Interview

Wir brauchen Mut statt starrer Vorgaben in der Architektur

Der Berliner Architekt Volker Staab fordert offene Wettbewerbe ohne Zugangsbeschränkungen für den Architektennachwuchs.

Architekt Volker Staab in seinem Büro. in dem 90 Planer beschäftigt sind

Architekt Volker Staab in seinem Büro. in dem 90 Planer beschäftigt sind

Foto: Amin Akhtar

Gerade hat er den Wettbewerb für die Gestaltung des Seminargebäudes des Hauses der Wannseekonferenz gewonnen. Es ist nicht sein erster Wettbewerbserfolg. Der renommierte Berliner Architekt Volker Staab akquiriert die meisten Aufträge für sein Büro über Wettbewerbe. Gleich das erste große Projekt von Staab Architekten war 1992 ein Wettbewerbssieg für das Neue Museum in Nürnberg. „Ich hatte damals als junger Architekt Glück, dass es ein offener Wettbewerb war, der mir als Anfänger eine Chance bot “, sagt Staab. Warum er mehr und andere Wettbewerbsverfahren fordert, erläutert der Architekt im Gespräch mit der Morgenpost

Berliner Morgenpost Herr Staab, „Mehr Wettbewerbe, mehr Qualität“ ist Thema des Bundes Deutscher Architekten (BDA), der am Wochenende sein 100-jähriges Jubiläum feiert. Warum glauben Sie, dass durch mehr Wettbewerbe auch eine höhere Qualität der Architektur erreicht werden kann. Qualität hängt doch nicht von der Quantität ab?

Volker Staab Natürlich nicht. Aber erst einmal erhöhen Architekturwettbewerbe grundsätzlich die Chance für qualitätvollere Bauten. Das liegt in der Natur konkurrierender Verfahren. Natürlich ist ein Wettstreit der Ideen um ein Projekt per se besser als keiner. Wettbewerbe sind ein wichtiges Instrument der Baukultur...

... garantieren aber nicht automatisch die von Ihnen geforderte Qualität. Gerade in Berlin wird oft der Qualitätsmangel beklagt, denken Sie nur an die Hotelbauten am Hauptbahnhof. Was muss passieren, damit sich hier etwas ändert?

Viele Projekte, wie auch diese Bauten, werden von Privatinvestoren realisiert, die Sie zu keinem Wettbewerb zwingen können. Hier muss die öffentliche Hand, die zu Architekturwettbewerben verpflichtet ist, mit gutem Beispiel voran gehen und zeigen, dass der Wettstreit sich lohnt.

Wie?

In dem wir die Vergabeverfahren ändern. Ob es um ein Krankenhaus, eine Schule oder ein Museum geht, wer an einem Architekturwettbewerb teilnehmen will, muss heute von dem Projekt, für das er sich bewirbt schon mal fünf Projekte realisiert haben, um überhaupt mitmachen zu dürfen. Das reduziert nicht nur das Teilnehmerfeld sondern minimiert auch die Vielfalt möglicher frischer Ideen von jungen Planern. Sie haben gar keine Chance.

Wie lässt sich das verbessern?

In dem die Wettbewerbe für alle geöffnet werden.

Das klingt ja schön, aber nicht praktikabel. Wie soll das realisiert werden?

Natürlich macht ein Wettbewerb mit hunderten von Teilnehmern keinen Sinn und ist auch für die Jury nicht machbar. Da weiß ja abends keiner mehr, was er mittags gesehen hat. Man muss die Teilnehmerzahl zwangsläufig begrenzen, die Zugangsvoraussetzungen aber öffnen.

Wie soll das konkret aussehen?

Ein begrenzter Teil der Teilnehmer sollte besetzt werden mit Architekten, die Erfahrungen mit dem jeweiligen Projekt haben. Die restlichen Teilnehmer könnten aus allen Bewerbern per Los ausgewählt werden. Qualifikation muss die Architektenkammerzulassung sein. Das wäre ein faires Verfahren.

Welche Rolle spielen Wettbewerbe für Ihr Büro?

Wir machen fast alles über Wettbewerbe. Ich hatte gleich zu Beginn 1992 das große Glück an einem offenen Wettbewerb teilzunehmen für das Neue Museum in Nürnberg. Da waren damals auch erfahrene Kollegen gesetzt, gegen die wir uns durchsetzen konnten. Aber wenn wir uns heute beispielsweise für ein Krankenhausprojekt bewerben, hätten wir auch keine Chance, weil wir noch nie eine Klinik entworfen haben.

Muss sich auch etwas bei den Jury ändern?

Die Jury spielt eine große Rolle. Dort sollten Vertreter verschiedener Architekturhaltungen vertreten sein, auch wenn dann die Gefahr besteht, dass man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigt. Aus meiner Erfahrung kann ich jedoch sagen, dass man sich bei den zehn besten Entwürfen meist trotz aller Unterscheide schnell einig wird. Oberstes Ziel der Besetzung der Fachpreisrichter sollte die Unabhängigkeit der Jurymitglieder sein.

Zum Schluss noch ein ganz anderes Thema. Berlin spielt in der internationalen Architekturszene nicht mehr die prägende Rolle. Oft ist von mutloser Architektur die Rede.

Da habe ich ein ambivalentes Verhältnis. Mut alleine ist noch kein Gewinn. Und es ist ein gesellschaftliches Thema, so wie die Architektur auch immer Ausdruck der jeweiligen Gesellschaft ist. Wenn man Berlin mit anderen Metropolen wie London vergleicht, kann man auch sagen, dass wir hier Glück haben. In London ist der Markt viel dominanter, dort bestimmt das Geld die Architektur weitaus stärker als bei uns. Das kann es ja auch nicht sein. Ganz anders in den skandinavischen Ländern. Zum Beispiel bei den Schulbauten...

Was ist dort anders?

Es herrschen nicht so starre Vorgaben wie bei uns. Hier hören wir oft von Lehrern Wünsche nach Lernlandschaften, die wir aber aufgrund herrschender Formalien und Raumprogrammen gar nicht umsetzen können. Der Mut der in Berlin oft fehlt, wird oft durch die engen und starren Vorgaben gehemmt und verhindert. Da sind jetzt alle gefragt, diesen Mut auch zuzulassen, damit die Architektur wieder frischen Wind bekommen kann.