Berlin

„Klick muss es machen“

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Isabel Metzger

Eine Berliner Plattform bringt bei Speed-Datings WG-Bewohner und Bewerber zusammen

Speed-Datings für die große Liebe laufen normalerweise im Minutentakt ab. Schnell an einen Zweier-Tisch setzen. Gesichtskontrolle. Gemeinsame Interessen abklopfen: Gehst du gerne aus? Vegetarier oder Fleischesser? Findest du Kinder okay? Ein letzter prüfender Blick, klingeln, weiter. Eine Berliner Plattform für Wohnungsgesuche, Dream­flat, hat das Prinzip kopiert: Statt Liebespärchen sollen die „Roommate-Speed-Datings“ in der Hauptstadt WG-Bewohner zusammenführen.

Die Uhren ticken hier nur etwas langsamer. Gespräche finden über zwei Stunden bei Feierabendbier in Berliner Kneipen statt. Etwa einmal im Monat lädt die Plattform über Facebook Zimmersuchende und -anbieter zu den Treffen ein. Die Teilnahme ist kostenlos. „Zwischen 30 und 40 Leute kommen meistens an einem Abend“, sagt die Ko-Organisatorin Talitha Brauer. Studenten, Startup-Gründer, junge Berufstätige, darunter viele Ausländer ohne Kontakte in Deutschland, die kurzfristig eine Bleibe in der Hauptstadt suchen.

Oft haben es die Beteiligten ziemlich eilig. Zum Beispiel Irene Berg, 31, die an diesem Freitagabend in Kreuzberg im Biergarten Birgit&Bier gestrandet ist. Noch etwas unschlüssig steht sie zwischen anderen Neuberlinern. Zwei Jahre ist sie durch Mittelamerika gereist. Vor wenigen Tagen ist sie wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Seitdem lebt sie im Bauwagen einer Freundin in Treptow. Keine Dusche, kein fließendes Wasser. „Nachts wird’s da ziemlich kalt“, sagt sie. Hohe Ansprüche an eine Wohnung hat sie nicht. „Für mich muss es jetzt einfach schnell gehen“, sagt Irene. „Und bei den normalen WG-Castings ist das oft ein richtiger Kampf.“ Von einer Wohnung zur anderen ziehen, das findet sie anstrengend.

Ob sie heute leichter fündig wird? Gut 20 Leute haben sich inzwischen hinter den Containern versammelt und suchen mit ihren Augen. Auf den meisten T-Shirts klebt ein Sticker mit der Aufschrift „I need a room“. Bis 22 Uhr haben sie Zeit, die passende WG zu finden. Vereinzelt bilden sich erste Gruppen: in der Mitte Berliner, in deren Wohnung ein Zimmer frei wird. Meistens sind es Zwischenmieter, die gesucht werden. „Yannicko: Prenzlberg, 15.7.–1.10.“, oder „Danny: Neukölln, 1.8.–1.2.“ Sieben Wohnungsangebote sind auf die Berlin-Karte an einer Holzwand gepinnt. „Heute ist es etwas ruhiger als sonst“, sagt die Organisatorin Brauer, die gerade am Eingang an der Straße wartet, um die letzten Teilnehmer zur Sofaecke zu schleusen. „Im Vorsommer ist es hier noch voller. Da wollen die Austauschstudenten nach Berlin.“ Oder im Frühherbst, wenn der große Run der Erstsemester auf günstige Zimmer startet. Rund 170.000 Studierende sind laut Statistischem Bundesamt derzeit an Berliner Hochschulen eingeschrieben. Knapp 9500 Plätze stehen in den Wohnheimen des Studentenwerks bereit. Der Rest kämpft mit Berufstätigen um die besten Zimmer – übers Internet, Anzeigen am schwarzen Brett, in den Zeitungen. Auch einige Ausländer sind unter den Bewerbern. Ilsa Hellmann etwa, 29, aus Helsinki, die im Spätsommer an der Filmhochschule ihr Studium zur Filmregisseurin starten möchte. „Hier läuft die Suche etwas entspannter ab“, sagt sie und ist froh, gleich mehrere Bewerber an einem Ort anzutreffen. Trotzdem benötige sie nicht viel Zeit, um den richtigen Mitbewohner zu finden. Das sei wie mit einem Date: „Es muss Klick machen.“

Für 400 Euro monatlich ist das möblierte Zimmer in einer 7er-WG in Zehlendorf zu haben. „Superschöne Wohnung“, sagt Bewohnerin Anna-Lena Hendel. „Und der Preis ist voll okay. Man bekommt nicht nur ein Zimmer, sondern dazu noch zwei Seen und den Wald vor der Haustüre.“ Für Irene ist das Zimmer trotzdem zu teuer. Außerdem will sie lieber in eine Wohnung in Neukölln oder Kreuzberg. „Vielen liegt Zehlendorf zu weit ab vom Schuss“, sagt Anna-Lena. Auch Sebastian Miller, 21, gerade für den Beruf nach Berlin gezogen, ist sich noch nicht sicher. Er hat sich der Gruppe um Anna-Lena angeschlossen. „Eine Stunde Fahrzeit in die Innenstadt, das ist schon viel“, sagt er. Andererseits: Sebastian will nicht mehr lange suchen. Bis vor vier Wochen saß er noch in einem Büro in Bangkok. Seitdem wohnt er in einem Berliner Hostel. „Ein richtiges Loch“, sagt er. Hier dagegen: ein großes Bett, breite Fensterfront, Blick auf ein Villenviertel. Anna-Lena klappt ihren Laptop auf. „Das hier ist ein Bild von meinen Mitbewohnern nach einer Feier“, sagt sie. Lachende Gesichter, Faschingskostüme. „Wir sind eine bunte Mischung“, sagt die 21-Jährige. „Ein Iraner und ein Syrer wohnen bei uns. Das ist was für Leute, die kulturellen Austausch mögen.“ Und schnell fügt sie hinzu: „Aber wir können uns da auch auf Deutsch oder Englisch unterhalten.“ Nach einer halben Stunde sitzt Sebastian immer noch neben ihr. „Ich hoffe, dass ich mir die Wohnung ansehen kann“, sagt er. Anna-Lena: „Wir werden gemeinsam in der WG entscheiden, wie es weitergeht.“

Kurz vor 22 Uhr. Inzwischen ist Irene mit Regina und Franziska tief ins Gespräch verwickelt. In deren WG in Neukölln steht ein Zimmer leer: 320 Euro. Nur Zwischenvermietung, aber immerhin. „Unser Mitbewohner kommt im Februar wieder“, sagt Regina. „Du hättest bei uns Schreibtisch, Sofa und Regal im Zimmer.“ Aber um die Wohnung geht es sowieso schon gar nicht mehr. Die beiden jungen Frauen gehen am Wochenende auf ein Festival in Brandenburg. „Magst du auch Elektro?“ fragt die eine. Nummern werden getauscht. Für Irene sieht es gut aus.