Yoga-Cycling

Im Selbstversuch - So funktioniert Fahrrad-Yoga in Berlin

Das Tempelhofer Feld wird vielseitig genutzt. Berliner absolvieren dort Fahrrad-Yoga. Unser Autor wagt den Selbstversuch.

Martin Nejezchleba (goldenes Rad) lernt auf dem Tempelhofer Feld Yoga-Cycling, das Heinrich Strößenreuther (l.) erfunden hat und Yogalehrerin Nadezda Agapova (Shorts) erklärt

Martin Nejezchleba (goldenes Rad) lernt auf dem Tempelhofer Feld Yoga-Cycling, das Heinrich Strößenreuther (l.) erfunden hat und Yogalehrerin Nadezda Agapova (Shorts) erklärt

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Heute werde ich zu einem besseren Fahrradfahrer. Einer, der entspannt durch das Gewusel auf den Straßen gleitet. Einer, der sich jeder Muskelbewegung bewusst ist, einer, der mit einem Lächeln im Büro ankommt. Ich mache Yoga – und zwar auf meinem Fahrrad. Eine Stunde Yoga-Cycling habe ich hinter mir. Ich habe gelernt, meinen Atem und meine Fußbewegung in rhythmische Harmonie zu bringen, meine Rücken zu strecken, ohne mich anzuspannen. Und ich kann die "Taube". Auf meinem Fahrradlenker.

Eigentlich bin ich das Gegenteil des Fahrradfahrers, der ich sein möchte. Ich fahre immer zu spät los. Damit ich doch noch pünktlich ankomme, weiche ich auf Gehwege aus, schüttele entnervt den Kopf, wenn wieder ein Autofahrer meinen Radweg zugeparkt hat, ich drohe mit erhobenem Arm, schlängele mich zwischen Stoßstangen nach vorne an die Ampel und noch weiter.

Vier Pedaltritte Brustkorbblähen

Aber jetzt ist alles anders. Zehn Minuten mehr habe ich für meinen Weg zur Arbeit eingeplant. In der Kollwitzstraße ist Zeit fürs Bauchatmen. Ich blähe meinen Brustkorb auf, vier Pedaltritte lang, langsam lasse ich die Luft durch meine Zähne weichen, acht Tritte. Ich treibe die schattige Allee herunter. Am Senefelder Platz reißt mich ein Rattern aus der Tiefenentspannung: Kopfsteinpflaster.

Die Idee für ein Fahrrad-Yoga stammt von Heinrich Strößenreuther. Er stellt sich als Fahrrad-Aktivist vor, auf dem Tempelhofer Feld schüttelt er mir die Hand. Fünf Teilnehmer haben sich trotz der Hitze für den heutigen Kurs angemeldet. Die Sonne knallt erbarmungslos auf uns herunter, 37 Grad Celsius, 99 Prozent Luftfeuchtigkeit, gefühlt. Indische Bedingungen, denke ich. Ideal für meine erste Yoga-Stunde.

Heinrich Strößenreuther trägt an seinem karierten Hemd drei Knöpfe offen und eine Sonnenbrille. Er hat die App "Wegeheld" erfunden, deren Nutzer Falschparker auf Fahrradstreifen melden. Er organisiert Flashmobs, lässt Weihnachtsmänner Autos von Fahrradstreifen wegtragen, wo Fahrradstreifen fehlen, zieht er sie mit Rasierschaum nach. Egal was Strößenreuther sich ausdenkt, der Medienrummel ist groß. "Wer mit dem Rad zur Arbeit fährt, startet gut gelaunt in den Tag", erklärt er. Kommt drauf an, denke ich. "Wer Yoga auf dem Fahrrad macht, ist noch entspannter und erhöht damit die Sicherheit auf den Straßen." Steile These. Aber einen Versuch ist es wert.

Yoga als Teil des Alltags

Nadezda Agapova ist Yoga-Lehrerin, und man sieht es ihr an. Sie steigt auf ihr Fahrrad, streckt ihr rechtes Bein zwischen ihren Armen über den Lenker, das lange linke Bein hinterher. Mehr Sicherheit auf den Straßen? Strößenreuther klärt auf. Er selbst ist bei diesem Kunststück schon auf den Hintern gefallen. Die waghalsigen Nummern haben sie inzwischen aus ihrem Repertoire gestrichen. Als Strößenreuther ihr von seiner neuesten Idee erzählte, hat Agapova ihn für verrückt erklärt. Dann hat sie sich auf ihre Yoga-Matte zurückgezogen, meditiert. Den Gedanken, der ihr dabei kam, möchte sie allen Kursteilnehmern mitgeben: "Es ist wichtig, Yoga nicht nur in geschlossenen Räumen zu machen, wir müssen es in den Alltag integrieren." Vor einem Monat dann "Weltpremiere" auf dem Tempelhofer Feld.

Wir setzen uns unter eine Baumreihe am Rand des Flugplatzes. Eine türkische Familie hat sich um eine Grill versammelt, eine Gruppe junger Männer mit silbernen Hüten und nackten Oberkörpern springt im Kreis und grölt "Wir sind alles Hamburger Jungs", aus einem Lautsprecher der Sehitlik-Moschee ertönt eine Durchsage auf Arabisch. Und wir sollen lernen, wie man mit Körperspannung und Atemübungen innerliche Gelassenheit erreicht. Oberkörper aufrecht, Schultern nach unten drücken. Arme ausstrecken, ohne sie anzuspannen, die Finger spreizen.

Jetzt fahren wir in Formation das Rollfeld herunter. Ich lerne, mit dem rechten Bein zu treten und das linke völlig locker zu lassen. Dann umgekehrt. Und tatsächlich, ich fühle jetzt, dass ich zwei Beine habe, die ich bewusst bewegen kann. Plötzlich steht die Yoga-Lehrerin aus ihrem Sattel auf, hebt das rechte Bein vor den perfekt aufgerichteten Oberkörper, und lehnt es gegen die Lenker-Stange. Die Taube.

Agapova lächelt

Wir sitzen wieder im Schatten, Feedbackrunde. Thilo, Start-up-Gründer: "Das kann man schon mal machen." Aber bis er mit Yoga-Cycling zur inneren Ruhe findet, werde er noch üben müssen. Er möchte sich jetzt zu klassischen Yoga-Stunden anmelden. Agapova lächelt. Thea, 49, hat gerade einen doppelten Bandscheibenvorfall hinter sich. Sie will wiederkommen. Agapova lächelt. Ich lasse mir eine Übungsplan für meine Fahrt zur Arbeit zusammenstellen: Der Radlergruß, Streck- und Atemübungen, der Krieger, die Taube.

Am nächsten Tag rolle ich die Schönhauser Allee herunter. Die Ampel steht auf Grün, der Wind weht durch meine Haare. Warum nicht, denke ich. Ich richte mich auf, hebe mein Bein. Eine Taube auf einem goldenen Herrenrad gleitet über die Torstraße. Ich fühle die Freiheit. Ich krache über die Straßenbahnschienen, ein stechender Schmerz fährt in mein Schienbein. Leute blicken von ihren Frühstückstellern auf. Ich muss lachen. Dann donnert ein VW Polo – metallic-grün und tiefergelegt – von rechts um die Ecke. Ich will mich aufregen: Fahrradstraße, Mann! Dann denke ich: Alle sollten Yoga machen. Vor allem Autofahrer.

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