Zusammenfassung

Der Tag der Queen in Berlin - Schloss, Schiff, Staatsbankett

Am Mittwoch traf sich die Queen mit Gauck, Studenten, fuhr mit einem Boot und sprach mit Merkel. Am Abend folgte das Staatsbankett.

Wenn dieser Tag ein Motto haben sollte, dann dieses: die Suche nach Wärme. Dies galt sowohl im konkreten Sinn, 16 Grad und Wolken sind kein Kaiserwetter, und auch wenn die britische Königin es bei Staatsbesuchen lieber angenehm kühl hat - die blaue Wolldecke, die sich sich die 89-jährige Monarchin in ihrem gepanzerten Bentley zwischen allen Terminen immer wieder über die Beine legte, war Zeichen genug, dass das Berliner Wetter eine Spur zu kühl für sie war.

Aber auch im übertragenen Sinne war es ein Tag der Suche nach Nähe und Wärme. Das Protokoll lässt bei einem solchen Staatsbesuch zwar nur wenig Raum für spontane Gefühlsausbrüche. Von zehn Uhr morgens bis spät abends war der Tag der Queen und ihres 94-jährigen Ehemanns, Prinz Philip, Herzog von Edinburgh, in Fünf-Minuten-Schritten durchgeplant. Dennoch gab es herzerwärmende Momente, einen sehr lustigen und nur sehr wenige heikle wie jenen bei ihrer Ankunft im Hotel Adlon am Pariser Platz am Dienstagabend. Während die Queen drinnen begrüßt wurde, kämpften oben auf dem Dach Hotelmitarbeiter mit den Schnüren der königlichen Fahne.

Am Mittwochmorgen lief alles wie geplant. Am Pariser Platz starteten die Queen und ihr Gemahl zwar mit leichter Verspätung um 10.25 Uhr Richtung Schloss Bellevue, wie kritische Beobachter anmerkten. Das Programm des Besuchs ist öffentlich bekannt. Nur die Routen aus Sicherheitsgründen nicht, auf denen sich der königliche Besuch durch Berlin bewegte. So warteten die nächsten Fans erst an den Absperrungen des Schlosses. Unter ihnen war auch einige Demonstranten. Die Aktivisten der Gesellschaft für bedrohte Völker veranstalteten vorm Schloss Bellevue keinen typischen Berliner Krawall, sondern warben höflich und zweisprachig um die Unterstützung der Königin für Aborigines in Australien.

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Dann begrüßten Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt das königliche Paar, gemeinsam mit zahlreichen offiziellen Gästen wie dem britischen Außenminister Philip Hammond und dem britischen Botschafter in Berlin, Simon McDonald. Es folgten der Eintrag der Königin ins Gästebuch des Bundespräsidialamtes, die offizielle Begrüßung im Schlossgarten mit militärischen Ehren und die Übergabe von Gastgeschenken.

Die Britin schenkte Gauck die „Briefe eines Verstorbenen“ des Weltreisenden Hermann Fürst von Pückler-Muskau. Der war im 18. Jahrhundert nach England gereiste, um die Kunst der Parkgestaltung zu studieren. Umgekehrt überreichte der Präsident der 89-jährigen Dame ein Gemälde, das sie als Kind zu Pferd zeigen soll. „Pferd in Royalblau“ lautete der Titel. Blau, kommentierte die Königin, sei eine lustige Farbe für ein Pferd. Dann fragte sie erstaunt nach dem Mann auf dem Gemälde, das nach historischen Fotos entstand: „Das soll mein Vater sein?“

Natürlich sind solche Geschenke nur Symbole. Diese sollten wohl den warmen Respekt für die jeweils andere Nation, aber auch die Person ausdrücken. Die Queen liebt Pferde seit Kinderzeiten. Der Präsident gilt als Mann der Kultur. Und die Liebe zu englischen Gärten verbinden Deutsche und Briten seit Pücklers Zeiten.

50 Jahre ist der erste Staatsbesuch Elizabeths her. Lange hatte damals Deutschland auf die Ankunft der Queen gewartet. Ihr Besuch wurde 1965 zu einer Geste der Versöhnung zwischen zwei Völkern, die im Zweiten Weltkrieg Feinde waren. Heute ist das Verhältnis Großbritannien Deutschland längst entspannt. Und doch ist auch dieser Besuch kein unpolitischer Winktermin. Die Queen nutzte ihn für Gespräche, wie auch ihr Premier David Cameron, der am Abend ebenfalls in Berlin ankam. Cameron begleitet seine Monarchin selten auf Staatsbesuchen, doch diesmal sucht er die europäische Aufmerksamkeit, denn in England steht ein Referendum über die weitere Zugehörigkeit Großbritanniens zu EU an. Zwar hält sich das britische Königshaus in der Regel aus der Politik heraus, doch der Besuch Elizabeth’ II. wird auch in England als Zeichen gewertet, wie nah die Briten den Deutschen – und mithin Europa – eigentlich stehen.

Deshalb wohl auch nahmen die Queen und ihr Gemahl öffentlichkeitswirksam das Boot, als es um 11.30 Uhr nach einem kurzen Gespräch unter vier Augen zwischen Königin und Präsident weiterging zur Kanzlerin. Entlang der Spree jubelten zahlreiche Schaulustige der Queen zu, die mit ihrem Mann in dem offenen Ausflugsboot saß und sich mit Daniela Schadt unterhielt, während Präsident Gauck, ganz (Menschen-)Fischer, stehend das Boot zu navigieren schien. Er ergriff auch am Ufer die Führung, als sich die Königin kurz in die falsche Richtung wandte. Vorbei an den aufgeregten Kindern der Bundestagskita ging es zum nächsten roten Teppich zum Treffen um Punkt 12 Uhr mit Bundeskanzlerin Angela Merkel.

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Die britische Monarchin, ganz in weiß mit Hut und Handschuhen, Vertreterin eines Königshauses, das manche für überkommen halten - und die fast 30 Jahre jüngere Frau in rotem Blazer und schwarzen Hosen aus Templin, die Bundeskanzlerin wurde: Man könnte glauben, dass diese beiden sich nicht viel zu sagen hätten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Merkel, die in England auch „Queen of Europe“ genannt wird, und die echte Königin begegneten sich auf dem roten Teppich auf Augenhöhe. Merkel nahm die royale Hand ohne Knicks und führte die Queen mit der fürsorglichen Geste der Hausherrin auf die Terrasse des Bundeskanzleramtes.

Was dann folgte, ist auf einem kleinen Video festgehalten, das Merkels Pressebüro später verbreiten ließ. Eine ziemlich aufgeregte Kanzlerin hieß die britische Königin „wärmstens willkommen“ und betonte, wie sehr man ihren Besuch schätze. Dieser finde in einem denkwürdigen Jahr statt, nämlich 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. „Ja, es sind so viele Jahrestage“, antwortete die Queen. Sie war 21, als der Krieg endete.

Von der Terrasse zeigte Merkel ihrem Besuch ihre Welt, wie sie einmal war: „Da, wo der Zug fährt, stand die Mauer. Dort ist der Reichstag. Ich habe in Ost-Deutschland gelebt, das lag 200 Meter hinter dem Gleisen dort drüben.“ Was die Queen antwortete, ist nicht überliefert, doch man muss davon ausgehen, dass sie verstand, was die Kanzlerin damit sagen wollte. Als die Queen dem Westteil der Stadt ihren ersten Staatsbesuch abstattete, war Merkel noch ein Kind hinter dem Eisernen Vorhang.

Das Gespräch dauerte fast 40 Minuten. Ob sie eine Tasse Tee möchte, fragte Merkel und als der serviert wurde: „Normalerweise mache ich das selbst.“ Um 12.39 Uhr kamen die beiden Frauen, immer noch angeregt miteinander redend, zurück zum Empfang, wo Prinz Philip schon wartete, der bei derlei Treffen außen vor bleibt. Zum Abschied lächelte Merkel ihr Mädchenlächeln, die Queen kletterte in den Wagen, strich den Mantel zurecht und warf Philip einen Blick zu, der zu sagen schien: Das war nett.

Seit Kinderzeiten ist Elizabeth gewohnt, ihre Gefühle hinter dem immergleichen Lächeln zu verbergen. Wenn überhaupt, ist es ihr Mann, der Regungen zeigt. Auf dem Schiff etwa – Prinz Philip ist Offizier der Marine – winkte er den Fans an den Ufern zu. Erst im Juni war er wegen einer Infektion der Atemwege im Krankenhaus gewesen. Inzwischen, so sah es aus, geht es ihm jedoch wieder gut. Er gilt als wichtigste Stütze der Queen.

Die Neue Wache Unter den Linden ist den zentrale Gedenkort der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Hier einen Kranz niederzulegen ist zwingender Teil eines Staatsbesuchs, samt Trompete, Gedenken und dem Schweigen. Und doch war der Moment, als die zierliche Monarchin hier um 12.55 Uhr symbolisch die Schleifen des Kranzes zurecht rückte, etwas Besonderes. Elizabeth II. hat den Zweiten Weltkrieg selbst erlebt. Die nachdenkliche Stille schien noch einen Moment anzuhalten, als sie wieder auf die Straße zurückkam. Keine Busse, keine Autos, selbst auf den Baustellen herrschte Ruhe, weil die Bauarbeiter neugierig auf den Gerüsten standen, um dem Spektakel zuzuschauen. Auch das gehört zu Staatsbesuchen in der deutschen Hauptstadt dazu: Von dem Verkehrschaos, das sie verursachen, bekommen die Gäste selbst nichts mit. Für den Besuch der britischen Königin war in der Stadt die Sicherheitsstufe zwei ausgegeben worden, nur für amerikanische und israelische Staatsoberhäupter wird die „Eins“ verhängt. So konnten viele Fans etwa am Hotel Adlon relativ nahe und die Queen herankommen - und warteten dort auch geduldig, als der große, dunkelrote Wagen samt Blaulicht-Begleitung um kurz nach 13 Uhr dort eintraf.

Nach einer kurzen Mittagspause stand dann schon der nächste Programmpunkt auf dem Plan. Im selben Kostüm wie am Morgen – ganz in Weiß, mit Hut, Handschuhen, schwarzer Handtasche– startete die Queen um 14.20 Uhr Richtung Technische Universität (TU) Berlin. In der Universität an der Straße des 17. Juni war eine besondere Vorlesung geplant, die „Queen’s Lectures“ hat die Königin vor 50 Jahren persönlich Berlin geschenkt (siehe Artikel rechts). Neben dem Präsidenten-Ehepaar saß als Überraschungsgast auch Angela Merkel in der ersten Reihe, als Neil MacGregor sein Publikum mitnahm auf eine Gedankenreise durch die britisch-deutsche Freundschaft der vergangenen Jahrhunderte.

Was ist der Sinn eines solches Besuchs? Wahrscheinlich eher weniger das Amüsement, die Queen lauschte dem Vortrag interessiert und ging erst aus sich heraus, als ihr Studenten nach dem Konzert im Lichthof einen tanzenden Roboter vorführte. Der beendete seine Bewegung mit einer Geste, die Elizabeth II. seit frühester Kindheit kennen: dem begeisterten Winken der Fans, das die Queen spontan zum Lachen brachte. Roboter wie diese sollen demnächst Arbeiten im Haushalt und im Alltag verrichten. Das ist die Zukunft der Technik, die Königin sprach mit den jungen Wissenschaftlern noch einen Moment darüber. Doch auch ihre eigene Mission hat mit der Zukunft zu tun. Deswegen ist sie jetzt noch einmal Berlin und sorgt mit ihrer Anwesenheit dafür, dass in Großbritannien ein vielfältiges Bild von Deutschland gezeigt wird. Und ein freundliches, ob nun von winkenden Robotern oder lachenden Fans.

Um 20.30 Uhr stand dann der gesellschaftliche Höhepunkt des ersten Queen-Tages in Berlin auf dem Plan: Das Staatsbankett im Schloss Bellevue. Bevor es losging, traf Queen Elizabeth II. im Büro des Bundespräsidenten Horst Köhler, den Altbundespräsidenten, sowie die Witwen früherer Bundespräsidenten, Christina Rau und Marianne von Weizsäcker. Christian oder Bettina Wulff standen nicht auf dem Programm. Anschließend wurde die Königin zum Bankett geleitet. Es folgte das Defilee, das Vorbeischreiten der 136 Gäste, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel und Joachim Sauer, Großbritanniens Premierminister David Cameron, Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier und der Regierende Bürgermeister Berlins, Michael Müller. Nach dem Défilée hielt zunächst Bundespräsident Joachim Gauck eine Rede. Er beschwor den Zusammenhalt in Europa. „Die Europäische Union braucht Großbritannien“, sagte Gauck. Er würdigte den Einsatz der 89 Jahre alten Königin für die europäische Integration. Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Teilung das Kontinents stehe die EU vor großen Herausforderungen. Deshalb sei ein konstruktiver Dialog über die von Großbritannien angestrebten Reformen unerlässlich. Deutschland werde diesen Dialog unterstützen. „Großbritannien ist Teil Europas.“

Im Anschluss sprach die Queen, die in einer weißen Robe von Stewart Parvin mit Queen-Mary-Tiara gekommen war, selbst. Es soll die einzige offizielle Rede der Queen beim Deutschlandbesuch bleiben. „ Großbritannien zählt sich seit 1945 zu den engsten Freunden Deutschlands in Europa“, sagte die Queen. Sie würdige die Leistung der deutschen Staatsmänner, die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg neu erfunden und Europa mit wiederaufgebaut hätten. Dann hob die Königin einzelne Termine des Tages noch einmal hervor. Während der Schifffahrt habe sie weniger Baukräne als 2004 gesehen. Besonders habe ihr die Kuppel des Reichstags gefallen. Eine Warnung hatte die Queen jedoch auch. „Wir haben erlebt, wie schnell sich die Dinge zum Guten wenden können, wir wissen aber auch, dass wir uns ernsthaft anstrengen müssen, die positiven Veränderungen in der Welt seit dem Krieg zu erhalten. Wir wissen, dass Spaltung in Europa gefährlich ist und dass wir uns davor in Acht nehmen müssen, im Westen wie auch im Osten unseres Kontinents. Dies bleibt unser gemeinsames Bestreben.“ Beim Essen, es gab Bachforelle, Rücken vom Müritzlamm und eine Variation von Erdbeeren, diskutierte Elizabeth II. angeregt mit Daniela Schadt. Kanzlerin Merkel, lavendelfarben gekleidet, vertiefte sich ins Gespräch mit dem Ehemann der britischen Königin. Und Joachim Gauck scherzte mit der Queen, wenn auch zurückhaltend. Die beiden Staatsoberhäupter schienen den Tag miteinander genossen zu haben. Insgesamt war es ein warmer Empfang für Elizabeth II. an diesem Tag in Berlin.