Radfahren in Berlin

Was Radfahrer im Straßenverkehr dürfen und was nicht

| Lesedauer: 6 Minuten
Annika Jenk
Gerade auf der Fahrbahn kommen sich Autofahrer und Radler gern ins Gehege  - und wissen oft gar nicht, was der jeweils andere darf oder auch nicht

Gerade auf der Fahrbahn kommen sich Autofahrer und Radler gern ins Gehege - und wissen oft gar nicht, was der jeweils andere darf oder auch nicht

Foto: imago/Jürgen Ritter

Auf Berlins Straßen kommt es oft zum Streit zwischen Verkehrsteilnehmern auf zwei und auf vier Rädern. Aber wer hat recht?

Immer die gleichen Diskussionen: Wenn sich Autofahrer und Radfahrer auf der Straße begegnen, gibt es oft Meinungsverschiedenheiten. Beide fühlen sich vom jeweils anderen provoziert, ärgern sich über das vermeintliche Nichtbeachten von Verkehrsregeln. Dabei wissen sowohl Auto- als auch Radfahrer häufig nicht, welche Vorschriften zu beachten sind. Wir klären mit Stephanie Krone, Pressesprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), und Verkehrsanwalt Ralf Wittkowski vom Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC) strittige Fragen.

Wo dürfen oder müssen Radfahrer fahren?

ADFC: Viele Einbahnstraßen sind für den Radverkehr auch in Gegenverkehr freigegeben. Ein entsprechendes Hinweisschild gibt hier Klärung. Auch müssen Radfahrer nicht zwingend einen Radweg benutzen, wenn dieser in einer anderen Farbe als der Gehweg gepflastert oder mit einem aufgemalten Fahrradsymbol markiert ist. Anders sieht es bei einem gekennzeichneten Radweg mit einem blauen Schild aus. Hier müssen Radler den Radweg auf jeden Fall nutzen und dürfen nicht auf der Straße fahren.

Knifflig: Eine Mutter möchte mit ihrem Kind Rad fahren. Die Siebenjährige fährt auf dem Gehweg, so, wie es für Kinder unter zehn Jahren vorgesehen ist. Darf die Mutter, die aufgrund eines fehlenden gesonderten Radweges auf der Fahrbahn fahren muss, trotzdem mit ihrem Kind den Gehweg nutzen?

Klare Antwort des ADFC: Selbstverständlich darf sie mit ihrem Kind gemeinsam entweder auf der Fahrbahn oder dem Gehweg fahren. Das sieht der ADAC anders. „Erwachsene müssen auf der Straße oder dem Radweg fahren“, so Wittkowski. Am besten sei es, so Krone, wenn Kinder in Begleitung eines Erwachsenen auf der Straße fahren, da das Fahren auf dem Gehweg aufgrund von Einmündungen und Engpässen deutlich anspruchsvoller sei. Kinder sollten außerdem vor den Eltern und damit in ihrem Sichtfeld fahren, so das Tempo bestimmen können. Kinder unter acht Jahren, so Anwalt Wittkowski, müssen jedoch auf dem Gehweg fahren. Sie dürfen nicht die Straße oder den Radweg nutzen.

Dürfen Autos auf den Radfahrerstreifen ausweichen, dort halten oder parken?

ADFC: Auf dem sogenannten Schutzstreifen, der mit einer gestrichelten Linie gekennzeichnet ist, dürfen Autos an Engstellen ausweichen. Halten ist dort bis zu drei Minuten erlaubt, das Parken nicht. Anders sieht es bei dem Radfahrerstreifen aus, der nur den Radlern vorbehalten ist und durch eine dicke, durchgezogene Linie von der Fahrbahn abgetrennt ist. Autos dürfen diesen Radfahrerstreifen nicht benutzen.

Wie viel Abstand muss ein Auto zu einem Radfahrer beim Überholen lassen?

ADFC: Beim Überholen eines Radfahrers muss ein Auto in der Regel einen Abstand von einem bis 1,5 Meter einhalten.

Wie groß muss der Abstand des Radfahrers zu parkenden Autos sein?

ADFC: Beim Vorbeifahren an parkenden Autos muss ein Abstand von einer Türbreite eingehalten werden. Dies ist situationsabhängig und beträgt etwa einen Meter. Klare Angaben fehlen dazu in der Straßenverkehrsordnung, so der ADAC.

Dürfen sich Radfahrer beim Linksabbiegen auf der Fahrbahn weit im Voraus links einordnen?

ADFC: Es gibt grundsätzlich zwei Arten von „Abbiegern“, welche Art man für sich nutzt, bleibt dem Fahrer überlassen und hängt von der Größe der Kreuzung ab. Beim direkten Linksabbiegen auf der Fahrbahn dürfen Radfahrer den Radweg rechtzeitig vor der Kreuzung verlassen, um sich auf der Fahrbahn entsprechend einzuordnen, auch wenn der Radweg benutzungspflichtig ist. Ist für das Abbiegen eine Radverkehrsführung vorhanden, können Radfahrer diese benutzen.

An einer roten Ampel möchte der Radfahrer rechts überholen. Dort ist aber kein Platz. Darf er auch links an wartenden Autos vorbeifahren?

ADFC: Bei Staus und Wartschlangen an roten Ampeln müssen sich Radfahrer nicht hinten anstellen. Sie dürfen mit reduzierter Geschwindigkeit und Vorsicht rechts an den Autos vorbeifahren. Ist rechts kein Platz, darf der Radfahrer auch links vorbeifahren und sich wieder einordnen. Schaltet die Ampel auf Grün, dürfen Autos den Radler nicht links überholen und müssen ihn sich wieder einfädeln lassen. Laut ADAC-Anwalt Wittkowski dürfen Radfahrer an Ampeln nicht links ausweichen und ein Auto überholen, sondern müssen rechts hinter dem Auto stehen bleiben.

Darf man auf der Fahrbahn weiterfahren, wenn ein Radfahrerstreifen abrupt endet?

ADFC: Ja, die Radfahrer müssen sich zwischen den Autofahrern auf der Fahrbahn einfädeln. Das bestätigt Verkehrsanwalt Wittkowski: „Ja, sie müssen sogar auf der Straße weiterfahren und zwar auf der rechten Seite.“

Darf man als Radfahrer den Zebrastreifen nutzen oder muss ich absteigen?

ADFC: Der Irrtum einiger Radfahrer, einen Zebrastreifen mit dem gleichen Vorrecht überqueren zu dürfen wie Fußgänger, kann zu brenzligen Situationen führen. Schiebt ein Radfahrer sein Rad, gilt er als Fußgänger und darf den Zebrastreifen mit allen Vorrechten nutzen.

Fehlt ein Radweg auf einer Seite, darf der auf der Gegenfahrbahn genutzt werden?

ADFC: Nein, die „Geisterfahrer“ gefährden andere Verkehrsteilnehmer und riskieren ein Bußgeld von 15 Euro. Es gilt auch für Radfahrer das Rechtsfahrgebot, außer es ist explizit durch Schilder angeordnet, dass auch der Radweg auf der anderen Seite genutzt werden darf.

Dürfen Haustiere am Fahrrad mitgeführt werden und wenn ja, auch auf der Straße?

ADFC: Laut §28 der Straßenverkehrsordnung dürfen „von Fahrrädern aus nur Hunde geführt werden“. Fahrradfahrer mit Hund sollten die Leine nur lose in der Hand halten, sie nicht um Handgelenk oder Lenker binden. Denn dies könnte gefährlich werden. Auch auf Straßen dürfen Hunde mitgeführt werden, zu empfehlen ist dies aber nicht. Das sieht der ADAC anders. Hunde dürfen nicht auf der Straße mitgeführt werden, sagt der Verkehrsanwalt.

Dürfen Radfahrer nebeneinander fahren?

ADFC: Ja, das dürfen sie, wenn dadurch der Verkehr nicht behindert wird. Eine Ausnahme bildet die Fahrradstraße, wo Radfahrer immer zu zweit nebeneinander fahren dürfen, wenn sie in einer Gruppe unterwegs sind. Autofahrer müssen in solchen Straßen dann hinter den Radfahrern bleiben, wenn zum Überholen nicht genügend Platz ist.

Darf man beim Fahren eine Hand vom Lenker nehmen, wenn man zum Beispiel etwas trinken möchte?

ADFC: Ja, allerdings ist das freihändige Fahren verboten und wird mit einem Bußgeld von fünf Euro geahndet.