Kriminalität

131 Einsätze wegen Körperverletzung am Alexanderplatz

Die Zahl der Übergriffe ist trotz spektakulärer Einzelfälle im laufenden Jahr zurückgegangen. Die Grünen fordern mehr Prävention.

 Polizeibeamte während einer Streife am Tage auf dem Berliner Alexanderplatz

Polizeibeamte während einer Streife am Tage auf dem Berliner Alexanderplatz

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Die jüngste Messerstecherei am Alexanderplatz ist gerade mal zwei Monate her. Ein 20-Jähriger geriet in einen Streit und wurde an einer Haltestelle niedergestochen. Kurz zuvor war an der wenige hundert Meter entfernten Klosterruine ein Tourist aus Israel umgebracht worden. Der spektakulärste Fall der vergangenen Jahre ist der tödliche Angriff auf den damals 20 Jahre alten Jonny K. Er kam im Oktober 2012 von einer Party, und wurde nach einem Streit mit vier Jugendlichen zu Tode geprügelt. Der Vorfall löste eine bundesweite Diskussion über Jugendgewalt aus – und der Alexanderplatz , so scheint es, ist seitdem nicht zur Ruhe gekommen.

Schwerpunkt der Kriminalität

Tatsächlich bleibt der Alexanderplatz ein Kriminalitätsschwerpunkt. Die in den vergangenen Jahren verstärkte Polizeipräsenz zeigt aber offenbar Wirkung. Gegenüber den Vorjahren ist die Zahl der Gewalttaten in den ersten fünf Monaten dieses Jahres gesunken.

>> Kommentar: Die Polizeipräsenz zahlt sich aus <<

So zählte die Polizei am Alexanderplatz von Januar bis Ende Mai 131 Körperverletzungen. Hochgerechnet auf das gesamte Jahr 2015 ergäbe sich eine Zahl von 314 Körperverletzungen. 2014 hatte die Polizei noch 386 Übergriffe registriert. Wenn der Trend anhält, wäre das – statistisch betrachtet – ein Rückgang von 18 Prozent. Ein ähnlicher Trend zeigt sich, wenn man nur die Körperverletzungen betrachtet, die sich auf öffentlichem Straßenland ereigneten. 2014 waren es 67 gewesen. Bis Mai des laufenden Jahres zählte die Polizei nur 21 Delikte. Hochgerechnet auf das Gesamtjahr ergäbe sich bei gleichbleibender Entwicklung ein Rückgang von 25 Prozent.

Die Zahlen zu den zwischen Januar und Mai am Alexanderplatz registrierten Gewalttaten nennt die Innenverwaltung in einer noch unveröffentlichten Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen-Abgeordneten Silke Gebel und Benedikt Lux. Danach zeigt sich auch bei Raub, Nötigung, Bedrohung und Freiheitsberaubung ein Rückgang.

Innensenator Henkel unter Druck

Laut Innenverwaltung bleibt der Alexanderplatz in der für Mitte zuständigen Direktion 3 aber weiter der "Brennpunkt" und der Ort "mit der höchsten Belastung". Auch stadtweit bleibt der Alexanderplatz nach wie vor einer der Plätze mit den meisten gewalttätigen Übergriffen. Gemessen an seiner Größe und den rund 350.000 Passanten, die ihn jeden Tag queren, relativiert sich die Zahl der Gewalttaten zwar. Doch Innensenator Frank Henkel (CDU) war nach dem Fall Jonny K. unter Druck geraten, die Gewalt in den Griff zu bekommen.

Schon ab dem Ende des Jahres 2012 zeigte die Polizei daher mehr Präsenz – zunächst mit einem Kontaktmobil. Besetzt mit zwei Beamten steht es wochentags zwischen 13 und 20 Uhr und am den Wochenenden bis 6 Uhr morgens an wechselnden Standorten auf dem Alex. Der Funkwagen habe sich positiv auf das Sicherheitsgefühl ausgewirkt, schreibt die Innenverwaltung.

Bei Straftaten könne die Polizei schneller reagieren. Im Dezember 2012 schickte die Polizei auch ein Direktionskommando auf den Platz. Es ging zunächst mit sechs Beamten auf Streife. Heute patrouillieren noch vier Polizisten – am Wochenende in der Regel allerdings nur bis längstens bis 21 Uhr.

Sicherheitsgefühl stärken

Präsenz zeigen auch Mitarbeiter des Ordnungsamtes Mitte. Im Jahr 2104 waren sie am Alex fast 14.000 Stunden im Einsatz. Seit März dieses Jahres patrouillieren sie einmal pro Woche auch mit Beamten des zuständigen Polizeiabschnittes. Das Sicherheitsgefühl der Bürger sollen auch gemeinsame Einsätze von Polizei und Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) stärken. 2013 waren es noch 190, im vergangenen Jahr folgte mit nur 84 Einsätzen ein Einbruch, weil der Polizei aufgrund zahlreicher Einsätze, etwa bei Großdemonstrationen, das Personal fehlte. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres gab es wieder mehr Kapazitäten: Polizisten und BVG-Beschäftigte gingen am Alexanderplatz 88 Mal gemeinsam auf Streife. Ähnlich ist es bei Einsätzen von Polizisten in Bussen und Bahnen. 2013 leisteten sie am Alexanderplatz noch gut 40.000 Einsatzstunden. 2014 waren es nur noch gut 30.000. Im laufenden Jahr ist die Zahl der Einsätze wieder gestiegen.

Der innenpolitische Sprecher der Grünen, Benedikt Lux, sagte angesichts der in 2014 zurückgegangenen Einsätze: "Das Engagement des Senats scheint allmählich zu erlahmen." Die meisten Taten würden abends und am Wochenende begangen. Die Maßnahmen müssten deshalb darauf abgestimmt werden. Ausgebaut werden müsse auch die vorbeugende Kriminalitätsbekämpfung Laut Innenverwaltung sind diverse Projekte am Alex aktiv – allerdings abends und nachts und am Wochenende nur unregelmäßig.

Zusätzliche Wache

Der SPD-Abgeordnete Tom Schreiber forderte, am Alexanderplatz eine zusätzliche "Kombi-Wache" aus Landes- und Bundespolizei und dem Ordnungsamt zu erproben. "Mit einer Doppelbestreifung würden wir mehr Sicherheit gewährleisten können", sagte Schreiber. Es sei nicht einzusehen, warum es am Ostkreuz und am Ost- und am Hauptbahnhof Wachen der Bundespolizei gebe, nicht aber am Alex. Die Innenverwaltung lehnt die Kombi-Wache ab, "da diese Personal für administrative Aufgaben binden würde, welches für die Präsenz auf dem Alexanderplatz nicht zur Verfügung stünde". Der Abschnitt 32 liege zudem fast unmittelbar am Alex.

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