Rias-Mast gesprengt

Hier sendete die "freie Stimme der freien Welt"

Ende eine Ära: Der ehemalige Rias-Sendemast in Britz ist gesprengt worden. Mit ihm verschwindet ein Stück West-Berliner Geschichte.

Nein, schön war sie wirklich nicht, die rot-weiß gestrichene Stahlgitterkon­struktion, die sich im grünen Britz in den Himmel reckte. Aber der ehemalige Rias-Sendemast ist ein gehörig wichtiges Stück West-Berliner Geschichte. Am Sonnabend wurde der 55 Tonnen schwere Turm, der mit seinen 160 Metern Höhe zu den höchsten Bauwerken der Stadt zählte, von einem Spezialistenteam gesprengt.

Keine gewaltige Explosion. Denn gesprengt wurde nicht der hohe, 1961 errichtete Mast, sondern gesprengt wurden zwei der vier Anspannseile, die ihn trugen. Durch die anderen beiden Stahlseile ließ sich der Mast dann kippen und landete planmäßig auf einer grünen Freifläche. In den kommenden Tagen wird das Turmgerüst zerteilt und abtransportiert. Und mit ihm ein Zeuge aus der Zeit des Kalten Krieges.

Störsender-Angriffe aus Ost-Berlin

Denn die Britzer Anlage hat eine bewegte Geschichte. Von der Vorgänger-Sendeanlage am Britzer Damm aus ging am 4. September 1946 der Rias, der Rundfunk im amerikanischen Sektor, auf Sendung.

Sieben Jahre später war der zuvor noch etwas leistungsschwache Mast einer der leistungsstärksten Mittelwellensender Europas, mit dem jahrelang auch die Störsender aus Ost-Berlin überwunden werden mussten. Denn der Empfang wurde von der DDR systematisch gestört mit der Behauptung, die CIA wolle durch den Sender die DDR mit amerikanischer Propaganda überziehen.

Wegbegleiter der Berliner

Der junge Sender, der von 1946 bis 1993 zwei Hörfunkprogramme sowie von 1988 bis 1992 auch ein Fernsehprogramm ausstrahlte, wurde richtungweisend für die deutsche Rundfunkszene. Und steter Wegbegleiter der Menschen in Berlin.

Seit 1950 wurde vom Schöneberger Funkhaus in der Kufsteiner Straße an jedem Sonntag um 12 Uhr das Läuten der Berliner Freiheitsglocke vom Schöneberger Rathaus übertragen, gefolgt vom „Freiheitsgelöbnis“, das mit den Worten „Ich glaube an die Unantastbarkeit und an die Würde jedes einzelnen Menschen“ beginnt und von Schauspielern vorgetragen wurde.

Der erste Berliner Regierende Bürgermeister von Berlin, Ernst Reuter, initiierte 1948 die Sendung „Wo uns der Schuh drückt“, die bis 1978 von seinen Nachfolgern fortgeführt wurde. Die letzte Ausgabe ging am 6. Mai 1978 mit dem Regierenden Bürgermeister Dietrich Stobbe über den Sender. Das Motto des Rias war stets: „Eine freie Stimme der freien Welt.“

Friedrich Luft war „Die Stimme der Kritik“

Die 1948 zum ersten Mal ausgestrahlte Kabarettsendung „Die Insulaner“ von Günter Neumann wurde ebenfalls zum Dauerbrenner wie die Hörspielreihe „Damals war’s – Geschichten aus dem alten Berlin“ oder die Kindersendung „Onkel Tobias“ mit Fritz Genschow. Moderatoren wie Hans Rosenthal und Fred Ignor, John Hendrik und Lord Knut, Nero Brandenburg und Barry Graves, Gregor Rottschalk und Olaf Leitner prägten den Klang den Rias.

Und von 1946 bis zu seinem Tod 1990 begleitete der Theaterkritiker Friedrich Luft als „Stimme der Kritik“ wöchentlich die Berliner Bühnenszene – wie auch über viele Jahre als Theaterkritiker der Berliner Morgenpost, die ihm zu Ehren alljährlich den „Friedrich-Luft-Preis“ an herausragende Inszenierungen in Berlin verleiht.

Die Zukunft ist digital

Der Britzer Sendemast verbreitete das kulturelle und hochpolitische Rias-Programm weit über die Grenzen Berlins hinaus. Doch der Fortschritt hat den Turm überflüssig gemacht. Die Tage der Mittelwellenübertragung sind gezählt. Noch im Laufe dieses Jahres wollen die ARD-Anstalten ihre Mittelwellensender abschalten. Die Zukunft heißt Digitalradio.

Aufgrund von Schäden an der veralteten Technik musste der Betrieb in Britz 2007 eingestellt werden. Die endgültige Abschaltung erfolgte im September 2013. Nach Mitteilung der Hörfunkanstalt Deutschlandradio, in der 1994 auch der Rias aufgegangen ist, war die Sprengung notwendig, um „die Kosten für Instandhaltung und Sicherheitsmaßnahmen so niedrig wie möglich zu halten“.

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