Gesundheit

Die Berliner gehen oft zum Physiotherapeuten

Mehr Rückenleiden: Berliner Ärzte verordnen laut einer neuer Studie für fast 276 Millionen Euro Krankengymnastik und Massagen.

Foto: Monique Wüstenhagen / dpa-tmn

Vom Schreibtisch auf die Massagebank: Berliner sind nicht nur „Sitzenbleiber“, sie nutzen auch immer häufiger Therapien wie Krankengymnastik, Ergotherapie oder Massagen.

Laut einer Mitteilung der Techniker Krankenkasse Berlin und Brandenburg (TK) haben die niedergelassenen Ärzte der Hauptstadt im vergangenen Jahr Heilmittel für die Therapien im Wert von fast 276 Millionen Euro verordnet. Das entspreche im Vergleich zum Vorjahr einem Anstieg um 23,3 Millionen Euro, berichtet die TK und bezieht sich dabei auf Zahlen des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) im Auftrag der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin.

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Nach dem GKV-Bericht 2014 wurden umgerechnet jedem gesetzlich Versicherten in Berlin Heilmittel im Wert von 96 Euro verschrieben. Das ist der dritthöchste Wert im Vergleich der Bundesländer – Spitzenreiter ist Hamburg mit durchschnittlich 108 Euro pro gesetzlich Versicherten vor Sachsen mit jeweils 105 Euro.

Mehr Erkrankungen des Bewegungsapparates

Der Anstieg hängt offensichtlich auch mit der Zunahme von Erkrankungen des Bewegungsapparats zusammen. „Jeder fünfte Fehltag (18,7 Prozent), der 2014 in Berlin erfasst wurde, ist der Diagnosegruppe ,Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes’ zuzurechnen. Das sind umgerechnet 3,1 Krankschreibungstage pro versicherter Erwerbsperson“, teilte TK-Pressereferent Lennart Paul am Freitag mit.

Wie Paul betonte, gehe es dabei aber nicht nur um Rückenschmerzen. Wobei diese Diagnose laut TK 2014 in Berlin durchschnittlich einen Krankschreibungstag pro versicherter Erwerbsperson ausmachte. Paul wertet dies unter anderem auch als Folge der sitzenden Tätigkeit vieler Hauptstädter.

Jeder Deutsche verbringt mehr als sieben Stunden sitzend

Auch bei der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) Berlin wird der deutliche Anstieg an Physiotherapie-Verordnungen mit der Zunahme an Leiden des Bewegungsapparats erklärt: „Wir haben bereits in unserem Gesundheitsbericht 2014 festgestellt, dass wir neben der Zunahme psychischer Erkrankungen auch immer mehr Muskel-Skelett-Erkrankungen registrieren, was sicher auch dem täglichen Sitzen geschuldet ist“, sagte Frank-Rainer Quander der Berliner Morgenpost.

So verbringt jeder Deutsche im Durchschnitt mehr als sieben Stunden an Werktagen im Sitzen, wie bereits Anfang des Jahres im Gesundheitsreport der Deutschen Krankenversicherung (DKV) veröffentlicht wurde.

„Die Berliner nehmen solche Leistungen auch in Anspruch“

DAK-Sprecher Quander betonte am Freitag aber auch, dass nicht nur die Rückenprobleme der Berliner auf hohem Niveau seien, sondern die Hauptstädter auch selbstbewusst darauf achteten, „solche Leistungen wie beispielsweise Physiotherapie in Anspruch zu nehmen.“

Konkrete Zahlen zum Anstieg der Verordnungen im vergangenen Jahr konnten von der DAK noch nicht genannt werden. Auch bei der AOK Berlin werden die Zahlen für 2014 gerade zusammengestellt und voraussichtlich Ende August veröffentlicht, wie der Sprecher der AOK Nordost mitteilte.

Auch bei der AOK hatten die Zahlen 2013 ergeben, dass in Berlin jeder fünfte aller gemeldeten Arbeitsunfähigkeits-Tage auf sogenannte Muskel-Skelett-Erkrankungen entfällt. Im Gesundheitsbericht 2013 der AOK Nordost waren allein in der Hauptstadt 2,8 Millionen Krankheitstage gelistet, davon 20,1 Prozent aufgrund Muskel-Skelett-Erkrankungen.

Neben Bewegungsarmut spielt auch Stress eine Rolle

„Dabei muss allerdings auch berücksichtigt werden, dass neben dem Sitzen, möglicherweise verbunden mit nicht rückengerechten Arbeitsplätzen, auch andere Faktoren wie Stress oder auch das jeweilige Freizeitverhalten der Arbeitnehmer für die Erkrankung verantwortlich sein können“, so Sprecher Marcus Juhls.

Mit der der zunehmend alternden Gesellschaft steigt der Bedarf an Therapien

Die Physiotherapeuten selbst sehen neben den genannten auch noch demografische Gründe für die Entwicklung. So betont der Landesverbund Nord-Ost der Deutschen Physiotherapeuten, „dass in unserer stärker alternden Gesellschaft natürlich auch der Bedarf an solchen Therapien entsprechend steigt“.

Wie Rainer Großmann, Vorstandsmitglied im Verbund der Physiotherapeuten sagte, dürfe man beim Blick auf die gestiegenen Verordnungen eins nicht vergessen: „Die Therapeuten der unterschiedlichsten Fachrichtungen leisten eine wichtige Arbeit zum Erhalt der Gesundheit in unserer Gesellschaft.“

Konservative Therapien können helfen, teure Operationen zu vermeiden

Darüber hinaus würden mit den konservativen Therapien oft Folgekosten, erhöhter Pflegebedarf oder teilweise auch teure Operationen vermieden werden.