Berlin

Aufgewachsen zwischen zwei Religionen

Die ehemalige Weltklasse-Schwimmerin Sarah Poewe ist Patin bei der Makkabiade

Sarah Poewe sieht die Kacheln an sich vorbeiziehen. Von oben dringt Tageslicht ins Schwimmbecken, das Dach im Olympic Aquatic Center in Athen ist nicht pünktlich zu den olympischen Spielen 2004 fertig geworden. Poewe ist die Zweite der Staffel über 400 Meter Lagen. Nach ihr ist Franziska van Almsick an der Reihe. Am Ende reicht es für die deutsche Staffelmannschaft für Platz drei, Bronze. Sarah Poewe schreibt in diesem Moment Geschichte – auch wenn sie davon nichts weiß.

Mit Bronze bei den Olympischen Spielen 2004 ist sie die erste jüdische Sportlerin nach 1936, die für Deutschland eine Medaille bei Olympia gewinnt. „Als ich davon erfuhr“, sagt sie heute, „war das eine Ehre.“ Die historische Dimension war ihr nicht bewusst. Im Profisport zählt immer der nächste Wettkampf. Fokus auf den Sieg. Alles andere wird ausgeblendet.

„Ein traumhafter Ort“

Das wird dieses Mal anders sein. Poewe hat ihre aktive Karriere 2012 beendet. Bei den gerade gestarteten Europäischen Makkabi Spielen in Berlin ist sie Patin der Schwimmwettbewerbe. Sie hat keine Sekunde gezögert, als die Anfrage kam. Poewe begreift es als Chance. Als Chance, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen, mit ihrer Religion, ihrer Identität. Und mit der Stadt. „Berlin ist ein traumhafter Ort“, sagt sie, auch wenn sie bisher nicht viel Gelegenheit hatte, die Stadt richtig kennenzulernen. Dabei war sie in ihrer aktiven Zeit einmal im Jahr dort, mindestens. Die Deutschen Schwimmmeisterschaften werden seit 2004 im Europa-Sportpark ausgetragen. Für Poewe war die Stadt mit Erfolgen verknüpft. Hier erschwamm sie das Ticket für die Olympischen Spiele, hier stellte sie sogar Rekorde auf, 2008 etwa, 100 Meter Brust, Deutschlandrekord. „In Berlin lief es immer gut für mich.“

Wenn sie in der Stadt war, habe sie nicht viel mehr gesehen als ihr Hotelzimmer und die Schwimmhalle. Danach ging es gleich weiter: Europameisterschaft, Weltmeisterschaft, Olympische Spiele. In der Maschinerie des Profisports bleibt nicht viel Zeit, die Scheuklappen der Fokussierung abzulegen. Vor ein paar Wochen sei sie mal in der Stadt gewesen, Vorbereitung auf die Makkabi Games. „Da habe ich extra ein paar Tage drangehängt, um mal als Tourist in der Stadt zu sein, nicht als Sportler“, sagt sie. Sie hat sich das Holocaust-Mahnmal angeschaut, ist durch die Stadt flaniert. Zeit ist ein rares Gut und Poewe will es gut nutzen. „Ich will mich gerade hier in Berlin intensiv mit meiner Herkunft und Identität auseinandersetzen“.

Geboren ist Poewe in Kapstadt, Südafrika. Ihre Mutter jüdisch, der Vater ein deutscher Protestant. Sie ist mit beiden Religionen aufgewachsen, ganz natürlich. Weihnachten wurde gefeiert, Ostern und Nikolaus. „Bei den jüdischen Feiertagen waren wir dann bei der Familie meiner Mutter eingeladen.“ Mit ihrer Mutter spricht sie mittlerweile viel über ihren Glauben. Als Poewe damals in Athen Bronze holte, sagte die Mutter ihr: „Deine Oma wäre sehr stolz auf dich.“

Ihr Talent wurde früh entdeckt, am Anfang ihrer Karriere, Poewe war gerade 14 Jahre alt, lebte sie noch in Südafrika. Ende 2002 dann der Wechsel nach Deutschland. Seitdem schwamm sie bei den Turnieren unter deutscher Flagge. Dass sie als Jüdin aus Südafrika für Deutschland an den Start ging, hat in der Familie niemanden irritiert. Mehr noch: Es wurde gar nicht erst thematisiert.

Poewe erwartet gerade ihr erstes Kind, achter Monat. Ein guter Zeitpunkt, sich den großen Fragen des Lebens zu stellen: Was bedeutet Zuhause? Was ist meine Identität? Stellt man Poewe heute diese Fragen, muss sie lachen. „Was heißt das denn, sich als Jüdin zu fühlen? Ich kenn das nicht, ich kann mir darunter nichts vorstellen. Es ist meine Identität, meine Religion. Aufgewachsen bin ich in Südafrika, jetzt lebe ich in Deutschland. Und fühle mich überall wohl.“

Hotel, Schwimmhalle, Fliesen. Profisportlern fällt es mitunter schwer, die Monotonie der Karriere abzustreifen. Sarah Poewe sagt, dass sie immer als Sportlerin zu den Wettkämpfen gefahren sei, nicht als Jüdin.

Vergangenen Dienstag hat sie sich auf den Weg gemacht zu den Makkabi Games 2015, gut vier Stunden Fahrt, von Wuppertal nach Berlin. Aus dem Fenster der Blick nach draußen, Sarah Poewe sieht Deutschland an sich vorbeiziehen. Jenes Land, für das sie bei den Olympischen Spielen angetreten ist, die Kacheln in Athen an sich vorbeiziehen sah. Sie ist auf dem Weg nach Berlin, der Stadt, die vor Geschichte fast überzuquellen droht. Sie ist auch dort, um etwas über ihre eigene Geschichte zu erfahren. Über sich selbst. Sarah Poewe fährt als Jüdin nach Berlin.

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