Frankfurt (Oder) –

Sulfate aus dem Wasserhahn

Rückstände aus dem Braunkohleabbau machen 75.000 Einwohnern im Raum Frankfurt Sorgen

Frankfurt (Oder) –.  Bedenkenlos Wasser aus der Leitung zu trinken, könnte in Frankfurt und umliegenden Dörfern bald nicht mehr möglich sein. Denn das im Wasserwerk Briesen aufbereitete Trinkwasser für 75.000 Einwohner ist immer stärker mit Sulfaten belastet. Und dieser Schwefelgehalt kann – in größerer Konzentration – zu gesundheitlichen Problemen wie Übelkeit, Erbrechen und Magenbeschwerden führen.

Das Grundwasser in den 54 Brunnen im Bereich Briesen ist knapp. Deswegen wird es dort mit Wasser aus der Spree vermischt. Das aber kommt aus der Lausitz und den dortigen Braunkohletagebauen – ob noch aktiv oder in Rekultivierung – und enthält schwefelhaltige Rückstände. Die Sulfatbelastung der Spree steigt schneller als vorhergesagt – von durchschnittlich 155 auf nunmehr 270 Milligramm pro Liter Wasser. Der gesetzlich vorgeschriebene Grenzwert für Trinkwasser liegt bei 250 Milligramm je Liter.

Alte Wasserwerke reaktivieren

Um einem weiteren Anstieg vorzubeugen, muss die Frankfurter Wasser- und Abwasser GmbH (FWA), die täglich rund 16.400 Kubikmeter Trinkwasser bereitstellt, Alternativlösungen suchen. „Wir wollen das stillgelegte Wasserwerk in Müllrose reaktivieren. Das aber würde rund 6,2 Millionen Euro kosten, die wir nicht haben“, erläutert FWA-Geschäftsführer Gerd Weber. 2,7 Millionen Euro werden seinen Angaben nach für die Trinkwasserleitung zwischen dem Wasserwerk Müllrose und der Fernleitung gebraucht, die von Briesen nach Frankfurt führt. Der Rest der Investitionssumme wird laut Weber für die Komplettsanierung des Wasserwerkes Müllrose benötigt. Zu DDR-Zeiten versorgte es das nahe gelegene Frankfurter Halbleiterwerk mit Trinkwasser.

Eigentlich schon ab dem nächsten Jahr sollte dort wieder Grundwasser in großen Mengen gefördert werden, um dem vorzubeugen, dass die Frankfurter ihr Trinkwasser nicht mehr trinken können. Weber befürchtet, dass spätestens im Herbst die Sulfatgrenzwerte dauerhaft überschritten werden, weil schon jetzt aufgrund geringer Niederschläge das Grundwasser rar wird und mehr Spreewasser genutzt werden muss. Langfristig sollen zudem neue Grundwasservorkommen im Bereich Briesen erschlossen werden. Sie waren entdeckt worden, als Vattenfall dort seismische Untersuchungen für seine geplante, letztlich aber nicht genehmigte unterirdische Speicherung von Kohlendioxid durchführte. Die Investitionskosten hier liegen bei fünf Millionen Euro. Das Wasserwerk Briesen wäre dann – voraussichtlich ab dem Jahr 2018 – vom belasteten Spreewasser unabhängig.

Die FWA will die Kosten für die Umstrukturierung der Wasserversorgung ausdrücklich nicht auf die Kunden abwälzen. Weber und auch viele Lokalpolitiker sehen stattdessen die Verursacher der Spree-Verunreinigungen in der Pflicht – Vattenfall und den bundeseigenen Bergbausanierer Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) als Rechtsnachfolger der DDR-Braunkohlekombinate.

Der schwedische Energiekonzern habe nach monatelangen Verhandlungen auch finanzielle Hilfe zugesagt. Auch das Brandenburger Umweltministerium hat Fördermittel in Aussicht gestellt, bestätigt die FWA. Einzig die LMBV will sich letztlich nicht an den Kosten beteiligen. „Diese Entscheidung ist nicht hinnehmbar. Denn die Sulfatbelastung der Spree ist nun mal eine direkte Folge des Braunkohleabbaus. Da gilt das Verursacherprinzip“, beharrt der Frankfurter FWA-Geschäftsführer und fordert den Bund zum Handeln auf.

Rückendeckung erhält Gerd Weber dabei von der grünen Bundestagsabgeordneten Annalena Baerbock, die sich seit Jahren für Maßnahmen gegen die steigende Sulfatbelastung der Spree einsetzt. „Sich derart aus der Verantwortung zu stehlen, das ist skandalös. Der Bund kann nicht nur Grenzwerte festsetzen, er muss auch für deren Einhaltung sorgen“, fordert die Bundestagsabgeordnete.

Die LMBV beruft sich mit ihrer Weigerung auf ein von ihr selbst in Auftrag gegebenes Gutachten, wonach die Sulfatbelastung der Spree in absehbarer Zeit sinken wird. „Bei diesem Gutachten wurden Klimawandel und Niederschlagsarmut und die damit veränderte Grundwassersituation völlig außer Acht gelassen“, kritisiert hingegen Weber und weiß sich in dieser Hinsicht einig mit Experten. Das Land Brandenburg unterstützt nun die Erstellung eines neuen Gutachtens. Tenor: Der Bund könne hier nicht aus der Verantwortung gelassen werden. Doch ein neues Gutachten zu erstellen, das braucht Zeit, und die haben die Frankfurter mit ihrem belasteten Trinkwasser eigentlich nicht.