Pädagogen gesucht

Rund 400 Lehrer-Stellen in Berlin noch nicht besetzt

Für das neue Schuljahr muss Berlin 1330 Lehrer einstellen, 900 Einstellungsverfahren laufen, vor allem Grundschul-Fachkräfte fehlen.

1330 Lehrer braucht Berlin zum neuen Schuljahr

1330 Lehrer braucht Berlin zum neuen Schuljahr

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Knapp zwei Wochen noch, dann beginnen in Berlin die Sommerferien. Gelassen zurücklehnen kann sich Carsten Paeprer, Leiter der Neuköllner Hans-Fallada-Grundschule, allerdings noch nicht. „Zwei Lehrerstellen möchte ich gern noch besetzt wissen“, sagt er. Ein Musik- und ein Mathematiklehrer fehlen an seiner Schule. Paeprer ist nicht sicher, ob er die vor Schuljahresende noch einstellen kann.

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1330 Lehrer braucht Berlin zum neuen Schuljahr. Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), sagte der Berliner Morgenpost, dass gegenwärtig bereits 900 Einstellungsverfahren registriert sind. Ein Teil davon sei schon unterzeichnet, die anderen Verfahren würden gerade bearbeitet werden. „Täglich kommen Dutzende von neuen Einstellungsverfahren hinzu“, sagt Stoffers.

Pädagogen sind wählerisch

Insgesamt werden 2015 in der Hauptstadt rund 2000 neue Lehrer gebraucht. 720 davon sind bereits im Februar eingestellt worden. Zum Vergleich: 2014 wurden insgesamt 2670 Lehrer eingestellt. Etwa 60 Prozent der Bewerber kommen nicht aus Berlin, sondern aus anderen Bundesländern. „Die meisten Nicht-Berliner kommen aus Bayern“, sagt Beate Stoffers. Das seien rund 270 von insgesamt knapp 2000 Bewerbern mit Lehramtsbefähigung. Andere Bewerber kämen vor allem aus den Bundesländern Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen.

Carsten Paeprer, der auch Sprecher der Vereinigung der Berliner Schulleiter ist, betont, dass die Einstellungsverfahren inzwischen schneller und genauer ablaufen würden, als in der Vergangenheit. Trotzdem gebe es immer wieder Schwierigkeiten. So seien die Bewerber inzwischen ausgesprochen wählerisch. „Sie können immer noch abspringen, solange der Vertrag noch nicht greift.“ Nicht wenige würden das auch machen. Sie hätten schließlich eine große Auswahl, weil fast alle Schulen Lehrer brauchen. Für Schulen am Stadtrand oder auch für Brennpunktschulen sei es deshalb besonders schwer, Lehrer zu finden. „Dort wollen die meisten nicht unbedingt hin.“

Miriam Pech, Sprecherin der Vereinigung der Berliner Sekundarschulleiter, kann das bestätigen: „Viele Bewerber kommen am Ende doch nicht an der Schule an, für die sie ausgewählt worden sind.“ Beim Lehrer-Casting würden sie zusagen, sich danach aber umentscheiden. Die betreffende Schule würde dann mit der Suche wieder von vorn beginnen müssen. „Dieses Prozedere muss verbessert werden“, sagt Pech. Sie schlägt vor, dass die Lehrer sich eine Schule aussuchen sollen. Bisher ist es umgekehrt.

Problem Teilzeit-Arbeit

Die Planung der Schulleiter wird auch dadurch erschwert, dass sie erst spät erfahren, ob ein Lehrer voll arbeiten will oder lieber in Teilzeit – dies muss nicht vorab festgelegt werden. „Das wissen wir erst, wenn die Betreffenden den Arbeitsvertrag unterschrieben haben, manchmal sogar noch später“, sagt Carsten Paeprer. An seiner Schule würde die Hälfte des Kollegiums in Teilzeit arbeiten.

Paeprer nennt schließlich ein weiteres Problem. „Die meisten Stellen werden zwar besetzt, ob die eingestellten Lehrkräfte aber tatsächlich geeignet sind, das zeigt sich erst im Laufe des Schuljahres.“ Grundschulen hätten zunehmend das Problem, dass es nicht genügend ausgebildete Fachkräfte gibt. Bereits im vergangenen Schuljahr seien deshalb viele Quereinsteiger aber auch Studienräte an den Grundschulen eingestellt worden. Nicht alle seien für diesen Schultyp geeignet. „In Berlin werden viel zu wenig Grundschullehrer ausgebildet“, kritisiert Carsten Paeprer.

Die Sprecherin der Bildungssenatorin, Beate Stoffers, räumt ein, dass es schwer sei, alle offenen Stellen an den Grundschulen zu besetzen. „Wir müssen uns sehr bemühen“, sagte sie. Auch in diesem Jahr haben sich wieder viele Quereinsteiger für den Berliner Schuldienst beworben. Beate Stoffers dazu: „778 der Bewerber wären grundsätzlich geeignet.“ Der Quereinstieg sei in den Fächern Mathematik, Physik, Informatik, Chemie, Biologie, Musik, Sport, Wirtschaft-Arbeit-Technik sowie in allen sonderpädagogischen Fachrichtungen möglich, wenn keine Bewerber mit Lehramtsbefähigung mehr zur Verfügung stehen würden.

Miriam Pech und Carsten Paeprer warnen indes: Die Einstellung von Quereinsteigern sei ein riesiger Kraftakt für die Schulen, besonders für Grundschulen. „Diese Kollegen brauchen sehr viel Betreuung“, sagt Carsten Paeprer. Mehr als zwei bis drei Quereinsteiger könne eine Schule kaum verkraften.

Paeprer hat kürzlich sogar auf die Einstellung eines weiteren Quereinsteigers an seiner Schule verzichtet. Auch einen Oberschullehrer will er nicht einstellen. „Ich gehe lieber davon aus, dass sich doch noch eine Fachkraft findet“, sagt er.

Grundschullehrer fehlen

Dass in Berlin viele Grundschullehrer fehlen, macht die Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bildungspolitikerin Stefanie Remlinger deutlich. Demnach ist die Sprachförderung besonders betroffen. In diesem Bereich kann nur ein Fünftel der Stunden von einer dafür ausgebildeten Lehrkraft unterrichtet werden. In Mathematik liegt die Quote bei unter 60 Prozent. Das heißt, dass nur 20.000 von 35.300 Wochenstunden von Fachlehrern unterrichtet werden.

Besonders schlecht sieht es in Neukölln aus. An den Grundschulen in diesem Bezirk werden nur 17 Prozent des Sprachunterrichts von einer Fachkraft erteilt. Der Bezirk ist damit Berliner Schlusslicht. Angesichts der Tatsache, dass es dort viele Brennpunktschulen gibt mit einem hohen Anteil an Migrantenkindern, ist das ein großes Problem. In Friedrichshain-Kreuzberg wird nur knapp die Hälfte des Sprachunterrichts von Fachlehrern erteilt.