Der Tierpark wird 60

Am 4. Juli wird in Friedrichsfelde gefeiert

Am 4. Juli feiert der Tierpark sein 60-jähriges Bestehen. Zum Jubiläum

Falk Dathe , Kurator für Amphibien und Reptilien und Zoologischer Leiter des Tierparks Berlin mit dem kleinen Alligator Nicky

Falk Dathe , Kurator für Amphibien und Reptilien und Zoologischer Leiter des Tierparks Berlin mit dem kleinen Alligator Nicky

Foto: Christian Kielmann

Falk Dathe greift mehrmals ins Wasser. Es ist nicht leicht, Nicky da heraus zu fischen. Der kleine Alligator ist schnell und das Becken mit einer dicken Schicht Entengrütze bedeckt. Das erschwert die Sicht. Außerdem liegt da noch eine Schale am Grund, damit Nicky sich auch mal verstecken kann.

Doch Dathe gibt nicht auf. „Das ist jetzt mein persönlicher Ehrgeiz“, sagt er. Er nimmt einen Schlangenhaken zur Hilfe, um die Schale aus dem Wasser zu angeln. Dann fasst er zu. Der erste Griff muss sitzen. Er muss das Krokodil im Nacken packen, damit es seine Schnauze nicht umwenden und zubeißen kann. Es klappt. Vorsichtig nimmt er es aus dem Wasser.

Respekt vor großen Tieren

Nicky ist noch nicht mal ein Jahr alt und etwa 40 Zentimeter groß. Wenn er ausgewachsen ist, etwa in sechs bis acht Jahren, wird er mindestens drei Meter lang sein. Wie seine Artgenossen im Ogooue-Becken im westlichen Zentralafrika. Dann wird ihn wohl niemand mehr auf den Arm nehmen wollen.

Nickys Zähne sehen allerdings schon jetzt ziemlich gefährlich aus. Doch Falk Dathe hat keine Angst. Als Kurator für Reptilien und Amphibien des Berliner Tierparks ist er den Umgang mit Krokodilen gewöhnt.

Vor ausgewachsenen Tieren habe er allerdings Respekt, sagt er. „Ich weiß, wozu sie in der Lage sind und bin deshalb vorsichtig.“ So zu denken, das hat er von seinem Vater, dem Zoologen Heinrich Dathe gelernt. Der war Gründungsdirektor des Tierparks und hat ihn bis 1990 geleitet.

Der Sohn hat ebenfalls Zoologie studiert und 1980 im Tierpark angefangen. Damals ist dort eine Stelle frei geworden. „Ich habe lange überlegt, ob ich das machen soll, mit meinem Vater als Chef“, sagt Falk Dathe.

Er habe zu dieser Zeit im Dresdner Zoo gearbeitet und sich dort wohl gefühlt. Am Ende hat er sich doch für Berlin entschieden. Schließlich ist er gewisssermaßen im Tierpark aufgewachsen. Der Park war sein Zuhause. Das ist bis heute so.

Der Tierkenner Heinrich Dathe

Am 4. Juli feiert der Tierpark nun sein 60-jähriges Bestehen. Auch Falk Dathe wird dabei sein. Er ist inzwischen nicht nur Kurator, sondern seit einem Jahr auch Zoologischer Leiter der 160 Hektar großen Anlage in Friedrichsfelde.

Was würde sein Vater wohl dazu sagen? Falk Dathe lächelt: „Es würde ihn sicher freuen“, sagt er. Vergleichen lassen will er sich mit seinem Vater aber nicht. Heinrich Dathe sei ein besonderer Mensch gewesen, sagt er.

„Er hatte die Gabe, den Tieren anzusehen, wie es ihnen geht und hat sofort gemerkt, wenn eins krank war oder gerade schlecht drauf.“ Auch ein phänomenales Gedächtnis habe sein Vater gehabt. „Für Fernseh- oder Radiosendungen musste er sich nie vorbereiten. Er hatte einfach alles im Kopf.“

Mehr als 1000 Publikationen, darunter viele populärwissenschaftliche Arbeiten, habe er hinterlassen.

Begeistert vom Schlosspark

Heinrich Dathe, Jahrgang 1910, war stellvertretender Direktor des Leipziger Zoos, als er 1954 nach Ost-Berlin bestellt wurde. Der Magistrat hatte beschlossen, in der Hauptstadt der DDR einen Tierpark einzurichten und wollte den Plan dafür präsentieren.

„Die Zoodirektoren von Halle, Leipzig und Dresden waren allerdings dagegen“, sagt Falk Dathe. „Sie glaubten, dass dafür nicht genug Geld da war. Außerdem gab es in Berlin ja schon den Zoo.“

Auch Heinrich Dathe war dieser Meinung. Als ihm dann aber der Schlosspark in Friedrichsfelde als möglicher Standort gezeigt wurde, ist er schwach geworden. „Mein Vater sah das Schloss, den alten Baumbestand und die Großzügigkeit des Geländes“, sagt Falk Dathe.

Auch die gute Verkehrsanbindung des Parks sei ihm sofort aufgefallen. „Wo, wenn nicht hier, hat er gesagt und sich schließlich sogar dazu überreden lassen, die Leitung des neuen Tierparks zu übernehmen.“

Die größte Sorge seines Vaters sei damals gewesen, das nötige Geld für den Bau des Parks zu beschaffen. Falk Dathe weiß das alles so genau, weil ihm der Vater später oft davon erzählt hat. Das Geld liege doch auf der Straße, hätten die vom Magistrat daraufhin gesagt und einen Aufruf gestartet.

Berliner helfen mit

Im Rahmen des Nationale Aufbauwerks haben dann viele Ost-Berliner in ihrer Freizeit mit Spaten und Schippe beim Aufbau des Tierparks geholfen. In 100.000 Arbeitsstunden schaufelten sie Sand, legten Gräben an, planierten Wege. Andere haben Geld gespendet. Nur ein Jahr hat es gedauert, bis der Tierpark am 2. Juli 1955 eröffnet werden konnte.

Das alles erfahren Besucher von Leuten wie Christian Heidt. Der 56 Jahre alte Charlottenburger ist als Scout im Tierpark unterwegs, um Gästen von der Geschichte des Parks zu erzählen und Fragen zu beantworten. Weil er noch berufstätig ist, macht er das meist am Wochenende, manchmal auch abends.

Heidt ist vor 14 Jahren aus Karlsruhe nach Berlin gezogen. Den Tierpark hat er aber schon im Sommer 1975 zum ersten Mal besucht. „Ich war sofort begeistert von den großen Gehegen und dem Raubtierhaus“ sagt er.

Mit dem Umzug nach Berlin stand für ihn dann fest, dass er etwas für den Tierpark tun wollte. Als Scout ist es nun seine Aufgabe, die Besucher über die Tiere zu informieren und ihnen die Geschichte des Tierparks zu erzählen. Außerdem bietet er Führungen zu verschiedenen Themen an wie etwa zum Artenschutz. „Ich habe schon Vierjährigen die Nase des Elefanten erklärt und Senioren etwas über Naturschutz erzählt“, sagt er.

90 Minuten dauert eine Führung. Drei bis fünf Führungen macht Christian Heidt im Monat. Besonders beeindruckt habe ihn vor Kurzem ein Sechsjähriger, erzählt er. „Ich habe die Besucher am Ende der Führung gefragt, was sie vom Tierpark in Erinnerung behalten werden“, sagt Heidt.

Der Junge habe geantwortet: „Das Zoo-Aroma“. Die meisten Kinder würden von Elefanten oder Giraffen erzählen, die ihnen besonders gefallen hätten. „Dieser Junge hat erkannt, was einen Tierpark ausmacht - dass man die Tiere sehen, hören, riechen und manchmal sogar anfassen kann.“

Ehreramtliche Tierparkerklärer

Ingesamt gibt es 50 ehrenamtliche Scouts im Tierpark, sie sind zwischen 16 und 70 Jahren alt und entsprechend geschult. Hinzu kommen 20 Tierparkbegleiter, die spezielle Führungen anbieten. Heidt macht beides. Er will die Besucher für den Park begeistern aber auch für den Naturschutz. Haus- und Nutztiere sind sein Spezialgebiet.

Um auf all ihre Fragen vorbereitet zu sein, liest er abends nach seiner Arbeit häufig noch Fachliteratur. So oft es geht, beobachte er die Tiere aber auch vor Ort in ihren Gehegen.

Auch deshalb kenn Heidt inzwischen jeden Winkel des Tierparks. „Vor der ersten Führung hatte ich noch Angst, mich mit der Gruppe zu verlaufen. Jetzt weiß ich im Schlaf, wo es lang geht“, sagt er.

Das Schönste am Park sei seine Weitläufigkeit, findet Christian Heidt. Besucher könnten mehr als 25 Kilometer breite Alleen und kleine Wege erlaufen. Oft seien sie dabei nur durch breite Wassergräben von den Tieren getrennt. Es gebe kaum Zäune.

Ein Landschaftstierpark

Was Heidt beschreibt, ist das Besondere des Tierparks, das, was ihn vom Berliner Zoo unterscheidet. Heinrich Dathe hat keinen klassischen Zoologischen Garten angelegt, sondern einen Landschaftstierpark. Die Tiergehege darin sollten so natürlich wie möglich wirken.

Das Konzept ist aufgegangen. Zu DDR-Zeiten kamen jährlich hunderttausende Besucher. Erst mit dem Mauerfall wurde es schwierig. Berlin hatte plötzlich zwei zoologische Einrichtungen und zunächst keinen Plan, wie es weitergehen sollte , waren Zoo und Tierpark doch lange Konkurrenten.

1991wurde der Tierpark dann ein Tochterunternehmen des Zoos. Die Weiterentwicklung beider Einrichtungen ist bis heute eine Herausforderung für das Unternehmen. „1993 war es besonders kritisch“, erinnert sich Falk Dathe. Damals sollte die Schlangenfarm des Tierparks geschlossen werden. „Das wäre der Anfang vom Ende gewesen.“ Experten aus aller Welt aber auch viele Berliner protestierten dagegen und zwangen den Aufsichtsrat, die Entscheidung zurück zu nehmen.

Knieriem will Park verändern

Inzwischen sind etliche Anlagen modernisiert worden, es gibt eine kostenlose Tierparkbahn und einen großen Spielplatz . Doch noch immer kommen nur wenige Touristen nach Friedrichsfelde. Die meisten Besucher sind ehemalige Ostberliner oder Leute aus dem Umland, die schon als Kinder im Tierpark waren und später dann mit den eigenen Kindern dorthin gekommen sind. Wie Annette und Rainer Eschment aus Mühlrose. In den 1980er-Jahren waren sie mit ihren Töchtern im Tierpark. Jetzt kommen sie mit Enkeltochter Romy.

Im vergangenen Jahr haben rund 1,2 Millionen Menschen den Tierpark besucht. In den Zoo kamen indes dreimal so viele Besucher. Der neue Direktor von Zoo und Tierpark, Andreas Knieriem, will das ändern. Kürzlich hat er einen Entwicklungsplan für die Anlage in Friedrichsfelde vorgestellt. Bis 2030 soll dort ein Erlebnispark entstehen, der die Besucher auf eine Reise um die Welt und in die Wildnis mitnimmt.

Elefant als Gastgeschenk

Die Tiere sollen dann nicht mehr systematisch geordnet (Vogel zu Vogel, Bär zu Bär) sein, sondern nach geografischen Zonen. Auf dem 160 Hektar großen Gelände sollen die Kontinente mit ihren authentischen Landschaften vertreten sein, Südamerika zum Beispiel mit Amazonien und der Altiplano-Hochebene in Südost-Peru.

Auch den Dschungel oder die Taiga soll der Besucher durchwandern können. Eine Erlebnisbahn soll die einzelnen Kontinente verbinden. Wer Lust hat, kann dann in Asien aussteigen, in Afrika oder auf einem Bauernhof.

Die Umsetzung des Konzepts kostet viel Geht. Knieriem rechnet mit 92 Millionen Euro. Wenn aber alles nach Plan läuft, könnte der Tierpark vielleicht wieder so bekannt werden, wie er es zu DDR-Zeiten war, als viele Staatsgäste kamen.

Falk Dathe zeigt gern ein Foto, auf dem er Ende der 1950er Jahre als kleiner Junge neben seinem Vater mit Ho Chi Minh, dem Staatsgründer von Nordvietnam, zu sehen ist. Ho Chi Minh brachte dem Tierpark damals einen asiatischen Elefanten mit und vietnamesische Hängebauchschweine.