Humboldt-Universität

Professor lässt Arbeit über Germanwings-Absturz schreiben

Juristen der Rechtswissenschaften an der Humboldt-Universität beschäftigen sich mit Schadensersatzfragen. Aktuell oder geschmacklos?

Briefe, Kerzen und Plakate zum Gedenken an die Opfer des Germanwings-Absturzes liegen  im Juni 2015 in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) im Flughafen

Briefe, Kerzen und Plakate zum Gedenken an die Opfer des Germanwings-Absturzes liegen im Juni 2015 in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) im Flughafen

Foto: Federico Gambarini / dpa

Studenten der Rechtswissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität (HU) haben derzeit eine ganz besondere Hausarbeit zu schreiben. Unter dem Titel „Modulhausarbeit Bürgerliches Recht-Sachverhalt“ verbirgt sich ein bekannter Fall: der Germanwings-Absturz am 24. März 2015 und die Frage nach einem angemessenen Schadensersatz für die Hinterbliebenen der Opfer.

150 Menschen waren ums Leben gekommen, als die Maschine auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf über den französischen Alpen abstürzte. Den Ermittlern zufolge hatte der deutsche Copilot seinen Kollegen aus dem Cockpit ausgesperrt und den Airbus absichtlich in den Sinkflug geleitet. Zuletzt hatten am Wochenende einige Dutzend Angehörigenfamilien das Schadensersatzangebot des Mutterkonzerns Lufthansa abgelehnt und es als „unangemessen“ bezeichnet.

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Die Berliner Studenten der Rechtswissenschaft sollen jetzt einen unübersehbar ähnlichen Fall bearbeiten: Kapitän und Copilot fliegen eine Maschine der Fluggesellschaft F von Stuttgart nach Berlin. Der Copilot C ist in den „notwendigen Zeitabständen und in der erforderlichen Weise medizinisch und fachlich geprüft“ worden, schließt jedoch seinen Kollegen aus dem Cockpit aus, deaktiviert den Autopiloten und leitet einen rapiden Sinkflug der Maschine ein.

Zwei verschiedene Fälle

Nun sollen die Studenten über ein angemessenes Schmerzensgeld für die Hinterbliebenen der Opfer entscheiden.

Konkret geht es erstens um Passagier A, eine „erfolgreiche Berliner Rechtsanwältin“, die in den letzten drei Minuten vor dem Aufprall „panikartige Todesangst“ hatte, und ihren hinterbliebenen Ehemann B.

Zweitens geht es um drei getötete Kinder und ihre hinterbliebene Mutter E, die einen Nervenzusammenbruch erlitt und „ununterbrochen unter Depressionen, Schlaf- und Appetitlosigkeit sowie schweren Angstträumen“ leidet. Die Frage des Dozenten lautet: „Können B und E von F Ersatz der geltend gemachten Schäden verlangen?“

Eine aktuelle Katastrophe als Prüfungsthema – Provokation oder die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem Thema, das die Menschen bewegt?

„Unnötige Vorgehensweise“

Während im Internet die Kommentatoren von einer „geschmacklosen HU-Hausarbeit“ sprechen, äußert sich Anwalt Elmar Giemulla ausführlicher zu der Thematik. Er persönlich hätte diese Frage als Professor nicht gestellt, erklärt der Anwalt, der nach eigenen Angaben 35 Opferfamilien vertritt.

„Geschmacklos finde ich die Fragestellung nicht, aber unnötig. Wir stehen alle noch im unmittelbaren Eindruck der Katastrophe. Der Fall ist noch nicht abgeschlossen. Ich frage mich, warum der Dozent diese Aufgabenstellung gewählt hat. Wenn er durch die Popularität des Falles die Aufgabe attraktiver machen wollte, finde ich das grenzwertig“, sagte der Berliner Anwalt der Berliner Morgenpost.

Ein größeres Problem sei für ihn die rechtspolitische Frage, warum im Fall des Absturzes keine europäische Regelung in Kraft tritt. „Wie kann es sein, dass immer wieder der Zusammenschluss der Europäischen Union betont wird und dass bei einem so sensiblen Thema, wie einem Todesfall, die Hinterbliebenen eines Deutschen eine andere Summe an Schadensersatz erhalten als die Hinterbliebenen eines Spaniers?“

Professor will Aufgabe nicht ändern

HU-Professor Gerhard Wagner, der die Aufgabe stellte, erklärte sein Vorgehen gegenüber der Berliner Morgenpost. „Es ist in den Rechtswissenschaften durchaus üblich, reale Fälle als Prüfungsaufgaben zu stellen“, so der Jurist. Es sei natürlich wichtig, die Gefühle der Betroffenen nicht zu verletzen, dies sei jedoch bei dieser Aufgabenstellung nicht der Fall. „Der Sachverhalt der Hausarbeit tut dies nicht, sondern nennt lediglich Fakten, die der Öffentlichkeit aus den Medien bekannt sind“, so der Professor der Humboldt-Universität in einer schriftlichen Antwort auf eine Anfrage der Berliner Morgenpost.

Er sehe keinen Anlass, die Aufgabenstellung zu verändern. Für ihn als Dozent gehe es in der Hausarbeit nicht darum zu provozieren, sondern die Rechtsstellung der Angehörigen zu klären. In den deutschen Medien werde zwar viel über die Ansprüche der Angehörigen und die Schadensersatzangebote der Fluggesellschaft berichtet. Allgemein herrsche jedoch eine große Unsicherheit darüber, welche Rechte den Angehörigen nach deutschem Recht eigentlich zuständen.