Insekten

Die Gottesanbeterin breitet sich in Berlin aus

Die langen Schenkel gleichen einer Säge, das Unterbein einer Harpune: Die Gottesanbeterin kann blitzschnell zuschnappen - und breitet sich auch in Berlin aus. Für Forscher ist das ein Rätsel.

Foto: al / R3516_Kina_57578

Die heiße Junisonne brütet – und lässt in Brandenburg eine Spezies schlüpfen, die wir eigentlich nur aus den Urlaubsgebieten von Spanien, Italien und Griechenland kennen: Die Gottesanbeterin folgt den Temperaturen nach Norden und ist auf dem Vormarsch nach Ostdeutschland. „Es wird vermutet, dass sie sich unter der Zunahme von Hitzeperioden des Klimawandels weiter nach Norden ausbreitet“, so die Biologin Catherine Linn, Wissenschaftlerin an der Uni Mainz. In einer aktuellen Studie dokumentieren die Mainzer Forscher nicht nur die ersten Funde der Schreckenart in Brandenburg. Wegen des trockenen Frühlings gehen sie auch von einem „Populationswachstum“ der Gottesanbeterin aus. Und das südländische Klima dürfte noch einige andere Fremdlinge in die Region locken.

Ursprünglich zeigen sich Gottesanbeterinnen nur in den Küstenregionen des Mittelmeers. „Gehen Sie in Italien in den Urlaub, dort sehen Sie die Tiere beim Spazierengehen“, sagt Monika Hilker vom Biologischen Institut der Freien Universität (FU) Berlin. „In Deutschland würde man die höchstens im Breisgau vermuten.“ Die ersten Exemplare haben sich inzwischen bis in den Norden Deutschlands ausgebreitet, mehrere Exemplare auch in Brandenburg. An den Rändern von Tagebaugebieten und auf Truppenübungsplätzen fühlen sie sich besonders wohl. Sie leben am liebsten an geschützten Orten, in Büschen und in Gräsern. Von dort gehen sie in ihrer namensgebenden Pose, mit angewinkelten „betenden“ Vorderbeinen, auf die Pirsch. Und schnappen nach Bienen, Fliegen, Milben, Heuschrecken – also nach „allem, was draußen herumfliegt“, sagt Hilker. „Dabei wirken sie auf uns Menschen erst einmal bedrohlich, wenn sie die anderen Tiere bei lebendigem Leib fressen“. Für den Menschen sind sie dagegen ungefährlich und „sogar gut“, so Hilker: „Wenn wir Schädlinge im Blumenbeet haben, dann halten sie die Population für uns in Schach.“

„Das Klima hat sich verschoben“

Gartenliebhaber können sich über die Helfer freuen. Klimaforscher dürften dagegen aufhorchen: Gottesanbeterinnen fühlen sich eigentlich nur in warmer Umgebung wohl. Dass die Tiere in Brandenburg überleben, schiebt Anja Sorges, Geschäftsführerin vom Naturschutzbund (Nabu) Berlin, in erster Linie auf die milden Winter. „Das Klima hat sich verschoben. Es gibt einige Arten, von denen wir annehmen können, dass sie günstigerem Klima und Nahrungsangebot gefolgt sind“, sagt sie. Auf welchem Weg die Gottesanbeterinnen nach Brandenburg gekommen sind, ist unter Wissenschaftlern umstritten. Der Nabu geht davon aus, dass ein Großteil der Schrecken aus Süddeutschland gen Norden gewandert ist. Geht es nach der Mainzer Studie, könnten sie sich aber auch aus dem milden Elbetal aus Polen Richtung Westen eingeschlichen haben.

Die Berliner Population ist etwa genetisch verwandt mit den Gottesanbeterinnen in Tschechien. Die kalten polnischen Winter können den Eigelegen nichts anhaben, weil die Eier in einem erhärteten Schaumsekret bis zu minus 40 Grad überstehen. Den Brandenburgischen Winter überleben sie ohne Probleme. In diesen Tagen schlüpfen die ersten Larven. Aus einem Gelege schlüpfen durchschnittlich 150 Jungtiere von der Größe einer Waldameise. Wie viele Tiere durchkommen, das hänge laut Sorges ganz davon ab, wie viele Larven ins sogenannte Imagostadim übergehen. Da der Frühling in diesem Jahr besonders mild ausgefallen ist, wird die Population in diesem Sommer womöglich explodieren. Die Männchen werden fünf bis sechs, die Weibchen bis sieben Zentimeter groß. Nach bis zu sieben Häutungen schlüpft aus der Larve das Insekt. „Die ausgewachsene Gottesanbeterin lässt sich am besten in den Monaten Juli bis August in den Brandenburger Vorgärten sichten“, sagt Sorges.

Riesige Artenvielfalt bei Mücken

Und das Insekt ist nicht der einzige tierische Einwanderer. „Allein aus dem Reich der Mücken hat sich in der Region inzwischen eine nahezu unüberschaubare Artenvielfalt aus südlichen Gefilden niedergelassen“, sagt Sorges. „Für den Normalmenschen sind die oft gar nicht unterscheidbar.“ Wie viele Exemplare einer bestimmten Insektenart eingewandert sind, lässt sich deshalb kaum schätzen. Einfacher ist es da mit Vögeln und Säugetieren. Der Bienenfresser ist laut Sorges so ein Beispiel. Der Vogel mit dem türkis-rostbraunen Gefieder ist ursprünglich im Mittelmeerraum beheimatet. „Inzwischen hat er den Spring über die Alpen geschafft“, sagt sie. Bis nach Sachsen-Anhalt ist er vorgedrungen. Demnächst könnte er also schon in Brandenburg zu sehen sein. Auch der Waschbär und das graue Eichhörnchen haben sich inzwischen in der Region durchgesetzt.

Ob die Gottesanbeterin in den Brandenburger Wäldern am Ökosystem Schaden anrichtet, lässt sich laut Sorges nur schwer vorhersagen. „Das sind komplexe Zusammenhänge. Von den Waschbären hat man ursprünglich gedacht, die würden der Singvogelwelt den Garaus machen“, sagt sie. „Im Nachhinein sehen wir: Sie haben sie nicht ausgerottet.“ Die Gottesanbeterin ist noch ein Neuling. 1998 haben Naturschützer ein erstes Exemplar auf dem Gelände des Güterbahnhofs in Schöneberg gesichtet. Erst in den letzten vier Jahren haben die Mainzer Forscher Fälle aus Brandenburg dokumentiert. Sorges: „Wir werden warten müssen, wie sich Population entwickelt.“