Kneipenkultur

Berlin verliert seine typischen Eckkneipen

Bier bis zum Abwinken und Rauchen erlaubt - so sieht die Berliner Eckkneipe aus. Doch die werden immer weniger.

Die Kneipe „Zum Magendoktor“ in Wedding ist eine der nur noch wenigen typischen Berliner Eckkneipen

Die Kneipe „Zum Magendoktor“ in Wedding ist eine der nur noch wenigen typischen Berliner Eckkneipen

Foto: Daniel Naupold / dpa

Cocktails auf Flohmarkt-Sofas statt gepflegtem Bier hinter Gardinen: Die Alt-Berliner Eckkneipe hat weitgehend ausgedient. Denn in der Gaststättenlandschaft der Hauptstadt verdrängen Bars und Szenekneipen für junge Kunden und Touristen weiter die Bierstube. „Die Eckkneipe ist fast nicht mehr präsent“, sagte Klaus-Dieter Richter, der Vizepräsident des Hotel- und Gaststättenverbands Berlin am Sonnabend. „Ihr Nachwuchs ist die Szenekneipe.“

Der Branchenexperte spricht von einem „Kulturwandel“ – mit einem Schönheitsfehler: Die für Wohngebiete typischen Alt-Berliner Eckkneipen verschwinden auch in Randbezirken, während die neuen Wirte sich besonders in der Innenstadt und entlang der Touristenströme niederließen.

Vor allem Bier, Rauchen erlaubt

Wie viele Kneipen es in Berlin gibt, ist unklar. Die Finanzämter, wo die Umsatzsteuer der Schankwirtschaften aufläuft, können keine aktuelle Zahl liefern. Die jüngste Zahl des Amts für Statistik ist schon drei Jahre alt – damals gab es 1205.

„Kein Essen, vor allem Bier, Rauchen erlaubt – das ist für uns die typische Berliner Eckkneipe“, erklärte Richter. Diese Schänken, wo vor allem Anwohner Gäste sind, würden eindeutig weniger. „Die waren früher für die Arbeiter, die Kiez-Bewohner. Diese Klientel ist fast weg.“

Zum Eckkneipen-Schwund trügen auch das Nichtrauchergesetz und ein geändertes Trinkverhalten bei. „Früher haben sich viele in die Kneipe gesetzt und getrunken bis zum Umfallen“, erinnert Richter an West-Berliner Zeiten. Heute gehe die Kundschaft viel bewusster mit Alkohol um und trinke weniger, greife auch eher mal zu einem Cocktail. Das spiegelt sich im Bier-Absatz der deutschen Brauereien, der seit Jahren zurückgeht – abgesehen vom alkoholfreien Segment.

Auch in Brandenburg weniger Lokale

Auch steigende Mieten machten den Eckwirten das Leben schwer. „In der typische Eckkneipe wurde ein 0,4er-Bier für 1,80 Euro erwartet. Das können sie nicht mehr anbieten.“ Die Mieten seien oft ein wichtiger Grund, wenn ein Wirt schließe. Szenekneipen verlangten meist deutlich höhere Preise – selbst wenn das Bier nur aus der Flasche kommt.

In Brandenburg gibt es ebenso immer weniger Lokale. Die Zahl der Gastronomiebetriebe im Land sei zwischen den Jahren 2009 und 2011 um fast fünf Prozent geschrumpft, erklärte der brandenburgische Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) unter Verweis auf die jüngste Studie.

Besonders hart traf es die Gaststätten mit einem Rückgang von 708 auf 652 Betriebe, also um fast acht Prozent, und die Landgasthöfe mit einem Minus von knapp elf Prozent. Neben steigenden Energie- und Betriebskosten spielten hier vor allem der demografische Wandel und der Wegzug jüngerer Generationen auf dem Land eine Rolle.