Flüchtlingsunterkunft

Traglufthalle mitten in Berlin wird zur Dauerlösung

Am Berliner Hauptbahnhof steht eine Traglufthalle. Sie war als Provisorium für Flüchtlinge gedacht. Jetzt ist sie die letzte Rettung.

Die Traglufthalle in Moabit sollte eigentlich nur bis Ende Mai 2015 genutzt werden. Doch jetzt bleibt sie deutlich länger stehen

Die Traglufthalle in Moabit sollte eigentlich nur bis Ende Mai 2015 genutzt werden. Doch jetzt bleibt sie deutlich länger stehen

Foto: Amin Akhtar

Deutschland, das ist ein Luftschloss, das in sich zusammenfällt, wenn man die Tür zu weit aufreißt. Das ist das erste, was man denkt, wenn man vor der Notunterkunft für Flüchtlinge in Moabit steht und versucht, die Tür zu öffnen.

Es ist eine aufblasbare Traglufthalle, nur zehn Fußminuten vom Hauptbahnhof entfernt. Sie ist gar nicht so leicht zu finden. Nur ein zerbeultes Schild an einer Einfahrt weist den Weg. Ein Schleichpfad schlängelt sich vorbei an einem Tennisplatz, auf dem sich weißberockte Frauen an einem schönen Abend im Juli die Bälle zuspielen.

Bevor der Weg plötzlich einen Knick macht, sieht man auf der anderen Seite etwas glitzern. Eine silberne Außenfolie reflektiert das Licht der Sonne. Das ist sie also, diese Halle, über die in Berlin seit Monaten gestritten wird. Eine provisorische Halle für Flüchtlinge, die versucht, kurzfristig der Flut von Flüchtlingen Herr zu werden. Denn viele Notunterkünfte sind voll, die Unterbringung ist ein Problem. Also eine aufblasbare Halle.

Man denkt an ein luftgepolstertes Ufo

Wobei der Begriff Halle auf den ersten Blick gar nicht passt. Ein Dach wölbt sich über einer Fläche, die ungefähr so groß ist wie ein Fußballfeld ist. Man denkt an ein luftgepolstertes Ufo, das sich in dieser Gegend verirrt hat.

Menschen gehen ein und aus. Es sind junge Männer mit Flip-Flops, Trainingsanzügen und bunten T-Shirts. Sie sitzen rauchend auf dem Gummiboden oder stehen in Gruppen am Rand. Es ist ein bisschen wie auf dem Campingplatz. Nur, dass hier keine richtige Urlaubsstimmung aufkommen will.

Wie soll das auch gehen? Die Menschen sind ja nicht just for fun hier. Sie schlafen in einem riesigen Zelt - stopp, nein, es sind ja eigentlich zwei Zelte. Neben der großen Halle steht noch eine kleinere. Die kann man leicht übersehen.

Man möchte in die große Halle einfach so hineinspazieren, doch die Tür geht nicht auf. Da steht man nun wie bestellt und nicht abgeholt. Das hat seinen Grund.

Ein symbolträchtiges Bild

Die Traglufthalle hält sich nur durch Überdruck. Eine Schleuse mit zwei Türen trennt das Drinnen vom Draußen. Man kann immer nur eine Tür auf einmal öffnen. Sonst würde die Luft entweichen – und die Unterkunft in sich zusammensacken wie ein schlapp gewordener Ballon.

Das ist ein symbolträchtiges Bild, aber wie symbolträchtig versteht man erst, wenn man sich einen Tag und Teile einer Nacht darin aufgehalten hat. Mit dieser Halle ist es wie mit dem Bild, das sich die Bewohner von Deutschland ausgemalt haben. Es verliert den Zauber, je weiter man sich ihm nähert.

„Herzlich willkommen“ steht auf einer Tafel

Dabei ist der erste Eindruck ein positiver. Wow, denkt man, wenn man das Drehkreuz hinter der Schleuse passiert hat. „Herzlich willkommen“ steht da auf einer Tafel, „Welcome“ und „Salam Aleikum“. Und dann schweift der Blick durch die riesige Empfangshalle. Wie hoch sie ist! Sie hat ein bisschen was von einer Kathedrale. Und am Boden ein bisschen etwas von einem Loft in Berlin-Mitte, mit schweren Ledersofas wie aus einer Lounge.

Auf einem sitzt ein junges Paar, er in Badeshorts und Muscle-Shirt, sie im Strandkleid. Balkan-Flüchtlinge. Sie reden nicht miteinander, wie soll das auch gehen, wenn die ganze Zeit ein Radio dudelt. Beide starren angestrengt auf ihr Smartphone.

Den obligatorischen Kicker-Tisch, den gibt es auch. Nur, dass er nicht von Hipstern umringt ist, sondern von arabischen Jungs. Sie kloppen die Bälle mit Karacho ins Tor. Einige Figuren wurden schon mehrfach geflickt, die Beine des Torwartes verschwinden unter einer dicken Schicht aus Tesafilm.

Übernachtende sind zu 70 Prozent Männer

Es ist kurz nach 19 Uhr, die Sonne ist gerade hinter dem Zelt verschwunden, da schwillt der Lärm noch ein bisschen an. Eine Gruppe von Flüchtlingen platzt plötzlich herein, mit Rucksäcken und leichtem Gepäck. Stimmengewirr. Die einen kommen vom Balkan, die anderen aus Syrien. Eine Sozialarbeiterin will ihre Daten aufnehmen. Doch von den Arabern spricht keiner englisch.

Die Flüchtlinge, die hier übernachten, sind zu 70 Prozent Männer. Die meisten kommen aus Syrien und dem Nahen Osten. Sie sind zwischen zwanzig und Mitte vierzig und noch fit genug, um die Strapazen einer wochenlangen Flucht zu überstehen.

Unter den Bewohnern sind aber auch Familien mit Kindern. Die Jungs und Mädchen haben Bilder von sich und ihrem Zuhause gemalt. Blühende Landschaften hinter Stacheldraht oder Blumen, die in den Himmel wachsen. Die Bilder hängen an der Wand in der Empfangshalle, die die Schlafkabinen für Familien von der Lounge trennt. Dünne Wände haben sie hier im Luftschloss Deutschland. Wände aus Spanplatten.

Mit viel Liebe zum Detail

Die Berliner Stadtmission hat diese Halle möbliert. Mit viel Liebe zum Detail, das merkt man, wenn man für länger bleibt. Es gibt Teppiche mit Straßenmuster in der Kinderspielecke, auf denen man Spielzeug-Autos fahren lassen kann. Und Regale voll mit Spielen und Büchern. An viele Kleinigkeiten wurde gedacht wie ausreichend Steckdosen in den Schlafkabinen. Die Farben sind bunt und freundlich.

„Wir haben den halben Ikea-Markt leergekauft, um die Halle so einzurichten, dass sie unseren Vorstellungen von einer angemessenen Unterbringung entsprach“, sagt Ortrud Wohlwend, die Pressesprecherin der Stadtmission. Die aufblasbare Halle ist eines von achtzig Projekten, mit denen sie Menschen am Rande der Gesellschaft auffängt. Eigentlich hat man also viel Erfahrung.

Viele sind traumatisiert

Doch diese spezielle Halle stellt auch die Stadtmission vor eine Herausforderung, daraus machen die Mitarbeiter keinen Hehl. Im Winter 2014 hatten sie schon eine kleinere Version als Notunterkunft und Nachtquartier für Obdachlose erprobt. Doch die Betreuung der Flüchtlinge, das war klar, erforderte mehr. Menschen aus allen Teilen der Erde auf Augenhöhe zu begegnen, die kein Wort deutsch und zum Teil nicht mal englisch sprechen, viele traumatisiert - wie soll das gehen?

Die Sozialarbeiterin vom Empfang hat sich Bilal aus der Küche als Dolmetscher geholt. Der Palästinenser ist Anfang zwanzig, er spricht englisch. Das ist ein Vorteil, wenn man sich in dieser Halle als ehrenamtlicher Helfer engagiert. Bilal weiß, wie es Ankömmlingen geht. Er kam selbst erst vor einigen Monaten nach Berlin. Auch er ein Flüchtling.

Die Sozialarbeiterin schenkt ihm ein Lächeln. Dann lotst sie die neuen Bewohner zu ihren Schlafplätzen, die Familien nach links, die alleinstehenden Männer in die kleinere Halle nebenan.

Eine Pufferlösung auf Zeit

Wenn es gehen muss, geht es auch. Irgendwie, das ist in dieser Geschichte eine wichtige Vokabel. Denn mit den Zahlen wächst auch der Druck. 13 000 Flüchtlinge waren 2014 nach Berlin gekommen, so viel wie noch nie zuvor. Doppelt so viele werden bis Ende dieses Jahres erwartet. Doch wohin mit den Menschen? In den sechzig Flüchtlingsheimen war kein Platz mehr. Der Wohnungsmarkt war so gut wie leergefegt. 9000 Appartements für Asylanten, mehr gab er nicht her.

In der Not nahm das für die Unterbringung von Flüchtlingen zuständige Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) schon Sporthallen in Beschlag. Doch auch hier regte sich Protest. Eltern und Vereine schrieben wütende Briefe. Im Luftschloss Deutschland gibt es vieles im Überfluss, aber eines nicht: genügend Hallen für den Schul-und Vereinssport. Außerdem war die Unterbringung in den Sporthallen mehr als notdürftig. Eine neue Lösung musste her.

Da brachte Berlins Sozialsenator Mario Czaja (CDU) die aufblasbare Traglufthalle ins Spiel - gegen den Widerstand der Opposition. Der „Caredome“, wie der Berliner Hersteller Paranet sein Patent nennt, war zwar um die Hälfte billiger als die Containersiedlungen, die das LaGeSo momentan plant. Aber konzipiert hatte sie der Hersteller für die rein gewerbliche Nutzung. Als Flugzeughangar in Afrika, als Tennishalle in Norwegen oder als Schwimmhalle in Kuwait.

Als reiner Puffer, so sei diese Notlösung gedacht. „Wenn an einem Tag mehr Menschen einen Asylantrag stellen, als die Behörde bearbeiten kann, können einige zwischenzeitlich in der Traglufthalle untergebracht werden“, sagte Czaja damals.

Halle bleibt bis April 2016

Von einer Verweildauer von zwei bis vier Tagen war in der Halle ursprünglich die Rede. Und davon, dass die Halle nur bis zum 31. Mai 2015 genutzt werden sollte. Inzwischen hat das LaGeSo den Vertrag mit der Stadtmission bis Ende April 2016 verlängert. Und Neu-Ankömmlinge bleiben bis zu 21 Tagen.

Daran muss man denken, wenn man jetzt mit Mustafa aus Kabine sieben eine Familienkabine anschaut. Drei Etagenbetten, ein Spind, ein Tisch, mehr passt nicht rein. Ein Bobbycar ist der einzige Hinweis darauf, dass hier auch Kinder schlafen.

Der Name Familienkabine ist auch ein bisschen irreführend. Denn Männer und Frauen müssen getrennt schlafen, so steht es in der Hausordnung. Wenn Mustafa, 36, seine Frau Amal und die drei Kinder besuchen will, muss er eine Kabine weiter gehen. „Ich darf aber nur zehn Minuten bleiben“, murrt er.

Imam lädt zum Fastenbrechen

Es ist eine Lösung, mit der keiner so richtig glücklich ist. Aber anders geht es nicht. Dem Wunsch nach Privatsphäre steht der Andrang entgegen, heißt es bei der Stadtmission. Der sei so groß, dass jedes Bett gebraucht werde. Und wie solle man einer Familie vermitteln, dass sie noch alleinreisende junge Männer in ihr Refugium lassen solle? Also ist es leichter, man trennt: Männer schlafen bei Männern. So bleiben Frauen und Kinder nachts untereinander.

Anruf bei Diana Henniges. Zusammen mit anderen hat sie die Initiative „Moabit hilft“ gegründet. Die Nachbarn geben Deutschunterricht, sie spielen mit den Kindern oder machen Ausflüge. Ein Angebot, das um so lieber angenommen werde, je länger die Flüchtlinge in dieser Halle bleiben müssen. In einer Halle, die gleichzeitig nur Durchgangsstation ist, die nicht erlaubt, sich dort irgendwie einzunisten. „Von einer Notunterkunft kann keine Rede mehr sein“, sagt die Flüchtlingshelferin. Dafür sei die Aufenthaltsdauer zu lang.

21 Uhr. Draußen hat es zu dämmern begonnen. Die Kinder sind verschwunden. Da taucht in der Empfangshalle ein bärtiger Mann in einem Kaftan auf. Es ist der Imam der benachbarten Moschee, Abdallah Hajir. Es ist Ramadan. Er lädt die Moslems zum Fastenbrechen ein.

Und zwei Dutzend von ihnen kommen mit. Es sind Männer wie Hisham Diab, 44, ein kleiner Mann mit müden Augen in einem stoppelbärtigen Gesicht. Der Familienvater aus dem Libanon hat seine Kabine in der kleineren Halle, dort, wo die alleinreisenden Männer untergebracht sind.

„Irgendeiner quatscht immer“

In der Mitte dieser Halle steht eine Holzbank unter einer Zimmerlinde. Doch um diese Zeit wirkt dieser Ort wie ausgestorben. Und wie gemütlich ist es dagegen in der Moschee mit ihren roten Teppichen, wo alle zusammen beten , die Männer vorne und die Frauen hinten, und wo sie noch bis spät in die Nacht auf einem Hof zusammenstehen und reden und lachen und essen, orientalisches Huhn mit Reis auf dem Teller, wie es Hisham gerne mag.

Als er gegen Mitternacht zurückkommt, wirkt er fast ein bisschen aufgekratzt. Schlafen, nein schlafen kann er nicht. Da sind diese Stimmen. In der kleinen Halle ist es zwar ruhiger als nebenan, doch wenn man wach liegt und grübelt, kann man sie hören. Hisham sagt: „Irgendeiner quatscht immer.“ Die Wände sind dünn.

Am nächsten Morgen trifft man ihn um acht Uhr beim Kaffee in der großen Halle. Weil Ramadan ist, ist er fast allein. Noch ist es angenehm kühl. Erst gegen Mittag, wenn die Sonne genau über der Halle steht, wird es drinnen fast genauso heiß wie draußen sein, ungefähr 35 Grad Celsius.

Der Tag schreitet voran. Khaled, 11, ein pummeliger Junge im Superman-T-Shirt, hat inzwischen ein feuerrotes Gesicht, doch die Hitze scheint ihn nicht zu stören. Mit seinen Freunden Omar und Rashid hat er Gummimatten in der Spielecke aufgetürmt. Lautes Gejohle beim Salto.

Leichter Uringeruch in den Toiletten-Containern

Khaleds Mutter Amal macht die Hitze dagegen mehr zu schaffen. Sie hat sich neben dem Gummiboden vor der Halle ein schattiges Plätzchen gesucht, eine hübsche Mittzwanzigerin , die trotz der Hitze Jeans und einen leichten Wollpullover trägt. Ihr Gesicht verschwindet unter einem Kopftuch.

Blass sieht sie aus. Seit sie in Berlin sei, habe sie kaum einen Bissen herunterbekommen, nur Obst, sagt sie. Und die hygienischen Verhältnisse? Amal verdreht die Augen. Ein leichter Uringeruch hängt in den Toiletten-Containern. Amal sagt, es sei nicht auszuhalten. Wenn sie auf Toilette müsse, laufe sie lieber 500 Meter bis zur nächsten Kneipe.

Mustafa, ihr Mann, wirft ihr einen besorgten Blick zu. Ihr ist schwindelig. Er ist gestern für sie in der Apotheke gewesen. Seither wissen sie, dass ihre Beschwerden nicht nur an dem Stress ihrer Flucht und dem Alltag in der Halle liegen. Amal, Mutter von drei Kindern, ist wieder schwanger.

Es ist ihr achter Tag im Luftschloss Deutschland, und Amal zählt die Tage bis zu ihrer Abreise. Es ist ein Leben in der Schwebe, daran wird sich in dieser Halle vorläufig nichts ändern. Der Bau einer festen Notunterkunft sei nicht geplant, heißt es beim LaGeSo. Man setze auf die vier neuen Container-Städte mit 1300 Betten, die derzeit in Steglitz, Marzahn und Lichtenberg entstehen. Im Luftschloss Deutschland bleibt also vorerst alles so wie es ist.

800 ehrenamtliche Helfer

Zumindest auf Beschwerden über die Hitze in der Halle will die Behörde aber akut reagieren. Schon in ein paar Tagen sollen die Hallen eine Klimaanlage bekommen, heißt es. Diana Henniges von Moabit würde es gerne glauben. Es falle ihr aber schwer, sagt sie. „Die Anlage ist uns schon vor Wochen versprochen worden.“

Viele helfen in der Halle mit. 800 ehrenamtliche Helfer arbeiten im Schichtdienst mit, darunter viele Studenten und Flüchtlinge.

Einer von ihnen ist Max, 26, ein Schlaks mit schulterlangem Haar und in Bermuda-Shorts. Wenn er erzählt, was die Helfer so alles machen, hat man eher den Eindruck: Es müssten noch viel mehr sein. Sie putzen. Sie schälen Kartoffeln. Sie räumen den Geschirrspüler leer. Sie begleiten Neu-Ankömmlinge in ihre Kabinen. Man kann sagen, dass der Betrieb ohne sie gar nicht funktionieren würde.

Max bekommt glänzende Augen, wenn man ihn fragt, was ihn an dieser Aufgabe reizt. Er hat im Kindergarten gearbeitet und will Hort-Erzieher werden. Jetzt liegt er mit zwei neunjährigen Mädchen aus Serbien auf der Wiese vor der Halle.

„Könnt ihr eigentlich auch auf einem Grashalm pfeifen?“, fragt er mit dieser tiefen Märchenonkelstimme. Und dann zeigt er den Mädchen einfach, wie das geht.

Später wird er sagen, er wisse nicht, ob ihn die Kinder verstehen. Doch genau das mache den Job so spannend. Die Kommunikation. Mit den Mädchen klappt das gut. Das eine oder andere Wort scheint tatsächlich hängenzubleiben. Plötzlich zeigt eines der beiden auf einen Busch und sagt: „Blume.“

Verständigung ist das A und O

Überhaupt, die Sprache. Verständigung ist das A und O. Der Türöffner für das Luftschloss Deutschland, wenn man so will. Es ist das erste, was die Bewohner lernen, wenn sie die Halle erkunden. Überall hängen Verbotsschilder mit Symbolen wie einer durchgestrichenen Zigarette an den Wänden. Es gibt aber auch Lerntafeln mit den Wörtern, die man unbedingt braucht, um sich im Paragraphendschungel dieses Irgendwie-Landes zurechtzufinden. Die Wörter „Kaffee“, „Kugelschreiber“ und „Tesafilm“ gehören dazu. Deutsch für Anfänger eben.

Man kann darüber schmunzeln. Aber andererseits ist es ja genau das, was viele Flüchtlinge an Deutschland mögen. Dass hier keiner durch die Maschen des sozialen Netzes rutscht, weil alles geregelt ist. Irgendwie. Genau das mag auch Dragana Duric so an Berlin. Sie ist eine zierliche Frau in Cargopants und weißer Bluse. Eine Serbin, die 2001 im Diplomatischen Dienst nach Berlin kam.

Der Job im „Caredome“ ist um einiges nervenauftreibender, sie versucht nicht, das zu beschönigen. Sie sagt, gerade sei ein 64-jähriger Mann aus Syrien angekommen, ohne Schuhe. Er hat ihr erzählt, er sei den ganzen Weg zu Fuß gelaufen, beinahe 4000 Kilometer. Seine Knie seien geschwollen gewesen, er habe sofort medizinische Hilfe gebraucht. Doch er kam ohne Krankenschein vom LaGeSo. Und in der Behörde war niemand mehr zu erreichen. Ein Grenzfall, aber in diesem Irgendwie-Land kommt so etwas häufiger vor. Dragana Duric telefonierte herum und schickte ihn im Taxi in die Notfallambulanz der Charité.

Alles hinter sich gelassen

Sie sagt, natürlich gäbe es auch Flüchtlinge, die die staatlichen Leistungen ausnutzten. Neulich zum Beispiel wollten Flüchtlinge aus Serbien mit dem Taxi zum Zahnarzt gebracht werden. Ob sie Zahnweh hätten, fragte Duric. Nein, sagten die Bewohner. Aber wo sie schon mal da seien, könne sich der Arzt ihr kaputtes Gebiss doch wenigstens mal anschauen.

Doch solche Fälle, sagt Duric, seien die Ausnahme. Man dürfe nie vergessen, dass man es mit Menschen zu tun habe, die alles hinter sich gelassen hätten. Einen Job, ein Zuhause. Freunde und Familie. Ein ganzes Leben. Die Zeit sei zu kurz, um jeden nach seiner Geschichte zu befragen. Schon deshalb verdiene es jeder, mit Respekt behandelt zu werden.

Duric ist eine von acht hauptamtlichen Mitarbeitern der Stadtmission. Zusammen betreuen sie 284 Bewohner. Das klingt erstmal gar nicht so schlecht, doch bedenkt man, dass sie den Laden in Ferienzeiten mitunter nur zu zweit am laufen halten, dann sieht es dramatisch aus.

Dabei liegt der Betreuungsschlüssel über dem Durchschnitt. Aber mehr gibt der Tagessatz eben nicht her. 27,18 Euro zahlt das LaGeSo der Stadtmission pro Flüchtling. Darin enthalten ist neben einer 24-Stunden-Betreuung auch die Security.

Ton wird da schon mal lauter

Die Security. Auch so ein heikles Thema. Sie sind so etwas wie die Türsteher zum Luftschloss Deutschland. Männer in Schwarz mit sehr kurzen Haaren. Um ihren Job sind sie nicht zu beneiden. Menschen kommen und gehen. Sie müssen aufpassen, dass keine ungebetenen Besucher das Drehkreuz passieren. Sie müssen aber auch eingreifen, wenn es mal eine Schlägereien gibt oder Bewohner mit Drogen erwischt werden.

Der Ton wird da schon mal lauter. Hisham Diab bekommt das zu spüren. Es ist sein letzter Tag in der Traglufthalle, nach dreizehn Tagen muss er „auschecken“, so heißt das im Jargon der Stadtmission. Es klingt eher nach Hotellerie denn nach Notunterkunft, auch das gehört zur Willkommenskultur der Stadtmission.

Doch die Jungs von der Security passen nicht so recht in dieses Bild. Sie bellen Befehle. Sie geben knappe Anweisungen. Der Grat zwischen Ordnung und Bevormundung ist mitunter schmal.

Hisham Diab möchte vor seiner Auschecken noch eine Zigarette vor der Tür rauchen, doch sie lassen ihn nicht. Draußen warten schon die nächsten Ankömmlinge. Er soll seinen Rucksack holen und gehen. Und zwar sofort.

Diab macht, was sie ihm sagen. Er widerspricht nicht. Ihm fehlt die Kraft. Später, als man sich mit ihm draußen auf eine Bank im Schatten setzt, erfährt man, warum. Er zieht seine Trainingsjacke aus und entblößt seinen Oberkörper. Er steckt in einem Korsett.

Notfalls wird im Park geschlafen

Aus einer Klarsichthülle zieht er einen Arztbericht. Ende Juli wird er operiert. Es sei die Bandscheibe, sagt er. Vielleicht ist es auch das Heimweh. Es ist jetzt einen Monat her, dass er seine Frau und die drei Kinder in einem Flüchtlingslager im Libanon verließ, um sich nach Berlin durchzuschlagen, zu Fuß und mit dem Zug.

Er hat Angst. Noch weiß er nicht, wo er die nächsten Nächte schlafen soll. Er hat Hostel-Gutscheine bekommen. Aber die Hostels, die er schon abgeklappert hat, waren angeblich schon belegt.

Diab ist niedergeschlagen. Aber er will sich nicht beschweren. Er sagt, irgendwo werde er schon unterkommen. Notfalls schlafe er im Park. Seine Familie wird davon nichts erfahren. „Mir geht es gut“, whatsappt er seiner siebenjährigen Tochter Salem. „Deutschland ist wunderbar, bitte kommt schnell!“ Noch ein Blick zurück auf die Halle, die jetzt wie ein Elefant in der Sonne döst. Dann setzt Diab seinen Rucksack auf und geht.