Interview

Berliner SEK-Mann: Alte Ausrüstung, geringe Wertschätzung

| Lesedauer: 8 Minuten
Andreas Gandzior
Maskiert, aber meinungsstark: Der SEK-Beamte will nicht erkannt werden. Er kritisiert die zum Teil schlechte Ausrüstung. Mit dem Terrorismus auf der Welt steigen auch die Gefahren

Maskiert, aber meinungsstark: Der SEK-Beamte will nicht erkannt werden. Er kritisiert die zum Teil schlechte Ausrüstung. Mit dem Terrorismus auf der Welt steigen auch die Gefahren

Foto: Krauthoefer

Das Berliner Spezialeinsatzkommando (SEK) arbeitet am Limit. Ein Beamter spricht über "Dampf"-Einsätze, veraltete Waffen und Frust.

Die Beamten des Spezialeinsatzkommandos der Polizei (SEK) sind im Notfall die letzte Instanz, wenn alle anderen Maßnahmen der Polizei nicht erfolgreich waren. Nach ihnen kommt nichts mehr. Ihre primäre Aufgabe ist die Bekämpfung der schweren Gewaltkriminalität wie beispielsweise Entführungen, Geiselnahmen, Geiselnahmen im Luftverkehr, Erpressungen und Amoklauf. Daneben unterstützen sie den polizeilichen Einzeldienst in besonderen Einsatzlagen. Die Berliner Morgenpost sprach mit einem SEK-Beamten über seine tägliche Arbeit, schlechte Ausrüstung, fehlende Wertschätzung, Frust und Forderungen an die Politik.

Berliner Morgenpost: Sie sind 36 Jahre alt und seit neun Jahren beim SEK. Wie sind Sie zum SEK gekommen?

SEK-Beamter: Das habe ich meiner Mutter zu verdanken. Sie hat mehr als 25 Jahre als Putzfrau bei der Polizei gearbeitet. Dann sprach sie ein Kollege an und gab ihr den Hinweis, dass sich jetzt auch Migranten bei der Polizei bewerben können. Darauf wäre ich selber nicht gekommen. Ich war zu jung und dachte, dass ich als „Ausländerjunge“ kein deutscher Polizist werden kann. Ich habe mich beworben, und beim zweiten Anlauf hat es geklappt. 1996, mit 16 Jahren, habe ich im mittleren Dienst angefangen. Nach der Direktionshundertschaft 1 war ich lange Zeit als Zivilfahnder tätig. 2006 schaffte ich es zum SEK. Nach fast 20 Dienstjahren sage ich, dass es für mich die beste Entscheidung war, zur Polizei zu gehen. Ich bin Vertrauensmann und in der Gewerkschaft der Polizei. Ich bin stolz darauf, wie auch meine Kollegen, dass ich es zum SEK geschafft habe.

Beschreiben Sie mal den Stolz, den Sie empfinden, ein Mitglied des SEK zu sein.

Viele scheitern bereits beim Auswahltest. Wenn jemand das nicht schafft, heißt es aber nicht, dass er ein schlechter Polizist ist. Es reicht nur nicht für die Ansprüche beim SEK. Wer da anfangen will, muss neben Sportlichkeit auch flexibles Denken über das normale Maß hinaus und insbesondere Teamfähigkeit mitbringen. Die sechsmonatige Ausbildung ist sehr hart. Taktiktraining, Schießen, Kampfsport und laufend Zwischentests. Die Kollegen sind leistungsstarke, diensterfahrene Polizisten. Es sind Kollegen, die bereits auf ihren alten Dienststellen gute Arbeit geleistet haben. Schaffen sie es zum SEK, fehlen sie auf ihren Dienststellen.

Was sind Ihre Aufgaben im Team?

Zusätzlich zu den normalen Anforderungen, die jeder bewältigen muss, bin ich als Rettungsassistent ausgebildet. Im Einsatz habe ich spezielles Sanitätsmaterial, um das ich mich immer kümmern muss. Falls einer verletzt wird, bin ich der erste Ansprechpartner und mache dann die Sofortmaßnahmen. Diese Zusatzausbildung habe ich bei der Feuerwehr gemacht und muss den Lehrgang jährlich auffrischen. Andere sind Abseilspezialisten, wieder andere Präzisionsschützen. Jeder in einem Team übernimmt mehrere Aufgaben.

Was ist das Besondere an der Arbeit beim SEK?

Wir machen die „Dampf-Dinger“. Bei jeder Alarmierung haben wir im Hinterkopf, dass es jederzeit zu einem dramatischen Einsatz kommen kann. Wir müssen immer bereit für den Ernstfall sein. Das SEK hat mehr als 500 Einsätze pro Jahr. Damit liegen wir bundesweit an der Spitze. Allein diese Zahl zeigt schon die Belastung.

Wie sieht eine Arbeitswoche aus, wenn keine Einsätze sind?

Jeder Kollege beschäftigt sich mit seiner Zusatzfunktion. Es gibt viel Equipment, daran muss trainiert werden. Es kommen immer neue Geräte dazu, die man auch beherrschen muss. Es ist nicht so, dass man einen kurzen Lehrgang macht und dann liegen die Sachen in der Ecke und man beschäftigt sich nicht mehr damit. Unsere umfangreiche Ausrüstung und unser Material müssen wir jederzeit beherrschen. Das erfordert ständiges Training.

In welchen Schichten wird gearbeitet?

Wir haben ein Schichtdienstmodell, sind aber in Notfällen jederzeit erreichbar. Dann haben wir reine acht Stunden Ausbildungstage. Die werden aber regelmäßig wegen Einsätzen abgebrochen. Wir müssen als Team trainieren. Rettungssanitäter, Abseiltechniker, Techniker, Hundeführer und Präzisionsschützen müssen Hand in Hand arbeiten. Allein die Präzisionsschützen müssen regelmäßig üben.

Gibt es ausreichend Möglichkeiten für das Schießtraining in Berlin?

Nein. Im Gegensatz zu früher findet das Schießtraining nur noch im sehr kleinen Bereich in Berlin statt. Die Berliner Polizei mietet eine private Anlage an. Stundenweise sind wir auch an der Polizeischule. Wir fahren oft in andere Bundesländer zum Schießen. Gerade die Langwaffenschützen und Präzisionsschützen müssen mehrmals im Jahr ihre Schießnachweise erbringen. Die Fahrzeiten fallen dann vom Training weg.

Ist es richtig, dass die Ausrüstung zum Teil veraltet ist?

Zusatzteile für unsere Maschinenpistolen wie beispielsweise Visiereinrichtungen sind oft nicht vorhanden oder sehr veraltet. Unsere Waffen müssten teilweise nicht erneuert werden, nur die Zusatzteile müssten angeschafft werden. Das dauert ewig oder es funktioniert gar nicht. Unsere Fachleute finden kein Gehör. Sie fahren zu Workshops und anderen SEK-Einheiten und holen Informationen ein. Das wird zur Kenntnis genommen, aber es passiert halt nichts.

Kam es aufgrund des Mangels zu gefährlichen Situationen bei Einsätzen?

Ja, die gab es in der Vergangenheit. Da möchte ich aber aus Sicherheitsgründen nicht ins Detail gehen.

Das sind für den Kampf gegen den Terror keine idealen Voraussetzungen.

Richtig. Wir werden nach außen hin als moderne Hauptstadtpolizei dargestellt, aber so ist es nicht. Wir brauchen gute und gut ausgerüstete Polizisten. Wenn man dann nur auf Werbung setzt, die die Polizei gut darstellt, reicht das nicht. Der Terror globalisiert sich und kommt näher, wie die Anschläge in Belgien und Frankreich, aber auch die Bombenwarnungen in Deutschland zeigen. Die Einsätze werden immer gefährlicher. Überall werden wir angefordert, aber wenn die SEK-Kollegen nicht gut ausgerüstet sind, ist das ein großer Fehler. Unsere Waffensysteme sind veraltet. Wie soll man Terroristen bekämpfen, wenn das Material nicht der Lage entspricht?

Gibt es ausreichend Nachwuchs?

Die Berliner Polizei hat Nachwuchssorgen, und das färbt auch auf das SEK ab. Es gibt geeignete Bewerber, aber es fehlt der Anreiz, zum SEK zu gehen. Wir erhalten die geringste Gefahrenzulage bundesweit. Für andere Polizeieinheiten wurde eine Gefahrenzulage geschaffen, was auch richtig ist. Das war nur eine Gleichstellung. Zivileinheiten erhalten die gleiche Zulage wie das SEK. Das dient nicht der Motivation.

Wann ist Schluss beim Spezialeinsatzkommando?

Mit 42 muss man das SEK verlassen. Ein Kollege ist als Polizeiobermeister (POM) zum SEK gegangen. Während seine Kollegen mittlerweile zum Polizeioberkommissar (PK) befördert wurden, ist er immer noch POM, weil er zum SEK gegangen ist. Wer beim SEK ist, wird nicht befördert. Muss man verletzungsbedingt den Dienst quittieren, sind das erhebliche finanzielle Einbußen. Wenn ich nach dem SEK wieder zu einem Abschnitt gehe, stelle ich mich bei den Beförderungen ganz hinten an. Dann fahre ich beispielsweise Funkwagen mit einem jüngeren Kollegen, der vielleicht aber schon Kommissar ist. Jeder sollte noch während seiner Zeit beim SEK zum Polizeikommissar ernannt werden. Für all die Jahre und die erfolgreichen Einsätze. Uns fehlt die Wertschätzung der Verantwortlichen innerhalb der Behörde und in der Politik.

Die Spezialisten der Polizei fahren dann wieder Streife?

Das kann passieren. Unser Spezialwissen in Waffen, Taktik und Technik verfällt und bringt der Behörde nichts mehr, weil sie keine geeignete Anschlussverwendung findet, von der alle profitieren können. Einige verlassen auch die Polizei und gehen in die Privatwirtschaft. Wir brauchen einen Stellenpool, aus dem die Polizei die Spezialisten anfordert.