City West

Der Tag nach den Schüssen am Olivaer Platz

| Lesedauer: 7 Minuten
Maria Bidian, Steffen Pletl und Peter Olddenburger
Olivaer Platz: Kripo-Beamte untersuchen die Einschusslöcher

Olivaer Platz: Kripo-Beamte untersuchen die Einschusslöcher

Foto: Steffen Pletl

In der City West schießen Männer aufeinander. Eine unbeteiligte Person wird verletzt. Hintergrund könnte ein Bandenkrieg sein.

Dramatische Szenen haben am Mittwochabend die Anwohner am Olivaer Platz in Charlottenburg-Wilmersdorf erschüttert. In der Abenddämmerung schossen Unbekannte aus einem Auto heraus auf zwei Männer. Einer der Angegriffenen schoss daraufhin zurück. Eine unbeteiligte Frau, die zufällig vorbeiradelte, stürzte getroffen zu Boden. Das dunkle Auto raste davon. Die angegriffenen Männer flohen ebenfalls. Die Frau musste mit einem Durchschuss im linken Bein in ein Krankenhaus gebracht werden. Die Hintergründe des Zwischenfalls sind noch unklar und werden derzeit von der Kriminalpolizei untersucht.

Die Szene erinnert an eine Krimiserie, doch die Tat geschah nicht in einer amerikanischen Großstadt, nicht in einem Problemviertel, sondern mitten in Berlin, in der bürgerlichen City West - und zu einer Zeit, als noch viele Menschen auf den Straßen unterwegs sind oder eines der zahlreichen Restaurants besuchen. Mitten drin: eine unbeteiligte, unschuldige Frau, die in diese bewaffnete Auseinandersetzung gerät und schwer verletzt wird.

Für einige Anwohner des Kiezes ist das alles andere als verwunderlich. Einige Abschnitte der Lietzenburger Straße sind durchaus bekannt für mafiaähnliche Strukturen. „In dem Ecklokal an der Lietzenburger Straße/Olivaer Platz trifft sich die Berliner Unterwelt“, sagen Nachbarn. Sie sprechen von einer Gaststätte, zu der angeblich ausschließlich Männer Zutritt haben sollen. Diese sollen aus Osteuropa stammen, vermuten die Anwohner.

Scheinbarer Ganoventreffpunkt

Durch die Fensterscheibe ist der schlicht eingerichtete Gastraum zu erkennen. Es gibt einige Tische, an denen ungepolsterte Stühle stehen. An der Rückwand sind Spielautomaten und ein großer Bildschirm montiert. „Hier wird gezockt. Es ist offensichtlich, dass in diesem scheinbaren Ganoven-Treffpunkt nicht gerade die Bosse vermeintlicher krimineller Banden verkehren. Wahrscheinlich ist es die Exekutive, die Leute für die Drecksarbeit von irgendwelchen Gruppen“ mutmaßt ein Anwohner. Und dieser Verdacht könnte sich nun mit dem Aufsehen erregenden Schusswechsel bestätigen.

Nach Angaben der Polizei fielen gegen 22 Uhr mehrere Schüsse. Die Frau, die am Bein verletzt wurde, soll demnach eine 62 Jahre alte Französin sein, die bereits seit mehreren Jahren in Berlin lebt. „Ich habe gesehen, wie mehrere Personen zu der Frau gelaufen sind, die um Hilfe rief. Sie haben der Frau, glaube ich, einen Schal um das Bein gebunden, um die Blutung zu stoppen“, sagt eine Augenzeugin aus einem Wohnhaus direkt am Olivaer Platz. Da die bislang unbekannten Täter noch nicht gefasst sind, möchte die Frau, wie auch andere Zeugen, vorsichtshalber nicht ihren Namen nennen. Alle Zeugen geben an, „sechs bis acht Schüsse“ gehört zu haben.

Nach dem Schusswechsel soll das dunkle Fahrzeug über die Lietzenburger Straße in Richtung Uhlandstraße davon gefahren sein. Eine konkrete Fahrzeugbeschreibung lag bis zum Donnerstagabend nicht vor, so eine Polizeisprecherin. Die beiden Männer, die von dem Wagen aus beschossen wurden, sollen in Richtung Württembergische Straße gelaufen sein. Die Hintergründe seien ebenso unklar wie die Identität der Beteiligten. Die Ermittlungen führt das Landeskriminalamt Berlin. Wie die Berliner Morgenpost aus Ermittlerkreisen erfuhr, soll es eine Abteilung zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität sein. Spekulationen, dass der Hintergrund des Schusswechsels eventuell Streitigkeiten zwischen rivalisierenden Banden sein könnten, wollte die Polizei am Donnerstag nicht kommentieren.

Erst drei Schüsse, dann weitere

„Ich habe vom Balkon aus gesehen, wie die Frau hinter dem Baum lag. Dann ist eine schwarze Limousine die Lietzenburger Straße in Richtung Uhlandstraße gefahren, und zwei andere Männer sind in Richtung Pariser Straße gerannt,“ sagt Martin K. (Name geändert, die Redaktion). Es sei alles sehr schnell gegangen. Zuerst hatte der Anwohner drei Schüsse gehört. Nach einer kurzen Pause hätten die Täter erneut drei- oder auch viermal geschossen. Im Kreuzungsbereich hätten mehrere Personen das Geschehen beobachtet.

Der Mann ist Mitglied einer Bürgerinitiative, die sich für den Erhalt der Grünanlagen und des öffentlichen Parkplatzes am Olivaer Platz einsetzt, und hatte vor geraumer Zeit Unterschriften für das Begehren der Anwohner gesammelt. In diesem Zusammenhang war er seinerzeit auch einmal kurz in dem besagten Lokal. „Mein Resümee: Diese Gaststätte müsste von der Polizei intensiv observiert werden“, sagt er. Andere Zeugen vermuten, die zwei Männer, die zu Fuß erst in Richtung Pariser Straße gelaufen sind, könnten eventuell aus einem ebenfalls bekannten Treffpunkt für „zwielichtige Gestalten“ an der Sächsischen Straße stammen. Doch konkrete Hinweise für diese Annahme gibt es bislang nicht.

Stäbchen zeigen den Winkel der Einschüsse

Die Polizei sicherte am späten Mittwochabend Spuren am Tatort, auch am Donnerstagmorgen wurde die Umgebung von Beamten abgesucht. In die Einschusslöcher, die auf einer Höhe von etwa 2,20 Metern liegen, haben die Beamten dünne Stäbchen geschoben. So können sie den Einschusswinkel und damit auch die Schussrichtung feststellen. Gegenüber der Stelle, wo Projektile den Betonpfeiler einer Grundstückszufahrt trafen, befindet sich ein Parkplatz mit Grünanlage. Auch dieser Bereich wurde akribisch nach möglichen Spuren durchkämmt.

Schüsse vor Lokal in Wedding

Ein vergleichbarer Zwischenfall hatte sich vor einigen Wochen in Wedding ereignet, als frühmorgens vor einem Lokal mehrere Schüsse abgefeuert wurden. Ein Mann war getroffen und schwer verletzt in eine Klinik eingeliefert worden. Auch damals flüchteten mindestens zwei Personen mit einem Auto vom Tatort. Der wesentliche Unterschied zum Schusswechsel am Olivaer Platz besteht allerdings darin, dass sich der mutmaßliche Schütze kurz nach der Tat stellte. Der Mann meldete sich kurze Zeit nach dem Anschlag von einer Tankstelle an der Reinickendorfer Straße telefonisch bei der Polizei. Beamte konnten den Täter dort wenig später festnehmen. Die Hintergründe für diesen Anschlag sind jedoch nach wie vor ungeklärt. Die Ermittlungen von Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft sind noch nicht abgeschlossen.

Und noch einen Vorfall ähnlicher Art gab es vor nicht allzu langer Zeit: Ende Mai hatte ein 48 Jahre alter Mann in Spandau schwer Verletzungen erlitten, als eine Auseinandersetzung eskalierte. Der Mann hatte sich am 28. Mai auf dem Grundstück seines Hauses an der Falkenseer Chaussee mit einem zehn Jahre jüngeren Mann gestritten. Plötzlich zog der Jüngere eine Waffe und schoss dem 48-Jährigen in den Oberkörper. Nach dem Schützen, der geschäftliche Beziehungen mit dem Opfer hatte, wird noch gefahndet.

Am Olivaer Platz ist ein solcher Vorfall wie am Mittwochabend alles andere als üblich. Und so scheint der Kiez auch einen Tag danach ruhig. Das Leben geht offenbar seinen gewohnten Gang. Die Menschen machen ihre Besorgungen, kaufen in den Geschäften ein oder trinken Kaffee in den Lokalen. „Angst, auf die Straße zu gehen, habe ich nicht, ich fühle mich hier nach wie vor sicher“, bestätigt eine der Anwohnerinnen den Eindruck.