Beruf

Noch Tausende Ausbildungsplätze in Berlin frei

In Berlin gibt es noch über 6500 unbesetzte Ausbildungsplätze - das ist mehr als die Hälfte der angebotenen Stellen.

Angehende KFZ-Mechatroniker  in der Lehrwerkstatt

Angehende KFZ-Mechatroniker in der Lehrwerkstatt

Foto: Waltraud Grubitzsch / dpa

Nur noch acht Wochen, dann beginnt das neue Ausbildungsjahr. Von den 12.089 in Berlin gemeldeten Ausbildungsplätzen sind bisher allerdings 6554 noch immer nicht besetzt. Das sind mehr als die Hälfte und 173 unbesetzte Stellen mehr als im vergangenen Jahr um diese Zeit.

Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg, warnte am Montag angesichts dieser Entwicklung vor einem dramatischen Fachkräftemangel. „Bis 2020 könnte sich die Lage deutlich verschärfen. In diesem Zeitraum gehen sehr viele gut ausgebildete Facharbeiter in Rente“, sagte er am Montag auf einer Pressekonferenz.

Branchen starten Kampagnen

In den vergangenen Jahren hätten sich immer mehr Schulabgänger für ein Studium interessiert. „2014 gab es bundesweit erstmals mehr Studienanfänger als neue Auszubildende“, sagte Amsinck. Das sei auch in Berlin und Brandenburg so gewesen. In Berlin sei die Zahl der Schulabgänger, die sich um eine Ausbildung beworben haben, deutlich gesunken – von 37 auf 29 Prozent.

Verbände und Unternehmen versuchen nun verstärkt, die Jugendlichen mit verschiedenen Kampagnen für eine Ausbildung zu begeistern. Sie nutzen Social-Media-Kanäle, Informationsportale im Internet, Schulprojekte und Praktika-Angebote. „Born2BTischler“ heißt es etwa auf einer Werbeaktion der Tischler- und Schreiner-Innung. Die Baustoffindustrie wirbt mit „Rockstars gesucht.“

Berufsbilder und Karrierechancen

Die Metall- und Elektroindustrie ist mit einem Info-Truck unterwegs, der moderne Technik an Bord hat, um an Schulen über Berufsbilder und Karrierechancen in der Branche zu informieren. Das Projekt „Berlin braucht Dich“, will Jugendliche mit ausländischen Wurzeln für eine Ausbildung in der Metall- und Elektroindustrie werben.

Für leistungsschwächere und sozial benachteiligte Schüler wird 2015/16 erstmals eine assistierte Ausbildung angeboten. Sie werden während ihrer Lehrjahre von Betreuern unterstützt. In Berlin gibt es außerdem das Netzwerk für Ausbildung – Coaches helfen Jugendlichen mit schlechten Voraussetzungen auf dem Weg ins Berufsleben. In den vergangenen zehn Jahren sind so 2500 junge Menschen in eine Ausbildung gebracht worden, die Hälfte davon mit Migrationshintergrund.

Schließlich werden auch die Lehrausbilder fortgebildet. In speziellen Seminaren lernen sie, besser mit den Schulabgängern zu kommunizieren. „Es geht um ein größeres gegenseitiges Verständnis. Die Jugendlichen müssen heute anders angesprochen werden als Erwachsene“, sagte Julia Gustavus, Geschäftsführerin der Maler- und Lackiererinnung Berlin.

Lieber nicht per Whatsapp krankmelden

Die Jugendlichen würden zum Beispiel andere Kommunikationswege nutzen und sich per Kurznachricht krank melden. Außerdem seien sie es gewohnt, viele Alternativen zu haben. Im Geschäftsalltag sei das aber nicht immer möglich, da müssten Sachen auch mal durchgezogen werden. „Insgesamt gilt es, eine Betriebskultur zu etablieren, mit der alle leben können“, so Gustavus.

Die Maler- und Lackierer-Innung bietet außerdem fachspezifische Nachhilfe für Azubis sowie Kurse in Technischer Mathematik an. „Diese Kurse finden allerdings am Sonnabend statt“, sagte Gustavus.

Der Geschäftsführer der Unternehmerverbände Berlin-Brandenburg, Alexander Schirp, wies darauf hin, dass es Ausbilder inzwischen mit sehr unterschiedlichen Azubis zu tun hätten. „Die sind nicht mehr alle 16 und wohnen noch zu Hause“, sagte er. Es gebe 25-jährige Studienabbrecher und ältere Arbeitslose, Migranten mit Sprachschwierigkeiten und die klassischen Schulabgänger. Die Lerngeschwindigkeit all dieser Auszubildenden sei sehr unterschiedlich.

Darauf müssten sich auch die Berufsschulen einstellen. Sowohl Amsinck als auch Schirp forderten in diesem Zusammenhang eine bessere Ausstattung der Berufsschulen mit moderner Technik und deutlich mehr Lehrern. Viele Lehrer würden in den kommenden Jahren in Pension gehen, sagte Amsinck. Schon jetzt würde viel Unterricht ausfallen oder fachfremd vertreten werden müssen. Die Einstellung von mehr Lehrern und mehr Quereinsteigern sei nur ein Teil der Lösung.

Schülerzahlen steigen

Als positiv bewerteten die Vertreter der Unternehmen den starken Zuzug nach Berlin. Derzeit würden pro Jahr rund
45.000 Menschen in die Hauptstadt ziehen. „Bis 2026/27 wird es in Berlin gut 30 Prozent mehr Schulabgänger geben.“ Das Potenzial an künftigen Fachkräften steige. Für die Unternehmen sei das eine gute Nachricht, so Amsinck.

Angesichts der vielen freien Ausbildungsplätze rief Amsinck die Schulabgänger auf, sich jetzt schnell bei den Ausbildunsplatz-Börsen und Arbeitsagenturen nach freien Stellen zu erkundigen. „Wer das tut, hat gute Chancen, noch rechtzeitig einen Vertrag zu unterschreiben“, sagte er. Gut für die Schüler sei, dass die Unternehmen in Berlin wie in Brandenburg deutlich mehr Ausbildungsplätze anbieten würden als 2014. „In Berlin lag das Plus bei 2,8 Prozent“, so Amsinck. Die Schulabgänger hätten eine große Auswahl.