Freibad in Berlin

"Jetzt stürmen wir den Sprungturm" - Ein Tag im Columbiabad

Gewalt in Berliner Sommerbädern: Polizei und Bäderbetriebe sind ratlos, wie sie die Ordnung wieder herstellen können. Eine Reportage.

Am Sonntag wurde nach einer Massenschlägerei zwischen 60 Personen das Columbiabad in Berlin Neukölln geräumt.

Am Sonntag wurde nach einer Massenschlägerei zwischen 60 Personen das Columbiabad in Berlin Neukölln geräumt.

Foto: Theo Schneider / Theo Schneider / Demotix

Eine Glasflasche, ein Schweizer Taschenmesser, an die zehn Obstmesser. In dem Karton am Eingang des Columbiabads landet, was der junge Mann mit Stoppelbart und dem Aufdruck "Sicherheit" auf seinem schwarzem T-Shirt den Badegästen abnimmt. "Heute ist es ruhig", sagt er.

Eine Schlange von rund 30 Menschen schiebt sich an ihm vorbei in Richtung Kasse. Kontrolliert wird niemand. "Wir erkennen schon, wer Stress macht", sagt der Sicherheitsangestellte. Trotzdem: Auch an diesem Dienstag muss die Polizei anrücken. Ein Kamerateam des RBB fühlt sich bei Dreharbeiten von minderjährigen Badegästen bedroht und lässt die Polizei rufen, es kommt zu Tumulten auf der Wasserrutsche.

Heute ist es ruhig – im Vergleich zum vergangenen Sonntag. 37 Grad im Schatten, drückende Luftfeuchtigkeit, 7000 Badegäste. "Testosteron und Hitze, das verträgt sich nicht", sagt Matthias Oloew, Pressesprecher der Berliner Bäder. Um 17.15 Uhr entlud sich die explosive Mischung: Massenschlägerei. 60 Menschen waren beteiligt, das Bad wurde geräumt, die Polizei ermittelt wegen Landfriedensbruchs. In der Nacht versuchte dann jemand in das Kassenhäuschen einzubrechen, auch am Montag blieb das Bad deswegen geschlossen.

Als Bankrotterklärung für den Freibadbetrieb bezeichnet Oloew die Vorfälle der letzten Tage. "Freibäder sind ein Ort der Freiheit. Wenn wir nur noch mit Körperscannern und behelmten Truppen für Sicherheit sorgen können, dann ist es mit der Freiheit vorbei." Man tue, was man kann. Über ein Dutzend Wachleute sind allein im Columbiabad im Einsatz. Konfliktlotsen des Programms "Cool am Pool" schlichten Streitereien, und die Bademeister versuchen mit ihren Megafonen Ordnung ins Gewusel am Beckenrand zu bringen.

Polizei kommt im Notfall

"Wir können nur an die Vernunft appellieren", sagt Oloew. Wenn die Vernunft aussetzt, rückt die Polizei an. Am Sonntag einmal, am Dienstag zweimal. Wenigstens haben es die Beamten aus der Polizeidirektion 5, Abschnitt 52 nicht weit. 1,8 Kilometer den Columbiadamm runter, drei Minuten dauert die Fahrt. Würde mehr Polizeipräsenz helfen?

"Das wäre kontraproduktiv", sagt Heidi Vogt, Sprecherin der Berliner Polizei. Es werde keine verstärkten Polizeimaßnahmen im Columbiabad geben, auch keine regelmäßigen Patrouillen von Zivilpolizisten. "Hier sind die Bäderbetriebe gefragt. Wir kommen nur, wenn der Sicherheitsdienst nicht mehr Herr der Lage ist", sagt Vogt.

Am Dienstagnachmittag sieht alles nach einem ganz normalen Tag im Columbiabad aus. 2800 Gäste sind da, 25 Grad Wassertemperatur, 32 Grad in der Luft. Am Eingang nehmen zwei Polizisten mit schusssicheren Westen und Pistolen an den Gürteln Personalien auf. Taschendiebstahl. In der Umkleidekabine redet ein Bademeister auf zwei Jungen ohne Eintrittskarten ein. "Ich lasse jetzt mal Gnade vor Recht walten", sagt er. Die zwei Jungen tragen Hawaii-Badehosen und lehnen an einem Tisch. Nein, sie seien nicht über den Zaun gesprungen. Nein, eine Anzeige wollen sie nicht. Ja, sie werden jetzt das Bad verlassen. Auf den Vorfall angesprochen möchte der Bademeister keine Angaben machen. "Wir wollen keine negative Berichterstattung", sagt er. Davon gab es in den vergangenen Jahren mehr als genug.

Das gefährlichste Freibad Berlins

Das Columbiabad gilt als das gefährlichste Freibad Berlins. Mal wird am Beckenrand gepöbelt, mal kommt es zu Schlägereien am Sprungturm. Laut Bäder-Sprecher Oloew verabreden sich die Jugendlichen über soziale Netzwerke: "Jetzt stürmen wir den Springturm." Immer wieder musste in den letzten Jahren geräumt werden. Allein zu Pfingsten vergangenen Jahres dreimal hintereinander. Jemand stellte damals ein Video auf YouTube, das zeigt, wie hilflos die Bademeister der pöbelnden Meute gegenüberstehen. Etwa fünfzig junge Männer belagern einen Bademeister, der versucht die Kontrolle zurückzugewinnen, schubst einen der Jugendlichen vom Brett, immer wieder rennen die Jungen an ihm vorbei und springen ins Wasser. Er wird angerempelt, dann schlägt einer mit einem Badelatschen zu. Ein Security-Mitarbeiter muss ihn aus der Menge eskortieren.

Der Eklat am Sonntag begann mit einer Schlägerei zwischen zwei Jugendlichen. Immer mehr Streitsüchtige kamen dazu, bis schließlich an die 60 Badegäste schrien und schlugen. Bis die Polizei eintraf, hatten sich die Beteiligten wieder auf das Bad verteilt.

Am Dienstagnachmittag haben die Bademeister die Lage noch im Griff. So weit das geht.

Unter dem Sprungturm wuseln an die zwanzig Jugendliche, schubsen, lachen, schreien. Saltos, Bauchklatscher. Wenige Meter entfernt sitzt der Bademeister. Er trägt sein rotes Shirt körperbetont und die Sonnenbrille auf die kurz rasierten Haare gesteckt. Auf seiner Aussichtsplattform lehnt er im Bürostuhl, baut sich immer wieder am Geländer auf. Er schwenkt sein Megafon hin und her, immer zum aktuellen Krisenherd. Ein greller Pfeifton ertönt, seine Stimme scheppert über die beiden Becken.

"Sportsfreund, runter von der Leiter, erst wenn das Brett frei ist."

"Komm mal zum Bademeister."

"Hey! Kollege, keine Rempeleien am Beckenrand."

"Hallo. Du am Dreimeterbrett. Ja du. Du kommst jetzt da runter."

Gedränge in der Hitze

Die ständigen Mahnungen dröhnen bis zur Liegewiese. Dort sitzen Ali und Julia Lemhamad unter einem Sonnenzelt. Sie sind mit ihren zwei Kindern hier, picknicken mit Plastikbesteck. Immer wieder kreuzen Sicherheitsleute mit Funkgeräten in der Hand die Wiese. Familie Lemhamad war auch am Sonntag hier. Kurz bevor es zur Schlägerei kam, seien sie gegangen. Ein wenig Angst habe Julia schon. Sie werden trotzdem weiter kommen. "Wir wohnen hier in Neukölln, die Kinder mögen das Bad wegen der Rutsche und des Kinderbeckens", erklärt sie.

Ali hat einen Stöpsel vom Smartphone-Kopfhörer im Ohr, der andere hängt an seiner stark behaarten Schulter herunter. Er deutet zum Imbissstand. "Am Sonntag musste ich da 45 Minuten für ein Getränk anstehen." Wenn dazu die Sonne runter knalle, wenn das Bad derart überfüllt sei, wenn Rempeleien vorprogrammiert seien, dann sei es nur eine Frage der Zeit, bis einer die Nerven verliert. "Die sollten mehr Securitys einstellen, mehr Imbissbuden bauen, besser kontrollieren", sagt Ali Lemhamad.

Bäder für die Massen

Bäder-Sprecher Oloew winkt da mit Blick auf die Kassen ab. Noch mehr Sicherheitspersonal könne man sich nicht leisten. Für zwei bis drei Tage mit extremer Hitze, an denen das Bad wie am Sonntag hoffnungslos überfüllt ist, würde es sich nicht lohnen, in eine Erweiterung der Infrastruktur zu investieren.

Auch die Forderungen der Polizeigewerkschaft nach einer Maximalbelegung der Bäder weist Oloew zurück. Die Bäder seien für den Massenbetrieb gebaut worden. Und: "Wenn wir den Eingang zumachen, dann verhindern wir vielleicht einen Tumult im Bad, provozieren aber einen vor der Tür."

Oloew betont: Es handle sich um Ausnahmefälle an Tagen mit extremen Besucherzahlen. 180.000 Besucher seien am Wochenende in die Berliner Bäder gekommen, nur 60 davon seien ausgeflippt. Von der Wirkung des Freiwilligenprogramms "Cool am Pool" ist Oloew überzeugt. Es sei auch den Konfliktlotsen zu verdanken, dass es nicht öfter zur Eskalation komme.

Am Dienstagabend, kurz bevor das Bad geschlossen wurde, filmte ein Team des RBB auf dem Freibadgelände. Jugendliche sprangen vor der Kamera auf und ab, spritzten Wasser, stürmten die gesperrte Rutsche. Irgendwann fühlten sich die Journalisten durch die Sicherheitskräfte nicht mehr ausreichend geschützt. Zum zweiten Mal an diesem Tag musste die Polizei auf das Gelände. Diesmal mit mehr als einem Dutzend Beamter. Bilanz des Tages: Ein Taschendiebstahl und drei Anzeigen wegen versuchter Körperverletzung, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch.

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