Zweite Streikwoche

Charité-Patienten weichen auf andere Kliniken aus

An der Charité geht der Streik weiter. Drei weitere Stationen stehen vor der Schließung. Der Andrang in anderen Notaufnahmen ist groß.

Der Streik geht weiter: Verdi fordert mehr Personal an der Charité

Der Streik geht weiter: Verdi fordert mehr Personal an der Charité

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Der Streik des Pflegepersonals an der Berliner Charité weitet sich aus. Nach Angaben von Verdi mussten am Montag wegen des Ausstandes noch mehr Betten als in der vergangenen Woche leer bleiben. Kalle Kunkel, zuständiger Sekretär der Dienstleistungsgewerkschaft, kündigte am Montag an, dass über die zehn zuletzt betroffenen Stationen hinaus weitere wegen des Arbeitskampfes geschlossen werden müssen. „Es werden wohl drei weitere Stationen schließen“, sagte Kunkel der Berliner Morgenpost. Darunter sei auch eine Kinderstation. Es seien weiterhin 500 bis 600 Mitarbeiter im Ausstand.

Ein Drittel der Betten leer

Seit mehr als einer Woche streiken die Krankenschwestern und Pfleger an Deutschlands größtem Universitätsklinikum unbefristet für mehr Personal im Pflegebereich. Rund 1000 der 3000 Betten bleiben leer. Täglich werden etwa 200 Operationen abgesagt. Ein Notdienst sichert die Versorgung von Patienten.

Der Vorstand der Charité geht davon aus, dass die Umsetzung der Gewerkschaftsforderungen 600 zusätzliche Stellen erfordern und damit Kosten von 36 Millionen Euro verursachen würden. Charité-Chef Karl Max Einhäupl hält die Forderung nach mehr Pflegekräften zwar grundsätzlich für berechtigt. Das Problem könne jedoch nicht von einzelnen Kliniken, sondern nur von den Krankenkassen gelöst werden.

Nachdem das Landesarbeitsgericht Berlin am Mittwoch vergangener Woche den Streik für rechtmäßig erklärt hatte, verhandeln Verdi und die Leitung der Charité zwar über die Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Ein konkretes Ergebnis lag aber auch am Montag bei Redaktionsschluss noch nicht vor. „Beide Parteien ringen um eine Lösung“, sagte Verdi-Sekretär Kalle Kunkel während einer Gesprächspause. Das sei aber sehr schwierig. Von der Charité war keine Stellungnahme zu erhalten. „Wir werden das kommunizieren, sobald es etwas Neues gibt“, sagte eine Sprecherin.

Der Streik an der Charité belastet die Patienten und andere Kliniken der Stadt zunehmend. Am zurückliegenden Wochenende, waren insbesondere einige Notaufnahmen von Krankenhäusern im Berliner Zentrum überlastet.

In den Häusern der Schwesternschaft des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) gab es ein leicht erhöhtes Patientenaufkommen. An den Standorten Mitte und Westend der DRK-Kliniken seien Dienstag, Freitag und Sonnabend „sehr patientenreiche Tage“ gewesen, teilte der Chefarzt der Zentralen Notaufnahmen Westend und Mitte der DRK-Kliniken Berlin, Daniel Schachinger, mit. Beziffern konnten die DRK-Kliniken den Mehrbedarf nicht. Nur so viel: „Die Patientenzahlen lagen über den bekannten Schwankungen und zu erwartenden Maximalwerten“, so Schachinger.

Die Patienten, die an diesen Tagen in die Notaufnahmen gekommen seien, seien durchschnittlich auch kränker gewesen. „Sie mussten vermehrt stationär behandelt werden“, hat der Chefarzt festgestellt. Dass dies mit den Engpässen in den Fachabteilungen der Charité zu tun hat, hält Daniel Schachinger für möglich, aber nicht für bewiesen.

In den meistern Häusern des Berliner Klinikkonzerns Vivantes hat sich der Arbeitskampf an der Charité nach Angaben von Sprecherin Kristina Tschenett nicht so stark bemerkbar gemacht. Die meisten der neun Vivantes-Rettungsstellen hätten nur ein leicht erhöhtes Aufkommen vermeldet. In einzelnen Notaufnahmen wie im Humboldt-Klinikum in Wittenau seien allerdings an einigen Tagen bis zu 20 Prozent mehr Patienten erschienen als üblich. „Das hält sich bei uns noch in Grenzen“, sagte die Sprecherin.

DRK-Chefarzt Daniel Schachinger rät Patienten generell - undabhängig von der aktuellen Streiksituation -, sich bei leichteren Erkrankungen zunächst an den Hausarzt zu wenden. Zudem sollten Hausärzte stationär aufzunehmende Patienten möglichst nicht ungezielt in die Notaufnahmen schicken: „Damit die Koordination verbessert wird.“

Krankenschwestern und Pfleger der Charité wollen am heutigen Dienstag auch vor der Senatsverwaltung für Arbeit für bessere Bedingungen in der Pflege demonstrieren. Sie werden nach Verdi-Angaben um 15.30 Uhr vom Campus Mitte der Charité aus zum Dienstsitz von Arbeitssenatorin Sandra Scheeres (SPD) an der Oranienstraße in Kreuzberg marschieren. Die Politikerin sitzt auch im Aufsichtsrat der Charité. „Bereits 2014 hat sich der SPD-Landesparteitag hinter die Forderungen der Charité-Beschäftigten gestellt. Wir fordern Frau Scheeres auf, den Weg frei zu machen für gute Arbeitsbedingungen an der Charité und damit auch den Beschluss des Parteitags umzusetzen“, heißt es im Aufruf zur Demonstration.