Berlin

Wie Berlins Parteien die Familienpolitik entdecken

Ein Jahr vor der Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses entdecken die Parteien die Familien als großes Thema. Der Landesverband der Grünen veranstaltet am Sonnabend einen großen Elternkongress, auf dem die Partei ihre Agenda für Familien vorstellen will. In verschiedenen Workshops können die teilnehmenden Eltern auf dem GLS Campus in Prenzlauer Berg zu Themen wie Wohnen, Kinderbetreuung oder Schulen ihre Forderungen erarbeiten, die dann in die Agenda einfließen sollen. Auch Kinder und Jugendliche selbst sollen zu Wort kommen.

Das gesteigerte Interesse für die Familien ist kein Zufall. Seit Wochen machen die Eltern lautstark auf sich aufmerksam und treten an die politischen Entscheidungsträger heran, um sie für ihre Anliegen zu gewinnen. Das Berliner Kitabündnis etwa kämpft für einen besseren Personalschlüssel und für mehr Erzieher in den Kitas, das Volksbegehren gegen Unterrichtsausfall will mehr Lehrer für die Schulen, das Volksbegehren Wohnen will verhindern, dass Familien aus der Innenstadt verdrängt werden, weil sie die Mieten nicht mehr bezahlen können. „In einer wachsenden Stadt ist es wichtig, den sozialen Zusammenhalt zu sichern“, sagt Bettina Jarasch, Landesvorsitzende der Berliner Grünen. Und der werde vor allem durch die Familien gestärkt. Deshalb wolle man mit den verschiedenen Akteuren ins Gespräch kommen.

In ihrer Agenda für Familien greifen die Grünen viele Fragen auf, die auch die anderen Parteien auf der Tagesordnung haben, die Unterschiede liegen in den Lösungsansätzen. So lehnen die Grünen beispielsweise die 24-Stunden-Kita, wie sie von der CDU vorgeschlagen wird, ab. „Das ist vom Unternehmen aus gedacht und nicht vom Kind aus“, sagt Berlins Grünen-Chefin Jarasch.

Für die Kinder sei außerhalb der Kita-Zeiten am Abend oder am frühen Morgen eine häusliche Betreuung besser, inklusive eines Kita-Bring- und Abholdienstes. Auch die kostenlose Kita für Kinder unter drei Jahren hat für die Grünen keine Priorität. Vielmehr sollte der Betreuungsschlüssel für diese Altersgruppe verbessert werden. Zudem müssten schnellstmöglichst insgesamt 10.000 neue Kita-Plätze gebaut werden.

Umfrage zur Kinderbetreuung

Die zuständige Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will sich das Heft, was die Familien angeht, nicht aus der Hand nehmen lassen. Am Donnerstag startet die Senatorin gemeinsam mit Industrie- und Handelskammer (IHK) und der Handwerkskammer eine Umfrage in den Unternehmen über die öffentlichen Kinderbetreuungsangebote. Die Erhebung ist Teil des Senatsprojekts „Kindgerechte und flexible Kinderbetreuung als Teil von Erziehungspartnerschaft“. Ziel sei es, das vorhandene Angebot zu analysieren und bedarfsgerecht weiterzuentwickeln, heißt es in der Senatsverwaltung.

Mit der Umfrage geht die Senatorin aber auch auf eine Forderung des Koalitionspartners ein. Die CDU hatte die Senatsverwaltung aufgefordert zu prüfen, „wie flexible Betreuungsangebote durch die Einrichtung einer 24-Stunden-Kita die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewährleisten können“.

Die 24-Stunden-Kita soll sich dabei ausschließlich an jene Eltern richten, die aufgrund von Schichtarbeit oder Arbeit an Wochenenden Schwierigkeiten haben, ihr Kind in einer regulären Kita betreuen zu lassen.

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