Ferienstart in Berlin

Der Riesenansturm und das Wunder vom Flughafen Tegel

Es ist voll, es ist warm, und die Schlangen sind lang. Trotzdem hat am Ferienwochenende in Tegel alles geklappt – wieder einmal.

Voll, voller, Tegel: Tausende Menschen starteten oder landeten an diesem Wochenende am Airport

Voll, voller, Tegel: Tausende Menschen starteten oder landeten an diesem Wochenende am Airport

Foto: Reto Klar

Ein Familienvater stemmt sich gegen den Gepäckwagen, auf dem die sieben Koffer seiner Liebsten lasten, und versucht, ihn verzweifelt in Bewegung zu setzen. Im Bereich B schläft ein junger Mann hinter der Passkontrolle, er hat sich auf dem kühlen Boden ausgestreckt, den Kopf lehnt er gegen die Wand. Vor dem BVG-Automat warten 15 Touristen in der Schlange. Zwei junge Besucher aus England tippen ratlos auf dem Bildschirm hin und her. Schließlich geben sie auf, machen sich ein Dosenbier auf und setzen sich erschöpft neben die unbezwingbare Maschine. Es ist das erste Wochenende der Sommerferien am Berliner Flughafen TXL.

>> Kommentar: Tegel ist keine gute Visitenkarte für Berlin <<

Ein paar Mitarbeiterinnen des Bodenpersonals des Flughafens stehen vor dem Ausgang und rauchen. „Alle Maschinen sind seit Tagen ausgebucht, sie sind sogar bis zu zehn Prozent überbucht“, sagt eine der Frauen. Wer nicht rechtzeitig eincheckt, hat Pech gehabt und muss warten, bis der nächste Flieger geht. „Die meisten nehmen es zum Glück gelassen, weil sie schon in Urlaubsstimmung sind“, sagt die Mitarbeiterin vom Check-in. „Es ist jeden Sommer das Gleiche, der ganz normale Wahnsinn.“

Chronischer Personalmangel

Ganz normal sei es auch, dass der Flughafen chronisch unter Personalmangel leide. Dass nur zwei Mitarbeiter die Koffer von einer Maschine mit 180 Passagieren aus dem Flugzeug auf die Gepäckbänder hieven. Dass 40 Jahre alte Gepäckbänder gern mal eine halbe Stunde nicht mehr anspringen. Und dass die Passagiere mit Wartezeiten bis zu eineinhalb Stunden am Check-in rechnen müssen. Nicht normal scheint angesichts dieser Tatsachen, dass der Flughafen Tegel – der ursprünglich auf sechs Millionen Gäste im Jahr ausgelegt war und mittlerweile knapp 21 Millionen Passagiere jährlich bewegt – überhaupt noch funktioniert. Das grenzt an ein Wunder.

So sieht das auch ein Zollbeamter, der in seiner Pause vor dem Eingang den Massen dabei zusieht, wie sie sich durch die enge Drehtür in das Innere des Flughafens schieben. „Heute ist es noch voller als sonst“, sagt er. „Die Enge macht viele aggressiv, aber was mich am meisten erstaunt, ist, wie kopflos die meisten durch die Gegend laufen.“

Weil er eine Uniform trägt und es zu wenig Ansprechpartner für die unübersichtlichen Wegbeschreibungen gibt, werde er häufig um Hilfe gebeten. „Die Touristen fragen mich, wo sie hinmüssen, um ihren Flieger nach Italien zu kriegen. Wo sie ihr Auto abgestellt haben könnten, wenn sie es nach dem Urlaub nicht mehr finden. Und sie fragen sogar hier direkt am Ausgang, wo eigentlich der Ausgang ist“, sagt der Beamte und schüttelt den Kopf. Er erträgt den Ausnahmezustand, wie die Berliner das immer tun, stoisch mit einer Mischung aus Humor und Sarkasmus.

Tigertatzen und Affenschädel

Aber auch sein eigentlicher Job, nach illegalem Gepäck zu fahnden, werde immer verrückter. Unansehnliche Souvenirs, Drogen und Waffen seien noch das Harmlosere, „am schlimmsten finde ich die Teile von Tieren, die Urlauber mitbringen“, sagt er. In Alkohol eingelegte Schlangen aus Südostasien, Tigertatzen oder Affenschädel aus Afrika fischt er dann schon mal aus den Koffern.

Zunehmend habe er auch mit Betrug an den Feriengästen zu tun. Dubiose Reiseanbieter, die nach dem Urlaub hohe Nachforderungen verlangen, Erpressungen oder Papierfälschungen sind mittlerweile an der Tagesordnung. „Oft machen Kriminelle den Reisenden auch vor, dass sie das Geschäft ihres Lebens machen, wenn sie einem Lieferanten noch eine vierstellige Summe geben, damit er eine Ware aus dem Zoll abholen kann“, sagt der Beamte. Mit solchen hanebüchenen Geschichten habe er täglich zu tun. Dann muss er wieder rein, weiterarbeiten.

Zwischen dem ersten Ferientag und Sonntag erwarteten die Flughäfen Schönefeld und Tegel rund 2600 Abflüge und Ankünfte mit 350.000 Fluggästen. Das ist ein Passagierzuwachs von 4,4 Prozent im Vergleich zum Ferienbeginn 2014. Hauptreiseziele sind in diesem Jahr Spanien, Italien und die Türkei. Seit Sommerbeginn verbinden 70 Airlines Berlin und Brandenburg mit 163 Zielen in 51 Ländern. „Wir planen für den Ferienbeginn erstmal mit dem Personal, das wir haben. Es stehen aber noch Mitarbeiter zur Verfügung, die wir zusätzlich einsetzen können, falls nötig“, sagt Lars Wagner, Sprecher des Flughafens.

Vom Bodenpersonal, von Zollbeamten und Sicherheitsleuten ist überwiegend zu hören, dass seit Jahren kaum Personal aufgestockt werde, obwohl die Belastung am Flughafen jedes Jahr um mindestens fünf Prozent wächst. Knapp 183.000 Flüge hat Tegel 2014 abgefertigt, und das, obwohl der Flughafen nicht viel größer als ein Einkaufszentrum wirkt.

Ein guter Tag für die Taxifahrer

Vor dem Ausgang reiht sich ein Taxi in die lange Schlange der gelben Wagen ein. Der Fahrer steigt aus und beißt in eine Stulle. Macht er an diesem ersten Ferienwochenende das Geschäft seines Lebens? „Ein guter Tag ist das schon, ja“, sagt er. Allein am Vormittag sei er schon dreimal zum Flughafen gefahren. Er schätzt, dass er an diesem Tag „in einer ganz normalen Zehn-Stunden-Schicht“ auf 15 Fahrten kommen könnte. „Die Kollegen sind im Urlaub, deshalb ist die Konkurrenz gerade nicht so hoch.“ Es gebe viele Taxifahrer, die aus der Türkei oder Polen kämen und die jetzt, in den Schulferien, mit ihren Kindern in die Heimat fahren.

Am BVG-Automaten haben die beiden Engländer mit ihren Bierdosen mittlerweile Hilfe gefunden – beim Sicherheitspersonal. „Die Leute verwechseln uns und bitten um Hilfe“, sagt einer der beiden Aufpasser. Für sie läuft es an diesem Wochenende wie an jedem Montag- und Freitagmorgen, den Tagen, an denen in Tegel besonders viel los ist. Am meisten Probleme gebe es immer noch mit den verbotenen Flüssigkeiten im Sicherheitsbereich. „Seit 2006 darf man keine Flüssigkeiten über 100 Milliliter mit ins Handgepäck nehmen, das ist überall ausgeschrieben“, sagt einer der Sicherheitsmänner. „Aber die Touristen kommen immer noch mit Parfüm, Spirituosen und Getränken und ärgern sich dann, wenn sie es dalassen müssen.“

Kaum Verspätungen

In der Tat reicht die Schlange vor der Sicherheitskontrolle bei den Charterflügen im Bereich C an diesem Wochenende fünfmal um die Kurve und noch einmal durch die ganze Halle. Mittendrin steht ein junges Pärchen, es wartet seit 45 Minuten auf die Abfertigung nach Ulan Bator, die Hauptstadt der Mongolei. Auf der Reisemesse ITB sei ihnen das Gastland aufgefallen. „Wir reisen nur mit Rucksäcken, haben Zelte, Karten, GPS und sogar Solarpanels auf dem Rücken“, sagt Jens aus Prenzlauer Berg.

Vier Wochen haben er und seine Freundin Steffi sich Zeit genommen, um die Mongolei zu erkunden. „Wir trekken gern und lieben es, unabhängig zu sein“, sagt Steffi. Viel heißer als in der Abfertigungshalle in Tegel wird es in der Mongolei wohl auch nicht werden. Die beiden sind froh, dass sie drei Stunden vor Abflug gekommen sind. Nach eineinhalb Stunden Wartezeit vor dem Check-in und einer knappen Stunden vor den Sicherheitskontrollen bleibt am Ende nicht mehr viel Zeit vor dem Boarding.

Doch egal, ob nach Kos, Fuerteventura, Antalya, Mallorca oder Rimini – es kam an diesem Wochenende kaum zu Verspätungen der Flüge. Wieder einmal hat das Personal des Flughafens an diesem ersten Ferienwochenende möglich gemacht, was von Jahr zu Jahr unmöglicher scheint: das Wunder von Tegel.