen muss, dass der Rest der Welt auf der Straße eigentlich nichts verloren haben, bremst er gerne andere aus, überholt an den unmöglichsten Stellen und fährt mit seinem Rad Treppen rauf oder runter, was auch immer gerade für möglichst viel Unruhe sorgt. Am besten ruhig verhalten, wenn man einen sieht, die Gefahr rast immer schnell wieder vorüber.

7. Spandauer Spazierfahrer

Von Berlin aus kann man bis nach Kopenhagen radeln. Vom Hamburger Bahnhof aus beginnt der Radweg auf ganzer Länge, aber eines der schönsten Stücke ist entlang des Berlin-Spandauer Schifffahrtskanals in Spandau. Und dann gibt es noch den Spandauer Forst und den Havelland-Radweg. Weil es in diesem Bezirk mit die schönsten Radwege der Stadt gibt, muss der Spandauer auf dem Rad sich auch nicht so hetzen wie der Rest Berlins. Und überhaupt betont man in Spandau ja gern, dass man ein bisschen anders ist. Spandau kann auch damit angeben, Berlins erste Fußgängerzone mit freier Fahrt für Fahrradfahrer zu sein. Zumindest zu bestimmten Zeiten. So haben Spandauer Kinder den Luxus, relativ sicher mit dem Rad zur Schule zu kommen, was in Berlin fast schon ein Alleinstellungsmerkmal sein dürfte. Vorkommen: häufig. Seine Feinde: Allem Radwegidyll zum Trotz kann der Spandauer nicht ganz die großen Straßen vermeiden. Und hier fahren die Lastwagen gerne schnell und sind noch nicht so mit der Idee vertraut, dass es sich bei Spandau auch um ein Teil der Stadt handelt.

8. Köpenicker Kreuzer

Der Köpenicker Kreuzer ist eine wesensverwandte Art des Kreuzberger Kreuzfahrers, vielleicht weil beide das Gefühl bestimmt, einem alten Geschlecht anzugehören. Er kreuzt besonders gern mitten durch die Altstadt, da wo es nicht erlaubt ist, und er fährt bevorzugt auf Bürgersteigen, auch wenn er das zehnte Lebensjahr längst überschritten hat. Vermutlich wegen des hohen Aufkommens an Kopfsteinpflaster, das einem beim Drüberradeln so unangenehm durchschüttelt. In Treptow-Köpenick kontrolliert auch die Polizei besonders gerne die Radfahrer. Vielleicht, weil die Gegend so schön ist und man nicht ganz so schnell angemault wird, wie im Zentrum. Überhaupt ist eines sehr auffällig bei den meisten Polizeikontrollen: Sie stehen meist da, wo es ohnehin ruhig ist. Wo also ein Verstoß gar nicht so dramatische Folgen hätte. Und sie kontrollieren besonders gern Fahrradfahrer. Handytelefonieren am Steuer wird weit weniger geahndet. Da wäre auch mal eine Statistik hilfreich. Vorkommen: Friedrichshagener Bölschestraße, Elsenstraße in Alt-Treptow, Köpenicker Bahnhofsstraße. Seine Feinde: Halten sich vor allem an der Kiefholzstraße in Treptow auf.

9. Tempelhofer Freifahrer

Wenn man mitten in Berlin Rad fahren will, dann ist es am allerschönsten auf dem Tempelhofer Feld. Der Tempelhofer Freifahrer hat aufgrund der Lokalität, ein ausgedientes Flugfeld, nicht unbedingt ein Ziel, aber das ist letztendlich ja auch nicht das Wichtigste beim Radfahren. Die Tempelhofer Freiheit wurde hart umkämpft und endlich gewonnen, weswegen der Tempelhofer Freifahrer gern sein Revier abradelt. Er stört dabei die Fußgänger und Grillgruppen nicht groß, er bleibt ja meist auf seiner Rennstrecke in dem Wissen, dass hier einst die Flugzeuge abgehoben haben. Vorkommen: Flughafen Tempelhof. Seine Feinde: Wer auch immer plant, die Tempelhofer Freiheit doch noch irgendwie zu gestalten. Also Politiker.

10. Reinickendorfer Rad-Pendler

Der Reinickendorfer Rad-Pendler ist umweltbewusst und preissensitiv, und damit das auch jeder mitbekommt, fährt er gern mit seinem Rad in der S-Bahn. Beziehungsweise sitzt er dort gerne mit seinem Fahrrad, nicht unbedingt im Fahrradabteil, sondern so, dass er möglichst viele Leute beim Ein- und Aussteigen blockiert. Außerhalb der S-Bahn ist er aber eine sehr freundliche Spezies, Radwege gibt es schließlich einige in der Gegend, und die Straßen sind im Prinzip auch breit genug für alle, also fällt der Reinickendorfer Radpendler nicht durch aggressives Verhalten auf. Auch von der Kleidung her unterscheidet er sich kaum, da er ja sein Rad auf dem Weg zur Arbeit nützt, ist er selten in kurzen Bikershorts zu erspähen. Vorkommen: In der S1 kann man ihn gut erkennen, außerhalb der Bahn aber passt er sich chamäleonartig seiner Umgebung an. Seine Feinde: Schwangere Frauen, die gerne sitzen mögen, das aber nicht können, weil da ja schon der Radpendler mit Rad sitzt.