Berlin

Werbeträger statt Rente - Nikos, der hoffnungslose Grieche

Der Grieche Nikos wollte im Ruhestand gärtnern. Dann kam die Schuldenkrise. Jetzt läuft er als menschliche Litfaßsäule durch Berlin.

Der griechische Rentner Nikos versucht, in Berlin seine spärliche Rente aufzubessern

Der griechische Rentner Nikos versucht, in Berlin seine spärliche Rente aufzubessern

Foto: Krauthoefer

Seinen Ruhestand hat sich Nikos anders vorgestellt. Er wollte in seinen Heimatort Moustheni ziehen, ein kleines Dorf im bergigen Hinterland Ostmakedoniens. Er wollte Tomaten im Garten züchten, das Haus seiner verstorbenen Eltern restaurieren. Das war der Plan eines griechischen Maschinenbauingenieurs kurz vor der Rente – bevor das Land für Misswirtschaft und Bilanz-Fälschungen erst mit der Schuldenkrise und dann mit drastischen Sparmaßnahmen bezahlte, bevor jeder Vierte in seinem Land arbeitslos war.

Jetzt, im Alter von 65, schleicht Nikos an einer lauten Kreuzung in der City West umher. Sommerluft und Abgase flimmern über dem Asphalt. „Lecker, lecker“, murmelt er und hält Passanten Flyer unter die Nase. „Ein Getränk gratis!“ Nikos trägt einen blauen Plastikbanner über die Schultern, der ihm bis knapp über die ausgetretenen Laufschuhe reicht. Große Gyros-Platte 8,75 Euro, Grillteller Athen 8,95. Er lockt Kunden in ein griechisches Restaurant, Nikos verdient sein Geld als laufende Litfaßsäule.

An anderen Tagen macht er Witze mit den Touristen, winkt seinem Kollegen auf der anderen Straßenseite zu. Heute läuft Nikos gebückt durch den Menschenstrom. Seine randlose Brille ist verschmiert, das Jeans-Hemd hängt an ihm herunter. Nikos saß bis spät in die Nacht vor dem Fernseher, hat die Nachrichten aus seiner Heimat verfolgt.

Tausende Griechen zieht es nach Berlin

Das griechische Drama in unzähligen Akten hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Am Sonnatg stimmen die Griechen in einem Referendum über neue Sparmaßnahmen und über die Zukunft ihres Landes ab. Wieder flimmern jeden Abend Bilder aus Athen über die Fernsehbildschirme, von wütenden Demonstranten und verarmten Rentnern, von langen Schlangen vor den Banken.

Auch in Berlin leben Menschen, die der wirtschaftliche Absturz Griechenlands mit nach unten gerissen hat. Alleine im Jahr 2013 sind 1514 Griechen in die Hauptstadt gezogen. Das ist fast drei Mal so viel, wie noch 2007, vor der Wirtschaftskrise. Vor allem junge Akademiker verlassen Griechenland – aber auch Menschen, denen ihre Rente nicht zum Leben reicht. Menschen wie Nikos.

Er lacht viel, meist über seinen eigenen Galgenhumor. Nach einer Weile geht sein Lachen in trockenes Husten über. Nikos erzählt von seinem Leben vor der Rentenkürzung, als Produktionsleiter der Zigarettenfabrik Sekap. Vier Sekretärinnen habe er gehabt: eine Privatsekretärin, eine für die Steuern, eine für die Finanzen. „Und eine, um mir Kaffee zu kochen“, sagt er, lacht, hustet.

Mit Galgenhumor durch die Krise

Er lacht viel, meist über seinen eigenen Galgenhumor. Nach einer Weile geht sein Lachen in trockenes Husten über. Nikos erzählt von seinem Leben vor der Rentenkürzung, als Produktionsleiter der Zigarettenfabrik Sekap. Nikos erzählt von Urlauben in Hamburg, von Geschäftsreisen nach Russland und Rumänien. Von einer Wohnung, die er sich in der Küstenstadt Kavala gekauft hat, und noch einer in Thessaloniki. Seinem Sohn, der heute promoviert, habe er ein Zahnarztlaboratorium finanziert.

Für Nikos ist klar, wer Schuld an der griechischen Misere hat. Von den griechischen Politikern, die sich über Jahrzehnte von Korruption und Klientelismus fehlleiten ließen, die den Staat an den Rand der Funktionsunfähigkeit getrieben haben, spricht er nicht. Auch nicht von den Fehlern eines Alexis Tsipras, der mit seiner Hinhaltetaktik in Brüssel und mit vollmundigen Versprechungen in Athen selbst die wohlgesonnenen Verhandlungspartner verprellte.

Keine Arbeit in Griechenland

Nikos schreibt Zahlen auf einen Zettel. 5000, so viel Euro habe er Netto verdient. 2180, das sei seine Rente gewesen, einen Monat lang, vor den Kürzungen. Er zieht eine Zigarette aus einer zerknitterten Camel-Packung. Früher, in der Zigarettenfabrik, hat Nikos vier Schachteln am Tag geraucht. Heute stopft er seine Zigaretten selbst, 20 Stück am Tag. Er schreibt noch eine Zahl. 830 Euro. Nach deutschen Maßstab nicht so schlecht. Die Nettorente in West-Berlin lag 2013 laut Deutscher Rentenversicherung bei durchschnittlich rund 980 Euro, da bekommen viele Menschen weniger als Nikos. Doch auf seinen Immobilien sitze er fest, weil sie sich nicht verkaufen lassen, die Steuern dafür verschlängen einen großen Teil seiner Rente.

Arbeit habe es in Griechenland weder für seine Frau, noch für ihn gegeben. Überprüfen lässt sich das alles nicht. Aber eines ist klar: Nikos war ganz unten angekommen.

Dann erzählte ihm jemand von einer Stadt namens Wittenberg, von einer Firma, die Obst und Gemüse abpackt und tiefgefriert. Als Ingenieur habe er dort eine sichere Arbeit, für seine Frau würde sich auch etwas finden. Das Ehepaar lässt ihr krisengeschütteltes Heimatland hinter sich.

Schmerzen vom Kistenschleppen

Lange hält es Nikos in Wittenberg nicht aus. Er erzählt von vier Monaten, in denen er Karotten und Zucchini von Paletten hievte, Pakete von bis zu 25 Kilo, bei Temperaturen von minus 6 bis minus 24 Grad. Irgendwann seien die Schmerzen in den Beinen unerträglich geworden. Nikos ging nach Berlin, 20 Tage sei er ohne Arbeit gewesen. Er zeigt mit dem Zeigefinger an die Schläfe. „Ich wäre fast verrückt geworden. Der Mensch muss arbeiten“.

Nikos heuert als Hilfsarbeiter am Bau an, schleppt Schlaghämmer fünf Stockwerke hoch und Bauschutt fünft Stockwerke herunter. Dann erfährt er von einem Griechen, der Landsleute dafür bezahlt, dass sie auf der Straße Werbung für sein Restaurant machen. Seit einem Jahr spricht Nikos jetzt Passanten an, „mangare, mangare!“. An die 200 Flyer verteilt er am Tag.

Nikos hat seine ausgebleichte, blaue Kappe ins Gesicht gezogen. Im Schatten einer Linde dreht er seine Kreise durch den Menschenstrom. Blicke gleiten an ihm vorbei, Köpfe werden geschüttelt, freundlich gelächelt. „Lecker, lecker!“

Nikos sagt „Ja“ zu Europa.

Ein Mann in Nikos Alter nimmt ihm wortlos eines der bunten Papier aus der Hand. Er schäme sich schon lange nicht mehr. „Am Anfang war es mir peinlich, wenn Griechen mit Krawatten und Anzügen vorbeigelaufen sind“, sagt er. Einmal hat sein Sohn ihn in Berlin besucht. Als er sah, wie sein Vater sein Geld verdient, brach er in Tränen aus.

Nikos ist froh um seine Arbeit. Seinen Lohn und die Arbeitszeiten will er nicht verraten, auch seinen Nachnamen nicht. Er hat Angst in diesen Tagen. Angst seinen Job zu verlieren, Angst dass jemand in der Heimat über sein Arbeit auf Berlins Straßen erfahren könnte, Angst, dass sein Land weiter in die Armut abrutscht.

Nikos streckt seinen Fuß und hebt ihn einige Zentimeter über den Boden. Darunter liegt Tsipras, erklärt er die Verhandlungslage, den Fuß drücken die Gläubiger dem griechischen Premier an die Kehle. Trotzdem, er würde heute mit „Ja“ stimmen, „Ja“ zur gemeinsamen Währung, „Ja“ zu Europa.

„Ich mache keine Pläne mehr“

Was würde Nikos machen, wenn Wolfgang Schäuble in seiner Straße in der City West auftauchen würde? Er würde ihm einen Flyer in die Hand drücken. Und er würde sagen: „Mr. Schäuble, bitte schauen sie sich an, wie die Leute in Griechenland leben, die Arbeitslosigkeit, die Armut. Lassen Sie die Theorie bei Seite.“ Griechenland brauche ein klein wenig Geld, um überleben zu können – und ein neues Programm, mit klugen Investitionen und ohne weitere Steuererhöhungen.

Die Sonne steht tief, Nikos rollt seinen Werbebanner zusammen, setzt sich auf eine grüne Parkbank und kramt eine Zigarette aus der Hosentasche. Was er sich heute für seinen Ruhestand wünsche? Nikos weiß es nicht. Vielleicht kommt sein Sohn nach der Promotion nach Berlin, vielleicht geht er mit seiner Frau, wenn auch sie in Rente ist, zurück nach Griechenland. Vielleicht. Vielleicht ruft die Regierung bis dahin die Staatspleite aus, vielleicht bekommt er seine Rente bald in wertlosen Drachmen. „Ich mache keine Pläne mehr“, sagt Nikos.